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36 Jahre Konkret CD

36 Jahre Konkret CD


Heft 02 2009

von konkret

   Unter Volksgenossen

Nicht nur Deutschland hat Vergangenheit, auch KONKRET. Zu ihr gehört ein Jürgen Cain Külbel. Er hat einen "Offenen Brief" verfaßt:

"Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel,

Betr. Ihre heutige einseitige Schuldzuweisung an die palästinensische Hamas

Etwas anderes als ein Kotau vor dem zionistischen Nationalismus der israelischen Bourgeoisie war von Ihnen selbstverständlich nicht zu erwarten. Bemerkenswert aber ist, daß Sie in einem Land, das nie Krieg geführt hat, aufwuchsen, und trotz Ihrer vorgeblich christlichen Gesinnung einen marketenderischen Hang für die völkerrechtswidrigen Vernichtungskriege der Präsidenten Bush und Olmert entwickeln konnten.

Als Zeichen meiner Mißachtung übersende ich Ihnen symbolisch eine Tasse, die ebenso symbolisch mit palästinensischem Kinderblut gefüllt ist."

In seiner "Kurzbiographie" renommiert der Jauche-Külbel, "seit 2003 als freiberuflicher Journalist für KONKRET, ›Junge Welt‹, ›Neues Deutschland‹ tätig zu sein". Richtig ist, daß Külbel zu keiner Zeit für KONKRET als freiberuflicher Journalist tätig war und "seit 2003" ganz besonders nicht. Der gelernte Kampfsportler hatte sich 2002 nach einer Umschulung zum Journalisten um ein Praktikum bei KONKRET beworben, leider, weil gerade ein Platz frei war, mit Erfolg. In dieser Zeit wurden unter seinem Namen insgesamt zwei Kurzrezensionen und ein (mehrfach umgeschriebener) Beitrag über die Geschäfte des Dick Cheney abgedruckt. Nach Ende des Praktikums wurde Külbel nie wieder für KONKRET "tätig".

Ein wenig anders verhält es sich mit dem Journalisten, über den jetzt die Nazizeitung "Junge Freiheit" schreibt:

"Der linke Journalist und Publizist Jürgen Elsässer will am Wochenende in Berlin der Öffentlichkeit seine 'Volksinitiative gegen Finanzkapital' vorstellen: 'Hauptaufgabe der Linken ist der Aufbau einer Volksfront, die das national bzw. ›alt-europäisch‹ orientierte Industriekapital einschließt', schreibt Elsässer. Weiter in den ausgetretenen Pfaden des 'Klassenkampfs' zu wandeln, sei dagegen 'sektiererischer Unsinn' ... Die 'Antideutschen' allerdings, deren engagierter Fürsprecher er einst war, brachen mit Elsässer spätestens 2002 (!) bei Beginn der amerikanischen Invasion im Irak, gegen die er wegen ihres "imperialistischen" Charakters vehement anschrieb. Weil er damit in die Nähe der neuen Friedensbewegung rückte, die KONKRET-Herausgeber Herbert (!) L. Gremliza als 'deutsch-national' geißelte, flog Elsässer aus dem Blatt."

Nach seinem unfreiwilligen Abgang, der von manchen Lesern nicht auf Anhieb verstanden wurde, bemühte sich der Geschaßte Monat um Monat eifriger, die Gründe dafür nachzuliefern. Bis schließlich die Nazis von der NPD erklären konnten:

"Der NPD-Fraktionsvorsitzende Holger Apfel hat heute die Gründung einer 'Volksinitiative gegen Finanzkapital' durch den Publizisten Jürgen Elsässer begrüßt ... In dem von Jürgen Elsässer verfaßten Gründungsaufruf heißt es unter anderem: 'Die Krisenanalyse der meisten Linken ist falsch, da sie das imperialistische Moment sträflich unterstützt (bei Elsässer: 'unterschätzt'; d. Red.): Die aktuell einsetzende Depression ist Ergebnis eines bewußten Angriffs des anglo-amerikanischen Finanzkapitals auf den Rest der Welt ... Hauptaufgabe der Linken ist der Aufbau einer Volksfront, die das national bzw. ›alt-europäisch‹ orientierte Industriekapital einschließt. Die Reduktion auf Klassenkampf ist sektiererischer Unsinn. Hauptaufgabe der Volksfront ist die entschädigungslose Nationalisierung des Finanzsektors und die Abdrängung der anglo-amerikanischen Finanzaristokratie aus Europa, in der Perspektive ein eurasisches Bündnis.'

