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36 Jahre Konkret CD

36 Jahre Konkret CD


Heft 09 2007

von konkret

   Eine Würdigung

In einem "Brief aus Berlin" schreibt Israels führende Tageszeitung "Haaretz" über "Die Anti-anti-Zionisten":

"KONKRET ist die am weitesten verbreitete und älteste Zeitschrift für Kultur und Politik in der pro-israelischen deutschen Linken. Hermann L. Gremliza, ihr Herausgeber seit 1974, ist ein standhafter Gegner aller Manifestationen von deutschem Nationalismus und Patriotismus. Das vereinte Singen der deutschen Nationalhymne anläßlich der Zerstörung der Berliner Mauer am 9. November 1989 durch die Mitglieder aller westdeutschen Parteien ließ Gremliza aus der SPD austreten. Für ihn bedeutete die vereinte Vorführung von politischem Patriotismus eine unangenehme Erinnerung einer ähnlichen Szene von 1933, als die Sozialdemokraten nach einer außenpolitischen Erklärung Hitlers zusammen mit den Nationalsozialisten die Nationalhymne gesungen hatten. Daran erinnernd, daß der 9. November 66 Jahre zuvor das Datum der 'Kristallnacht', einer Orgie staatlicher und politischer Gewalt gegen Deutschlands Juden, gewesen war, schrieb Gremliza: 'Jeder große Tag für Deutschland war ein schwarzer Tag für die Menschheit und umgekehrt.'"

Der vollständige Beitrag (Autor: Benjamin Weinthal), der auch die Haltung von KONKRET zum Irak-Krieg würdigt, ist nachzulesen unter haaretz.com/hasen/pages/ShArt.jhtml?itemNo=890853.

   Springersche Zustände

Nachdem Henryk M. Broder sich für frühere ungebührliche Meinungen bei Axel Springer selig entschuldigt hat, revanchiert sich dessen "Welt am Sonntag", Leibblatt aller alten Kameraden, mit einem ganzseitigen Porträt, das den Secondhand-Polemiker gleich mit einem seiner berühmten Zitate zitiert: "Gebt den Juden Schleswig-Holstein!" Ein netter, vielleicht ein bißchen später Einfall, ein Oldtimer mit leichten Gebrauchsspuren sozusagen. Vor zweiundzwanzig Jahren nämlich, im Mai 1985, hatte Gremliza in seiner Kolumne gefragt, "warum statt der armen Araber nicht die Rechtsnachfolger der Täter den Juden ein Staatsgebiet zur Verfügung zu stellen hätten, beispielsweise das Bundesland Bayern, inklusive seines toten Inventars. Da könnten wir das Lebensrecht des jüdischen Staates rundherum selbst garantieren." Aber, wie der Dichter sagt: Besser gut abgeschrieben als schlecht selbstverfaßt.

Im folgenden erzählt Broder der NDR-Redakteurin Iris Ockenfels, die in ihrer Freizeit auf Springers Beistrich geht:

"Bis Ende der 1970er/Anfang der 1980er (ist Broder) in dieser politisch links orientierten Clique, KONKRET-Herausgeber Hermann L. Gremlitza (sic) und 'Emma'-Schöpferin Alice Schwarzer sind dabei. Man ist sich einig in der Verurteilung der Nazi-Verbrechen der vorangegangenen Generation. Doch Broder soll bald den Großteil dieser Freunde verlieren, denn da ist etwas, was ihn an der auch in den Medien vertretenen Haltung der politischen Linken stört: linker Antisemitismus. In einem offenen Brief in der 'Zeit' wirft Broder 1981 seinen Freunden vor: 'Ihr bleibt die Kinder eurer Eltern. Euer Jude von heute ist der Staat Israel.' Er bricht damit ein Tabu ... Dies ist auch sein Abschied von Deutschland. Er zieht nach Jerusalem."

