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36 Jahre Konkret CD

36 Jahre Konkret CD


Heft 07 2006

von konkret

   In Balzacs Roman "Verlorene Illusionen" erklärt der Journalist Barbet dem unerfahrenen Lucien, wie man eine Rezension schreibt: Man blättert das Buch kurz durch, ohne jedoch die Seiten aufzuschneiden (weil man das Rezensionsexemplar ja noch verkaufen will). Dann wird die Besprechung verfaßt. Auch wenn Bücher heute, 170 Jahre später, schon mit geschnittenen Seiten in den Buchhandel kommen, beschränken sich Rezensenten mitunter noch immer aufs Durchblättern. Diese Methode hat schließlich einige Vorteile.

Nicht der geringste ist die Zeitersparnis. Ob wohl auch Sven F. Kellerhoff, der am 12. Mai für die "Welt" Luciano Canforas bei Papyrossa erschienenes Buch Eine kurze Geschichte der Demokratie (vgl. KONKRET 6/06) rezensiert hat, diese Methode wenigstens erwog? Kellerhoff gehört als "Geschichtsjournalist" einem aufstrebenden Berufsstand an und hatte den "Welt"-Lesern zu erklären, warum Canforas Buch ein Exempel kommunistischer Geschichtsklitterung sei. Es war Eile geboten, denn Stalin stand schon vor der Tür: Am gleichen Tag sollte Canfora sein Buch vorstellen. Es zu lesen, kam zwar ohnehin nicht in Frage (Kellerhoff: "reine Zeitverschwendung"), aber auch zum Durchblättern war es nun wohl schon zu spät. Lesen wir, bevor wir verraten, wie Kellerhoff ein Buch besprechen konnte, das er nur vom Hörensagen kennt, einen Ausschnitt aus seiner Rezension:

"Was die Zeitgeschichte betrifft, so reiht sich in seiner Kurzen Geschichte der Demokratie ein Fehler an den nächsten. Einige Beispiele: Die letzte kaiserliche Regierung unter Max von Baden wurde nicht von den Alliierten "eingesetzt", wie Canfora schreibt, und der "Rat der Volksbeauftragten" nahm nicht parallel zu diesem Kabinett die Regierungsgeschäfte wahr, schon gar nicht nach "sowjetischem Vorbild" ... Auf beinahe jeder Seite der Kapitel zum 20. Jahrhundert sind ähnliche Mängel zu finden ..."

Des Geschichtsjournalisten Conclusio:

"Mit den Kapiteln zur Zeitgeschichte hätte Luciano Canfora wohl an keiner deutschen Universität die Chance, einen Proseminar-Schein zu erwerben - außer wahrscheinlich bei Georg Fülberth in Marburg."

Leider veranstaltet Georg Fülberth, weil emeritiert, schon seit zwei Jahren keine Seminare mehr. Ob Kellerhoff bei ihm einen Proseminar-Schein bekommen hätte? Wo er doch bloß falsche Behauptungen aus dubiosen Quellen abgeschrieben hat, wie Fülberth im "Neuen Deutschland" feststellte:

"Au weh. Da scheint der italienische Autor ja tatsächlich ein paar kapitale Böcke geschossen zu haben. Merkwürdig ist allerdings, daß keines der von Kellerhoff präsentierten Zitate sich in dem Buch ... findet. Klar und deutlich: Sie stehen nicht drin. Hat Sven K. Kellerhoff sich diese Stellen etwa aus den Fingern gesogen? Immerhin befinden wir uns hier bei Springer. Aber gerade in den Zeitungen dieses Verlags werden die Lügen in der Regel doch so verpackt, daß man sie nicht überprüfen kann. Hier aber kann man es, und die Erklärung für Kellerhoffs Patzer ist diese: Er hat gar nicht aus dem Buch zitiert, sondern aus einer "Fehlerliste", die (Beck-)Lektor Felken schon im November 2005 herumschickte. Diese wiederum beruht auf einer bei C.H. Beck angefertigten mangelhaften Rohübersetzung."

Luciano Canfora hat den Vorgang selbst ausführlich beschrieben und die Beschuldigungen, die zur Ablehnung seines Manuskripts durch den Beck-Verlag geführt haben, Punkt für Punkt widerlegt: In seinem Buch "Das Auge des Zeus. Deutsche Geschichtsschreibung zwischen Dummheit und Demagogie. Antwort an meine Kritiker" (konkret texte 43). Das Buch kann für 10 Euro im Buchhandel oder beim Verlag bestellt werden.

   Nachtrag zu den Beiträgen von Stefan Ripplinger und Hermann Peter Piwitt über den Fall Handke und die Folgen (S. 44): Kurz vor Redaktionsschluß dieses Heftes hat Peter Handke erklärt, den Heine-Preis nicht annehmen zu wollen: "Ich schreibe Ihnen heute zusätzlich, um Ihnen (und der Welt) die Sitzung des Düsseldorfer Stadtrats (heißt das so?) zu ersparen, womit der Preis an mich für nichtig erklärt werden soll; zu ersparen auch meiner Person, nein, eher dem durch die Öffentlichkeit (?) geisternden Phantom meiner Person, und insbesondere zu ersparen meinem Werk, oder meinetwegen Zeug, welches ich nicht wieder und wieder Pöbeleien solcher wie solcher Parteipolitiker ausgesetzt sehen möchte."

   "Deutsches Filmwunder. Nazis immer besser" heißt das neue Buch von Dietrich Kuhlbrodt, das soeben im Konkret Literatur Verlag erschienen ist (200 Seiten, broschiert, 15 Euro). Darin analysiert Dietrich Kuhlbrodt die Rolle, die Nazis im deutschen Film nach 1945 gespielt haben. Wurden sie in den fünfziger Jahren noch wegzensiert und in den sechziger und siebziger Jahren als böse Einzeltäter dargestellt, von denen sich die Deutschen guten Gewissens distanzieren konnten, feiern sie heute ein fulminantes Comeback als Helden in Filmen wie "Der Untergang" und "Napola".

Am 6. Juli stellt Kuhlbrodt sein Buch im Metropolis-Kino Hamburg vor. Beginn der Veranstaltung: 19 Uhr, anschließend wird der Film "Kombat 16" gezeigt.

KONKRET Text 56


KONKRET Text 55


Literatur Konkret Nr. 36