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36 Jahre Konkret CD

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Heft 07 2008

Berthold Seliger

Wir sind alle Tibeter

Dümmer als der Dalai Lama ist nur die deutsche Pop-Prominenz, die ihm applaudiert

Er stehe nicht als Schauspieler auf der Bühne, sagt Ralf Bauer, auch nicht als Promi, und das versteht man, denn der drittklassige deutsche Serienschauspieler ist längst auf dem absteigenden Ast und selbst in Vorabendserien kaum mehr präsent. Nein, er habe einfach viele tibetische Freunde. Und dann studiert Ralf Bauer mit den Menschen, die zur Kundgebung "Freiheit - Deutschland für Tibet. Tibet für die Welt" vors Brandenburger Tor gekommen sind, einen tibetischen Gruß ein: "Tashi Delek!" sollen die Tausenden rufen, und so geschieht es. Deutschland ist gaga.

Das, was sich Pop nennt, beziehungsweise der Teil davon, von dem Georg Seeßlen schreibt, Pop sei "das System mit der perfidesten Weise, Differenz zu organisieren und Dissidenz zu verschlucken", hilft bei der Gehirnwäsche kräftig mit. Und so sind sie alle versammelt, als der Dalai Lama in Berlin vor dem Brandenburger Tor spricht - Sebastian Krumbiegel von den Prinzen, die Popband 2raumwohnung, deren Sängerin Inga Humpe mitten in ihrem zweiten Song plötzlich quiekt: "Ich glaube, jetzt kommt der Dalai Lama!"; Musiker von Tele oder Judith Holofernes und Pola Roy von dem Grauen, das den Namen Wir sind Helden trägt. Eine große Koalition schlechten Rocks und Pops, vereint im Kampf um ein freies Tibet. Was den Fußballfans ihre Deutschlandfahne, ist den Gutmenschen des Deutschpop und ihren Fans die tibetische Flagge, die eine von blauen und roten Strahlen umrahmte Sonne und zwei weiße Löwen vor einem Juwel zeigt, das den Buddhismus symbolisiert. Hergestellt wurde das Gros dieser Winkelemente übrigens in China, wie die BBC aufdeckte - der Kampf für "Free Tibet" muß sich schließlich lohnen für die Geschäftemacher des Tibet-Wahns, und in China produziert sich's nun mal günstig. It's the globalization, stupid!

Eine große mediale Koalition von "Bunte" bis zur Mitgliederpostille der Gewerkschaft Verdi begleitet und organisiert die gesamtdeutsche Gehirnwäsche. In der "Bunten" erklärt der bereits erwähnte B-Schauspieler Bauer, der als Buddhist und Herausgeber von Yoga-DVDs offenbar gerade seine eigentliche Berufung entdeckt hat, unter dem Titel "Der Kampf der deutschen Stars", wie die Welt funktioniert: "Was in Tibet passiert, ist ungefähr so, als würde Italien unser Land besetzen, uns unsere Kultur, Religion und Sprache verbieten - nur weil wir vor Jahrhunderten mal zum Römischen Reich gehört haben." Ungefähr. Ebenfalls solidarisch erklären sich die Klitschko-Brüder, Volker Schlöndorff, Peter Maffay, Nina Ruge, Sandra Maischberger und Udo Jürgens. Ein John Friedmann ("Erkan & Stefan") "ist aufgewühlt" und "möchte nicht tatenlos zuschauen, wenn auf dem Dach der Welt Blut fließt". Eine Tina Bordihn ("Forsthaus Falkenau") schwenkt die "Fahne der tibetischen Exilregierung" und klagt an: "Vor unseren Augen wird ein Volk vernichtet." Sie kauft (offenbar außer der Tibetflagge) "nichts, was in China hergestellt wird" - Deutsche, kauft nicht beim Chinesen!

Schon faszinierend, wie da ein neues "Reich des Bösen" inszeniert wird, während man den Chef des Gelbmützenordens, Tenzin Gyatso, als Inkarnation des Guten schlechthin feiert: Er strahle "unglaublich viel Liebe und Mitgefühl" aus (Ralf Bauer). Der "bescheidene, moderne Friedensnobelpreisträger" begnüge sich "im Flieger mit einem Platz in der Economy Class", schreibt das Verdi-Gewerkschaftsorgan bewundernd in einer Rezension des Films "10 Fragen an den Dalai Lama". In Berlin logierte der bescheidene Herr übrigens im als karge Jugendherberge bekannten Hotel Adlon.