Stimmt, fast. Nur daß Broder seinen Abschied von Deutschland bereits 1980 in einem Buch angekündigt und mit dem Satz begründet hatte: "Ganz offensichtlich rege ich mich über Sachen, Zustände und Verhältnisse auf, über die sich nur eine winzige Minderheit aufregt." Nahezu alles, was er über die Zustände auf dem Herzen gehabt hatte, war in 25 Beiträgen seit 1974 in KONKRET erschienen. Und wo kam sein Abschiedsbuch Danke schön. Bis hierher und nicht weiter 1980 heraus? Im Konkret Literatur Verlag. Broders offener Brief im Jahr darauf war bereits der erste Schritt zu einer Rückkehr, die ihn schließlich als Lohnschreiber in die Dienste des "Salon-Antisemiten Augstein" (Broder) und als trauernden Hinterbliebenen an Springers Grab führen sollte.

   Sorry

Für Hermann L. Gremliza

   Wer die Welt nicht verändert,

den verändert die Welt.

Warum auch nicht.

   Nur: Wen die Welt verändert,

bei dem kann man bald

zwischen Kopf und Fuß

nicht mehr unterscheiden.

Warum auch.

   Michael Scharang

Wien, August 2007

   Sprungbrett KONKRET (4. Folge):

Es war im März 1990, da erschien in KONKRET, betreffend den von allen verehrten Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, ein brillanter Essay, dessen Schlußabsatz hier in Erinnerung gerufen sei:

"So bizarr der glaubwürdige Richard von Weizsäcker also auch erscheinen mag, er läßt nur den einen Schluß zu: Genauso muß man sein, um heute und in diesem Land als bester Deutscher adoptiert zu werden und um damit die Identifikation mit dem Staat wie mit einem Amt zu gewährleisten, das vorschreibt, der Wirklichkeit auszuweichen und die Entpolitisierung der Politik und damit ihre Emanzipation vom Menschen zu vollenden. Glückliches Österreich mit seinem geächteten Oberhaupt! Sein Fall läßt nur den Schluß zu, daß man einen Präsidenten nicht braucht. Wir aber wünschen uns unseren Direktor einer verkehrten Welt so sehr wie die Wirklichkeit, die er vor unseren Augen fälscht, eine von interessanten Spannungen, überraschenden Problemen und geschmackvoll gestalteten Nöten gezeichnete Wirklichkeit. Absurd, daß sie uns trotzdem einholen wird, an einem Tag, an dem wir Richard von Weizsäcker dafür feiern werden, daß er uns unseren Tod in bewegenden Worten als Notschlachtung plausibel macht."

Es war dieser Essay und der ihm folgende über Johannes Gross (KONKRET 5/90), der die Feuilletons von "Zeit" und "Spiegel" auf den bis dahin unbekannten jungen Autor aufmerksam machte. Ein Jahr später wurde er vom Fernsehen entdeckt, und heute ist er aus dem Betrieb (als Showmaster, Moderator, Interviewer, Buch-, Bühnen- und Filmautor, Videoinstallateur, Reporter, Gastprofessor, Träger sämtlicher Grimme- und Bayerischen Fernsehpreise, Spendensammler, Botschafter von Amnesty und Terre des Hommes, Kurator von Care international, Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins Hagen e.V.) nicht mehr wegzudenken. Sogar zur Show des Klimperers und "Krawattenmanns des Jahres 2004" Götz Alsmann leistet er seinen Beitrag: Roger Willemsen.

   Ende September erscheint als Band 44 der konkret-texte-Reihe das von Stefan Frank herausgegebene Buch "What's new, economy? Die Transformation der Weltwirtschaft". Zehn Autoren beantworten darin die Frage, wie sich die Weltwirtschaft in den letzten fünf Jahren entwickelt hat (und derzeit entwickelt). Das Buch hat 168 Seiten und kostet 13 Euro. Es kann ab sofort beim Verlag bestellt werden.

   Gunnar Schubert stellt sein Buch "Die kollektive Unschuld. Wie der Dresden-Schwindel zum nationalen Opfermythos wurde" (konkret texte 42) am 19. September um 20 Uhr im Kulturbahnhof Mörfelden, Bahnhofstr. 38, 64546 Mörfelden (bei Frankfurt a. M., www.jugendkulturcafe. org) vor. Der Eintritt ist frei.

KONKRET Text 56


KONKRET Text 55


Literatur Konkret Nr. 36