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36 Jahre Konkret CD

36 Jahre Konkret CD


Heft 07 2007

von konkret

   Und es bewegt sich doch, das World Wide Web: Nachdem KONKRET (6/07) die beim Internet-Lexikon Wikipedia hinterlassene Schmiererei "Bis 1976 war (Hermann Kant) IM für das Ministerium für Staatssicherheit" zitiert, Kant selber weitere acht Fehler in seinem Wikipedia-Lebenslauf aufgezählt und Leser Siegfried Christmann unter Verweis auf KONKRET ein "(gelogen)" hinter den IM gesetzt hatte, war der Passus am 25. Mai um 18 Uhr 45 stillschweigend gelöscht.

   Zwanzig Jahre war Ruhe. 1987 hatte sich der Günter Wallraff zwar geweigert, den von Gremliza gestifteten und mit 30.000 Mark dotierten Karl-Kraus-Preis anzunehmen, sich seither jedoch zwei Jahrzehnte lang an dessen Bestimmung, nichts mehr zu schreiben, sondern einen vernünftigen Beruf zu ergreifen, gehalten, indem er nicht eine neue Reportage auf den Markt gebracht hat. In seiner Preisrede hatte Gremliza damals publik gemacht, daß der berühmte Schriftsteller, der nicht schreiben kann, sich all seine Bestseller hat schreiben lassen. Jetzt, zum zwanzigsten Jahrestag, hatte die "Zeit" den bravourösen Einfall, ihr neues Lifestylemagazin "Leben" mit der Autorenzeile "von Günter Wallraff" interessant zu machen. Der Mann, der 1987 versprochen hatte, sich bei seiner nächsten Reportage "noch existenzieller einzulassen", ist diesmal todesmutig unter falschem Namen und mit blonder Perücke in ein Callcenter eingedrungen und konnte die "Zeit"-Leser mit der Enthüllung verblüffen, daß die Telefonwerber doch tatsächlich Leute anrufen, die gar nicht um einen Anruf gebeten haben. (Man glaubt es nicht!) Die "Zeit" nennt ihn deshalb den "großen Aufklärer", verzichtet ihrerseits aber vorerst auf Aufklärung, wie der aufregende Text, der unter der Autorenzeile "von Günter Wallraff" erschien, zustande gekommen ist.

   Alte Liebe rostet nicht. Nach einem Chefredakteur der "Welt" und diversen seiner Ressortleiter hat ein weiterer Angestellter der Friede Springer versucht, den Herausgeber von KONKRET und Veteranen der erfolglosen "Enteignet Springer"-Kampagne von 1968 doch noch herumzukriegen. Am 14. Mai bat Karl Günther Barth, stellvertretender Chefredakteur vom "Hamburger Abendblatt", Gremliza zu einer Diskussion im konzerneigenen TV-Sender "Hamburg 1" über das Thema "Die Gerechtigkeitsfalle zerreißt die SPD", an der auch ein früherer Chefredakteur von "Bild" namens Röbel, der Vizeliteraturpapst Karasek und der Verleger der Kundenzeitschriften von Siemens und BMW, Bissinger, teilnehmen sollten. Wer freundlich fragt, bekommt freundliche Antwort:

"Sehr geehrter Herr Barth,

haben Sie Dank für Ihre Einladung. Ich bitte Sie um Verständnis, daß ich mich weder dem Thema noch den von Ihnen geladenen Teilnehmern gewachsen fühle."

Und so haben die Millionen draußen an den Bildschirmen wieder einmal nicht erfahren, was Gremliza von dem Zerreißen der SPD durch die Gerechtigkeitsfalle beziehungsweise den Sorgen, die sich der Röbel, der Karasek und der Bissinger darüber machen, halten würde.

