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36 Jahre Konkret CD

36 Jahre Konkret CD


Heft 02 2008

von konkret

   Die Weisen von Zion sterben nicht aus

"Dem Juden ist es erlaubt, zum Nichtjuden zu gehen, diesen zu täuschen und mit ihm Handel zu treiben, ihn zu hintergehen und sein Geld zu nehmen. Denn das Vermögen des Nichtjuden ist als Gemeineigentum anzusehen, und es gehört dem Juden, der es sich sichern kann."

So steht es geschrieben im jüdischen Talmud. Das behaupteten jedenfalls Roger Willemsen und Dieter Hildebrandt in ihrer Kabarettshow "›Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!‹ Die Weltgeschichte der Lüge". Im vergangenen Oktober fragte KONKRET bei Willemsen nach, wo das Zitat denn zu finden sei, doch Willemsen antwortete nicht und war bei einer zufälligen Begegnung auf der Buchmesse nicht bereit, mit einem KONKRET-Autor auch nur zu reden.

Daraufhin hatte KONKRET im November selber die Antwort gegeben: Das Zitat ist nicht aus dem Talmud, es stammt aus dem unerschöpflichen Fälschungsfundus, der zumeist auf katholische Theologen des 19. Jahrhunderts zurückgeht und bis heute eifrig weitergereicht wird. In der im Dezember erschienenen 4. Auflage des bei S. Fischer verlegten Begleitbuchs von Willemsen und Traudl Bünger ist das Zitat nun stillschweigend gestrichen. Statt sich zu entschuldigen, beharren die Helden der Wahrheit allerdings darauf, der Talmud erlaube zumindest "den Schummel an Nichtjuden: Wenn einer sich zu seinem Nachteil geirrt habe, so brauche man ihn nicht darauf aufmerksam zu machen." Das folgt der einschlägigen "Argumentation", wie sie etwa auf der Internetseite eines glühenden Antisemiten, der sich hinter dem Pseudonym Hans Bolte versteckt, üblich ist: Zuerst wird das gefälschte Zitat weitergereicht, im Kleingedruckten gibt man dann zu, daß es im Talmud nirgends zu finden ist - und verweist statt dessen auf eine Textstelle, wo sinngemäß das gleiche stehe. Wovon natürlich keine Rede sein kann, was freilich niemanden mehr interessiert. Schummel? Niedertracht trifft die Sache besser.

   Und auch die Lieben hören nimmer auf (Fortsetzung).

Nachdem die "Zeit" auf ihre Anfrage, ob Gremliza für ihr Magazin "Leben" eine Kolumne über das Thema "Wie mache ich mehr aus meinem Typ?" schreiben wolle ("Ohne Sie wäre das natürlich ein Torso. Wir wären glücklich, Sie mit dabei zu wissen"), vom Büro des Herausgebers den Bescheid erhalten hatte, daß dieser "überzeugt sei, aus seinem Typ das meiste zu machen, wenn er Angeboten wie dem Ihren nicht nähertrete", war noch immer nicht Schluß:

"Liebes KONKRET, Büro des Herausgebers,

haben Sie Dank für die beherzte Antwort, die leider eine Absage ist. Sie gefällt uns allerdings so gut, daß wir diese gerne abdrucken würden. Kann Sie das stören?

Fragt freundlich,

Adam Soboczynski

'Die Zeit' / Redaktion 'Zeitmagazin Leben'"

   Dann doch lieber Zensur

Die "Frankfurter Rundschau" berichtet über die Affinität von Burdas "Focus" zu dem Naziblatt "Junge Freiheit":

"Im Interesse der Meinungsfreiheit trat ('Focus'-Chef vom Dienst) Klonovsky nach eigenen Angaben auch 2006 als Unterstützer der "JF" gegen ihren Ausschluß von der Leipziger Buchmesse auf (wie sein Chef Helmut Markwort) - 'das hätte ich auch für KONKRET getan'."

Bitte nicht. KONKRET zieht die Zensur, die ein Büttel ausübt, der Meinungsfreiheit, die ein "Focus"-Redakteur reklamiert, jederzeit vor.

   Sprungbrett KONKRET (7)

Einer hat gleich zweimal drauf gewippt: 1967 und 1975. Das erste Mal avancierte der Berufsanfänger zum "geschäftsführenden Redakteur" des nach Röhls und Rühmkorfs Rezept popularisierten Blatts ("Liebe unter trübem Himmel - Wie frei sind Deutschlands Mädchen?"), bevor er über die "St. Pauli-Nachrichten" (und die dort gemeinsam mit Horst Tomayer verfaßte Kolumne "Hein und Fietje") zur "Panorama"-Redaktion des NDR stieß. Als die dort wirkenden Intriganten ihn nach einiger Zeit kaltstellten, kehrte er zu KONKRET zurück, diesmal als Kritiker des Staatsapparats, insbesondere der Justiz und der Geheimdienste. Mit seinem "Baader-Meinhof-Komplex", der bis heute mustergültigen Pathologisierung einer Revolte, orientierte der junge Mann sich endgültig um und ließ sich von Rudolf Augstein als Chefredakteur erst zu "Spiegel-TV", dann zum gedruckten Magazin holen. Als nach Augsteins Tod Mitarbeiter und andere Gesellschafter die erste Gelegenheit ergriffen, ihn wieder hinauszuwerfen, war das nur noch Begleitmusik zu seinem nächsten und höchsten Sprung: Eines der von ihm auf dem elterlichen Hof bei Stade gezüchteten Pferde erzielte bei einer Auktion 2007 einen Preis von 400.000 Euro. Warum, Stefan, hast du diesen schönen Beruf nicht gleich ergriffen?