Man könnte meinen, in Hollywood gebe es mittlerweile nur noch entweder Scientologen oder Buddhisten - vielleicht zwei Seiten der gleichen Gehirnwäsche? Lang die Liste von Schauspielern und Regisseuren, die sich als Buddhisten und Lama-Verehrer outeten: von Richard Gere ("Der Buddhismus ist ein unglaublich visionäres Experiment, wie Gesellschaften funktionieren können") über Martin Scorsese (seufz) bis hin zu Sharon Stone, die gerade mit ihrem Hinweis, das Erdbeben in China gehe auf "schlechtes Karma" des Landes zurück, bestätigte, warum Schauspieler üblicherweise nur Texte aufsagen dürfen, die andere für sie geschrieben haben ("Und dann passierte dieses Erdbeben und der ganze andere Kram. Ich dachte, ist das Karma, wenn man nicht nett ist, daß dann böse Dinge passieren?").

Hierzulande ist Scientology unter Stars und Sternchen nicht so recht populär, der Buddhismus ist dafür mächtig im Kommen. Judith Holofernes und Pola Roy ("Wir sind Helden - und der Dalai Lama auch" betitelt suedeutsche.de ein Interview) sind "seit Jahren praktizierende Buddhisten der tibetischen Tradition". Im Interview geben sich die beiden Rockmusiker unfreiwillig komisch (Holofernes: "Ich glaube, kennengelernt haben wir die Tibet-Initiative bei einer Veranstaltung von Amnesty International, kann das sein?" - Roy: "Ich glaube nicht." - Holofernes: "Stimmt, das war es nicht."), bestätigen aber die untertänige Haltung, die Popstars gegenüber dem Dalai Lama einzunehmen pflegen (von Sharon Stone gibt es ein Foto, auf dem sie sich tief vor ihm verbeugt). Man hat das Gefühl, es geht da um einen Softkatholizismus, und der Dalai Lama ist eine Art Schmunzelpapst für schlichtere Gemüter, die zwar etwas "glauben" wollen, denen der Papst aber zu katholisch und streng ist, ein Ratzinger light also: "Das Auffälligste an ihm ist seine Heiterkeit, die geht ja hin bis zur Albernheit", so Holofernes' Exegese. "Ich finde das ganz wunderbar, das kommt meinem albernen Naturell sehr entgegen. Ich glaube aber, daß diese Albernheit vielen Leuten den Blick darauf verstellt, daß der Dalai Lama einer der ganz großen Gelehrten unserer Zeit ist." Das "glaube" ich auch, wenn ich mir etwa einen Lehrsatz des Dalai Lama wie diesen hier anschaue: "Eine Pflanze muß regelmäßig gegossen werden." So was ersetzt in der Wir-sind-Helden-Welt gerne schon mal eine ganze Suhrkamp-Bibliothek.

Längst gibt es für die Tibet-Fans ein Devotionalienangebot, das die einschlägigen Händler von Altötting bis Lourdes vor Neid erbleichen ließe: Von "Free Tibet"-T-Shirts über Anstecker, Aufkleber, Kalender, Mousepads bis hin zu "Tibet-Schatztruhen", gefüllt mit "bedeutenden Bergkristallen und dem metallenen Replikat einer Schädelschale, die von Tibetern bei tantrischen Ritualen benutzt wird" ("FAZ") - Lama-Land als Accessoire einer geistig außer Rand und Band geratenen Nation. Popkonzertkassen vertreiben Tickets für weitere Auftritte des Dalai Lama - etwa für seine neue Show "Die Wissenschaft vom Glück", initiiert von einem "Mind and Life Institute", auf der der Obertibeter erklären soll, "wie durch die gezielte Schulung des Geistes und die Gewöhnung an heilsame Einstellungen Glück entsteht". Das Glück gibt es zum Kartenpreis von 20 bis 40 Euro. Die Glücklichsten erstehen "Gönnerkarten für 60 und 100 Euro auf besonders guten Plätzen", etwa ein "Gönnerticket Gold" - man gönnt sich ja sonst nichts.

Aber vielleicht sollte man die tibetische Gschaftlhuberei doch nicht allzu ernst nehmen, solange der Dalai Lama Unterstützer wie diejenigen hat, die unter www.9fingersfortibet.com vorschlagen, "einfach beide Hände hoch halten, Daumen der rechten Hand einklappen. Das steht für die vier Buchstaben ›Free‹. Die fünf Finger der anderen Hand stehen für ›Tibet‹. Free Tibet als Handzeichen: der einfachste Weg, sich bei den Olympischen Spielen solidarisch zu zeigen." Thomas D. von den Fantastischen Vier tut schon mit. Wenn Sie also bei den Olympischen Spielen deutsche Sportler sehen, denen der Daumen zu fehlen scheint - machen Sie sich keine Sorgen. Sie zeigen sich nur solidarisch. Hände hoch für Tibet - zum Schießen.

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Literatur Konkret Nr. 36