Der NPD-Fraktionsvorsitzende Holger Apfel äußerte heute dazu: 'Der Gründungsaufruf von Jürgen Elsässer für eine Volksinitiative gegen Finanzkapital ist ein bemerkenswertes Signal. Jürgen Elsässer betätigt sich als Eisbrecher ... Mit den Forderungen, die er in seinem Gründungsaufruf vertritt, hat er sich NPD-Positionen nicht angenähert, nein, er vertritt NPD-Positionen. Elsässer braucht sich freilich nicht mehr die Mühe machen, seine Positionen noch ausführlich auszuformulieren. Seine Position findet sich schon in der mehr als 130 Seiten umfassenden Folge 13 der vom NPD-Parteivorstand herausgegebenen Schriftenreihe ›Profil‹, die unter dem Titel Raumorientierte Volkswirtschaft statt Basar-Ökonomie bereits im Jahr 2006 erschienen ist.'"

Ende gut, alles gut: Nach Schluß der Gründungsveranstaltung sollen einige Personen in die Berliner Gaststätte Max & Moritz eingedrungen sein, um zweien der etwa zwölf braunen Gäste Elsässers, unter ihnen ein bekannter Holocaust-Leugner, mit Bierflaschen den Scheitel nachzuziehen, ein Verfahren, zu dem Elsässer, als er noch einigermaßen bei Sinnen schien, hurra gerufen hätte, während er heute darauf zu spitzen scheint, bei der Ausgabe der Mitgliedsausweise seiner Volksinitiative den mit der Nummer sieben zu erwischen.

Zum besonderen Kolorit dieses Milieus gehört, daß Jürgen Külbel bei seiner Kampagne "Eine Tasse Blut für die Bundeskanzlerin" von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann, wahlweise auch "Gruppe Arbeiterfotografie" oder "AG Friedensforschung an der Uni Kassel/Friedenspolitischer Ratschlag", unterstützt wird (siehe KONKRET 9/08, Editorial), die mit Elsässer ein Interview für die Internetzeitschrift "Neue Rheinische Zeitung" geführt haben, dessen Text die Redaktion, obwohl auch sie für Külbels braune Kinderblut-Jauche wirbt, denn doch nicht drucken wollte, um die "FragestellerInnen nicht zu blamieren" - manchmal legen sogar Antisemiten Wert auf ihre eigene Note.

   No-go-area Deutschland

In dieser monatlichen Internetchronik auf der KONKRET-Homepage werden Vorfälle aus dem ganz normalen deutschen Alltag dokumentiert (siehe www. konkret-verlage.de/kvv). Um eine möglichst vollständige Aufzählung zu gewährleisten, werden Leserinnen und Leser gebeten, ihnen bekanntgewordene rassistische, antisemitische und/oder neofaschistische Vorfälle (mit Quellenangabe) an die E-Mail-Adresse nogoarea_ D@web.de zu melden. Alle bisherigen Monatschroniken können bei der Redaktion angefordert werden.

   Für Neugierige

Wer will schon wissen, was Gremlizas liebster Film ist? Gunnar Geller, der Betreiber eines Kinoblogs, wollte es, und weil jede fünfzigste Anfrage positiv beschieden wird, ist die Antwort jetzt unter http://kinoprovinz.blogspot.com nachzulesen. Horst Tomayer übrigens, so viel soll verraten sein, hat die Wahl gebilligt.

KONKRET Text 56


KONKRET Text 55


Literatur Konkret Nr. 36