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36 Jahre Konkret CD

36 Jahre Konkret CD


Heft 06 2010

von konkret

   Diekmanns Blagen

Die Berliner "Tageszeitung" widmete sich der Nachricht, daß Anja Röhl, Tochter von Klaus Rainer Röhl, von ihrem Vater sexuell mißbraucht worden sei, und nutzte die Gelegenheit, die vor 53 Jahren gegründete Zeitschrift KONKRET auf jene fünf Jahre zwischen 1967 und 1972 zu reduzieren, in denen Röhl daraus eine Art "Playboy" für den kleinen Jungsozialisten gemacht hatte, in dem für die Kolumnistin Ulrike Meinhof kein Platz mehr war, und jede Erwähnung der übrigen neun Zehntel der KONKRET-Geschichte sorgfältigst zu vermeiden.

In weiser Voraussicht hatte es in LITERATUR KONKRET 2009/2010 zur KONKRET-Historie und ihren Protagonisten Röhl, Rühmkorf und Aust geheißen:

"KONKRET? Gibt's das noch? Früher hab ich das auch gelesen." Das Früher der älteren Herren sind die Jahre, in denen KONKRET mit allerlei Onanierhilfen und Titelzeilen wie "Mögen Frauen Vergewaltigung?", "Was Mädchen weich macht - Rezepte für Männer" oder "Machen Miniröcke dumm?" für Absatz gesorgt hatte. Der Lyriker Peter Rühmkorf war noch in seinen letzten Lebenstagen stolzer Theoretiker dieses vom ihm erfundenen Verkaufsrezepts, dessen Praktiker, sein Freund Klaus Rainer Röhl, bei der Auswahl der Titelbilder stets darauf bestand, daß der nackte Hintern der Abgebildeten am rechten Bildrand erschien, denn: "Man schlägt von rechts."

Geschäftsführender KONKRET-Redakteur jener Jahre war unter anderen ein gewisser Stefan Aust. Wenn Not am Mann war, ging der investigative Journalist auch gern selbst mit der Kamera auf Motivsuche für "heiße Reports" ("Liebe unter freiem Himmel - Wie frei sind Deutschlands Mädchen?"; 10/67) oder reiste an den "Sonnenstrand von Bulgarien" (7/67): "Bäuchlings liege ich im heißen Sand. Ich bin braun wie ein Zeozon-Mann und nackt wie Adam vor dem Sündenfall."

Vier Jahrzehnte lang sonnte sich Aust in dem Ruhm, die Röhl-Zwillinge Bettina und Regine 1970 aus einem Camp der RAF in Sizilien, wohin sie ihre Mutter Ulrike - wie es nun scheint - vor Klaus Rainer in Sicherheit gebracht hatte, "befreit" und ihrem liebenden Vater zurückgebracht zu haben. Mit der längst fälligen Arbeit, wenn nicht die Geschichte, so doch Austs Kolportage vom "Baader-Meinhof-Komplex" umzuschreiben, hat Anja Röhl einen Anfang gemacht.

   Osbournes Fans

Als "Deutschland-Abend - Nestbeschmutzungen mit Gremliza und Dath" hatte der Hamburger Senat in seinem Kulturkalender die Veranstaltung zum 8. Mai 2010, dem 65. Jahrestag der unvollendeten Befreiung Europas und der Welt vom deutschen Wahn in Lisa Politts Theater (Polittbüro) angekündigt, wo Dietmar Dath, als "literarischer Amokläufer" und "Rebellionsromantiker" annonciert, Texte aus Gremlizas Gegen Deutschland und einem unveröffentlichten Manuskript lesen sollte, und Gremliza, "die immer wieder anstoßerregende Edelfeder unter den Journalisten hierzulande" (tja, da muß man durch!), Texte aus Daths Deutschland macht dicht und Maschinenwinter. Am Montag drauf berichtete Springers "Welt" unter dem Titel "Zu Ozzy Osbourne fällt mir nichts ein". Kurzfassung:

Ist die Gesellschaftskritik noch auf der Höhe der Zeit? Ein Generationentreffen zwischen Dietmar Dath und Hermann L. Gremliza in Hamburg. Wenn es zwei Intellektuelle gibt in Deutschland, die Gesellschaftskritik in ihrer klassischsten Form betreiben, dann sind sie es.