   Sprungbrett KONKRET (2): Ein Gruppenbild der KONKRET-Redaktion aus dem Jahr 1968 zeigt am Bildrand, links von dem vor Klaus Rainer Röhl kauernden Stefan Aust, einen schmalen jungen Mann mit zeitgemäß langen dunklen Locken. Der Chronist Jörg Schröder erzählt:

"Ich kenne Lothar aus Frankfurt, er war im SDS und gehörte zu der Handvoll Linken, die in den Jahren 1969 bis 1971 Pornos für meine Olympia Press übersetzten - ja, auch Joschka Fischer war dabei. Ein paar Jahre vorher, im Sommer 1966, hatten in der feudalen Villa von Mennes Eltern am oberbayerischen Kochelsee Dieter Kunzelmann, Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und andere das Projekt einer Kommune beschlossen. Die Entscheidung für Berlin fiel, weil sich die Stadt - anders als München - in den vorausgegangenen Aktionen des SDS als idealtypisches Provokantenparadies erwiesen hatte, die Frontstadthysterie von Springers 'Bild'-Zeitung mit ihrer reißerischen Hetze war ohnegleichen. Lothar Menne ging dann aber doch nicht mit nach Berlin, gehörte also nicht zu den Mitbewohnern der Kommune 1, sondern studierte in Frankfurt. Danach schrieb er für KONKRET ..."

1968 gab er sein erstes Buch heraus. Es hieß Venceremos - Wir werden siegen. Der Verfasser war ein gewisser Ernesto Guevara, genannt Che. Bei diesem Geschäft (nein, nicht der Revolution, sondern dem Bücherhandel) ist Menne dann geblieben. Vom Angela-Davis-Solidaritätskomitee, das er 1970 bis 1972 mit Klaus Vack, Oskar Negt und Claudio Pozzoli betrieb, wechselte er zunächst zum etwas weniger kommunistischen Fischer-Verlag, später als Verlagsdirektor zu Hoffmann und Campe, Heyne und Ullstein. Im Herbst 2004 hatte er es so weit gebracht, daß die "FAZ" melden konnte:

"Einen besseren Mann für diesen Job hätte man sich schnitzen müssen. Lothar Menne, nach seinem unfreiwilligen Abgang bei Ullstein als freiberufliches Trüffelschwein des Buchmarkts in Lauerstellung, hat eine neue Aufgabe. Was seit Monaten als Gerücht und Schreckensnachricht waberte, ist nun Gewißheit: Menne schraubt an einem Büchermonstrum, das sich 'Bild-Bestseller-Bibliothek' (BBB) nennt und den waidwunden deutschen Buchhandel in diesem Herbst ins Mark treffen dürfte.

"Daß es ausgerechnet die ›Bild‹-Zeitung sein mußte, die seinen Freund Rudi Dutschke auf dem Gewissen hat, ist allerdings mehr als degoutant", nörgelt Mennes alter Freund Jörg Schröder. Aber hat denn nicht auch der Schmerzensmann Biermann, ein anderer Jünger des "Commandante Che Guevara" ("Der rote Stern an der Jacke / Im schwarzen Bart die Zigarre / Jesus Christus mit der Knarre / So führt Dein Bild uns zur Attacke") schließlich erkannt, daß es, weil die tödlichen Kugeln aus Springers Zeitungswald kommen, gesünder ist, hinter dessen Bäumen zu sitzen?

   Nicht nur die Bezieher von KONKRET als Hörbuch auf CD (siehe Anzeige Seite 54), sondern auch die Hörer/innen im Sendegebiet des Hamburger Radiosenders Freies-Sender-Kombinat (FSK) können ab sofort sowohl Horst Tomayers Ehrliches Tagebuch als auch Hermann L. Gremlizas Kolumne und Express, gelesen von den Autoren, regelmäßig hören: an jedem ersten Montag des Monats von 15.30 bis 16 Uhr (im Juli, 2.7., von 16-16.30 Uhr).

KONKRET Text 56


KONKRET Text 55


Literatur Konkret Nr. 36