   Ein Stück Sozialkunde

Leserin Ilse Beck schreibt der Redaktion:

"Ich hatte in KONKRET 1/08 in 'Herrschaftszeiten' den kleinen Artikel über die Qualifizierungsmaßnahme für Frauen über 50 gelesen und habe eine Mail an diese 'Arbeit Hellweg Aktiv (AHA)' geschickt - auch als Protest gedacht natürlich. Die Mail und die darauf erfolgte Antwort schicke ich an Sie weiter. Es ist haarsträubend!"

Anfrage an die "AHA" Soest:

"Ich habe erfahren, daß insgesamt zehn ältere Frauen über die AHA Soest in Arbeit vermittelt wurden, die sie ohne Bezahlung verrichten, zum Beispiel in einer Drogeriekette in Soest. Diese Frauen bekommen nicht mal den berühmten 1 Euro pro Stunde. Ist das so richtig? Und ist es auch richtig, daß die Frauen bei Ablehnung einer solchen 'Qualifizierungsmaßnahme' (acht Stunden am Tag in der Drogerie!) die unverzügliche Sperrung der Hartz-IV-Bezüge hätten hinnehmen müssen?

Antwort der "AHA" Soest:

"Sehr geehrte Frau Beck,

In der Zeit der Arbeitslosigkeit erhalten die Hilfebedürftigen aus Steuergeldern Leistungen in Höhe des vom Gesetzgeber definierten Mindestbedarfs (z.B. für eine erwachsene Einzelperson monatlich 347 Euro) und den monatlichen Ersatz der angemessenen Mietkosten incl. der Nebenkosten (Kosten der Unterkunft). Die Arbeit Hellweg Aktiv (AHA) und auch die Hilfebedürftigen haben alles zu tun, die Hilfebedürftigkeit zu beenden. Die Arbeit Hellweg Aktiv - die Arbeitsgemeinschaft von Kreisverwaltung Soest und Agentur für Arbeit Soest zur Umsetzung des Zweiten Sozialgesetzbuches im Kreis Soest - vereinbart daher mit Bildungsträgern vertraglich nach entsprechendem Vergabeverfahren die Durchführung von Projekten zur Wiedereingliederung arbeitsloser, hilfebedürftiger Menschen in das Arbeitsleben. Die Teilnahme an einem Projekt wird über eine Eingliederungsvereinbarung - vertragliche Vereinbarung zwischen der AHA und den Hilfebedürftigen - vereinbart. Für die unentschuldigte Nichtteilnahme an einer Maßnahme der Eingliederung sieht der Gesetzgeber Sanktionen vor.

Zu der von Ihnen angesprochenen Maßnahme ist zu bemerken, daß Bestandteil der Maßnahme eine Praktikumszeit ist, die möglichst in einem Betrieb abgeleistet werden soll, der neue Mitarbeiter sucht. Auch während der Zeit des Praktikums erhält die Praktikantin ihre Hilfeleistungen wie oben beschrieben weiter. Eine Entlohnung auch in Form eines Euro wird nicht gezahlt, da es sich nicht um einen sogenannten 1-Euro-Job (eine Arbeitsgelegenheit, die gemeinnützig und zusätzlich sein muß) handelt.

Ich hoffe, ich habe Ihnen damit Ihre Fragen ausreichend beantwortet.

Mit freundlichem Gruß

Barbara Schäfer (st. Geschäftsführerin),

Arbeit Hellweg Aktiv (AHA) Soest"

Leserin Beck schreibt zu dieser Antwort:

"Interessant wäre zu verfolgen, ob die Frauen tatsächlich irgendwann in diesen Drogerien eingestellt werden, da die ja angeblich neue Mitarbeiter suchen. Seit wann stellt man denn so neue Mitarbeiter ein, seit wann müssen neue Mitarbeiter erst mal monatelang unentgeltlich arbeiten? Bekommt die Drogerie am Ende - wie sonst bei der Beschäftigung von 1-Euro-Jobbern üblich - auch noch Geld vom Staat dafür, daß sie diese 'Hilfebedürftigen' überhaupt arbeiten läßt?"

Die Frage stellen heißt sie beantworten.

KONKRET Text 56


KONKRET Text 55


Literatur Konkret Nr. 36