"Ich mag den 8. Mai nicht mehr als Tag der Befreiung bezeichnen", eröffnet Gremliza den Abend. Schließlich markiere das Datum mittlerweile den Tag, an dem die Deutschen vor allem die Befreiung von dem Vorwurf feierten, einmal Nazis gewesen zu sein. Die grundsätzliche Ablehnung der bestehenden Verhältnisse, für die KONKRET steht, ist schließlich Ausgangspunkt, aber nicht Endpunkt der meisten intellektuellen Biographien. Gremliza selbst ist mittlerweile 69 Jahre alt.

Der Schriftsteller Dath, sein Gesprächspartner an diesem Abend, ist gerade vierzig geworden und bekannt als strahlender Sonderling des Suhrkamp-Verlags. Seine Themen sind Mathematik, Death-Metal, Pornos und Sozialismus. "Ich lese KONKRET, seit ich fünfzehn bin", offenbart sich Dath als Fan. Gremliza scheint sich allzu gut eingerichtet zu haben in einem recht manichäischen Weltbild. So bleibt es Dath überlassen, seinen Gesprächspartner darauf hinzuweisen, wer eigentlich Ozzy Osbourne ist - dabei ist der Altrocker nur acht Jahre jünger als Gremliza.

Daths Gesellschaftskritik ist deutlich alltagsorientierter und pragmatischer als die des KONKRET-Herausgebers. Er beschimpft auf der Bühne den grünen Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Freiburg, weil der die Sozialwohnungen verkaufen will, und lobt eine namentlich nicht genannte Redaktion, der es gelungen ist, durch einen solidarischen Bummelstreik die Entlassung von Grafikern rückgängig zu machen. Schließlich zieht er "Business Punk" unter dem Tischchen hervor, das neue, schrille Wirtschaftsmagazin von Gruner und Jahr. "Zu meiner Zeit bedeutete Punk, daß man Polizisten anspuckt", meint Dath, "heute wohl eher, daß man seine Praktikanten anspuckt und das dann auch noch mit dem Handy filmt." Und ans Publikum gewandt: "Bitte werden Sie alles, bloß kein Business Punk!"

Zu alledem nur so viel: Erstens hat Gremliza, als Fan von Ozzys Frau Sharon, keine Folge von "The Osbournes" versäumt. Zweitens ist sein Weltbild insofern tatsächlich manichäisch, als er darauf beharrt, einen Unterschied zu machen zwischen gut und Börse.

   Apple's Alptraum

Die "E-Book-News" verteidigen ihr Vaterland:

In KONKRET feiert die alte Medienfurcht der deutschen Linken fröhlich Urständ: Das Internet ist für Herausgeber Gremliza eine Kloake des deutschen Kleingeistes, E-Reader wie Apples I-Pad findet Kolumnist Kusenberg fast so schlimm wie Privatfernsehen. Vielleicht weist ja bereits die technisch veraltete KONKRET-Homepage auf ein grundsätzliches Problem mit dem drahtlosen Zeitalter: Man ist zwar drin, aber noch nicht wirklich angekommen.

KONKRET nennt sich nicht ohne Stolz Deutschlands "einzige linke Publikumszeitschrift". Das 1957 gegründete Magazin erreicht immer noch eine Auflage von 65.000 Stück - obwohl es mit seinen kleingedruckten, dreispaltigen Letternwüsten mittlerweile etwas altmodisch daherkommt.

Traditionell ist jedoch auch die Perspektive auf das Mediensystem: Alles, was mit Masse zu tun hat, und erst recht mit elektronischen Verbreitungsformen, unterliegt erst einmal dem Generalverdacht von Geistlosigkeit und/oder Manipulation. Das Internet etwa wird in der aktuellen Kolumne von Herausgeber Hermann L. Gremliza mal wieder kräftig abgewatscht - es scheine die "große Kloake der öffentlichen Meinung durch unzählige kleine Jauchegruben verdrängen zu wollen". Von der Utopie des Mediums - Stichwort: herrschaftsfreier Diskurs - bleibt da keine Spur mehr. Brecht hatte in seiner "Radiotheorie" noch die Vision: Wenn alle nicht nur empfangen, sondern auch senden dürften, entstünde der "großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem".

Dann steht ja der WWWeltrevolution nichts mehr im Weg. Außer vielleicht KONKRET.

KONKRET Text 56


KONKRET Text 55


Literatur Konkret Nr. 36