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36 Jahre Konkret CD

36 Jahre Konkret CD


Heft 10 2003

Gert Ockert

Verfolg uns, Wahn!

Drei neue Bücher verbreiten eine ganz eigene "Wahrheit" über die Anschläge vom 11. September. Und jeder fünfte Deutsche glaubt daran

"Auffällig ist natürlich, daß ganz wenige Juden umgekommen sind."

Horst Mahler in "Panorama", ARD, 21.8.2003

Der altböse Feind

Es gibt Verschwörungen. Es existieren soziologische und historische Theorien über Verschwörungen. Und in den Löchern, die jede gesellschaftswissenschaftliche Theorie hat, wühlen die Verschwörungsspekulanten.

Um die Invasion in der Schweinebucht 1961 zu organisieren, bedurfte es vieler Täter, die sich heimlich verabredeten, ehe sie ins Debakel aufbrachen. Wie und warum die US-Regierung, die Mafia und die exilierten Schergen des kubanischen Diktators Batista sich zusammentaten, um Fidel Castro zu stürzen, ist von Historikern gründlich aufgeklärt worden; und gleichfalls, weshalb jene Invasion ein slapstickartiges Fiasko wurde. Daß der Anführer des Komplotts, Präsident John F. Kennedy, zwei Jahre später von den gleichen Miami-Kubanern und CIA-Agenten ermordet wurde, die er "im Stich lassen" mußte, weil er für sie keinen Weltkrieg riskieren wollte, ist reine, wenngleich eine sehr beliebte, Spekulation.

Tat, Theorie und Phantasie gehen beim Phänomen der politischen Verschwörung unentwirrbar durcheinander. Das gilt auch und allmählich sehr widerwärtig für die Terrorangriffe auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001. Es hat eine Konspiration stattgefunden: nämlich die islamistischer Kamikaze-Mörder zum Zweck der Auslöschung möglichst vieler Amerikaner und zweier weltbekannter Gebäude. Der Beweis für diese Verschwörung ist das Ereignis selbst, die Zerstörung des World Trade Centers und eines Seitenflügels des Pentagon und der gewaltsame Tod von fast dreitausend Menschen.

Aus blanker Phantasie bzw. purem Wahntraum erwuchsen die Motive der Attentäter. Sie waren fest überzeugt von einem satanischen Komplott der Juden und der Yankees gegen die Welt und die Moslems. Mit dem Twin Tower hatten sie das wichtigste Symbol des verhaßten "jüdisch-amerikanischen Finanzimperialismus" im Visier, mit dem US-Kriegsministerium den Ort, von dem aus ihnen eine schmachvolle militärische Niederlage nach der anderen zugefügt worden war.

Es ist nicht ungewöhnlich, sondern die Regel, daß reale Verschwörungen von Verschwörungsphantasten ausgebrütet werden. Hätten die US-Geheimdienste nicht fest daran geglaubt, mit dem Castro-Regiment oder der Regierung Allende wäre der Kommunismus nur mehr zehn Minuten von der Weltherrschaft entfernt, sie würden nicht ihre enorme kriminelle Energie entfesselt haben, um Kuba zu ruinieren und Chile in eine Folterkammer zu verwandeln. Und die furchtbarste Konspiration der Weltgeschichte, die der Deutschen zur Vernichtung der europäischen Juden, entsprang der irrsinnigen Überzeugung, es hätten die Juden ein globales Komplott geschmiedet zur "Ausmerzung" der Deutschen und ihrer "arischen" Hilfsvölker. Adorno und Horkheimer haben als psychischen Defekt des elimatorischen Verschwörers in der Dialektik der Aufklärung die Paranoia ausgemacht; dieser Befund bleibt gültig.

Verfolgt von lauter Feinden, die man nicht sehen, nur ahnen kann, fühlen sich aber nicht bloß die Verschwörer, sondern auch all jene, die konspirative Weltmodelle entwickeln, weil ihnen die offenbaren politischen Verbrechen nicht genügen, um sich in der kapitalistischen Kultur unbehaglich zu fühlen. Die richtige Vermutung, es würde im waltenden Industriefeudalismus, in dieser globalen Gesellschaft der Rackets und Oligarchen, die Polis nur dem Namen nach noch bestehen, der Einzelne den bürokratischen Apparaten ohnmächtig ausgeliefert sein, schlägt bei den Komplottspekulanten um in eine Welt, die regiert wird von Phantomen. Weil man denen, die das Sagen haben, alles mögliche Böse unterstellen kann, wird ihnen auch noch das Unmögliche angehängt.

Für die erwiesene Gewalttat - also z. B. die Verwüstung des World Trade Centers - können die Konspirationsspekulanten nicht einfach die verantwortlich machen, die nachweislich Täter waren. Es muß immer ein anderer dahinterstecken - und zwar auf keinen Fall der, den die offiziellen Stellen als Hintermann ausgemacht haben. Man gibt sich nicht damit zufrieden, daß Osama Bin Laden seit vielen Jahren im Verborgenen Attentäter ausbilden läßt und zur Auslöschung erstens Israels und zweitens der USA aufruft. Man weiß ja, daß die CIA mit dem saudiarabischen Millionär regelmäßig Kontakt aufnahm, und weil man zugleich ignoriert, daß es zum Job von Nachrichtendienstlern gehört, notfalls mit dem Teufel zu reden, um Informationen zu sammeln, wird sogleich von einer Kommandostruktur gefaselt, die im Weißen Haus begann, über Langley gesteuert und von Mohammed Atta exekutiert wurde.

Wenn Horst Mahler als vormaliges Mitglied einer konspirativen Vereinigung, nämlich der RAF, heute "die Juden" verdächtigt, sie hätten die Anschläge vom 11. September "erfunden" oder, wahlweise, selber eingefädelt, dann führt er exemplarisch vor, wohin die paranoide Deformation, die er als Terrorist erwarb, letzten Endes immer führt: zum Lieblingsfeind aller völkisch Bewegten, seien sie Volksbefreier oder Volkstumswahrer, hin zum Ewigen Juden.

"Es wäre vermessen, Vorgeschichte und Tat des 11.9. in allen Einzelheiten ohne Hilfe aus den Riesenapparaten des FBI, der CIA, der NSA oder des Mossad aufklären zu wollen."

Andreas von Bülow

Pannen aus System

Die aktuelle US-Regierung ist, wie fast alle ihre Vorgängerinnen, geprägt von Halbwissen, Arroganz, Opportunismus, interner Mißgunst und Stümperei. Das liegt am US-Wahlsystem zum einen und an der kapitalistischen Racket-Gesellschaft zum anderen, in welcher Intelligenz einen erheblich geringeren Stellenwert besitzt als die richtige Witterung für den je angebrachten Verrat an den eigenen Interessen. Für die kapitalistischen Oligarchen sind Wichtig- und Geheimnistuerei strukturelle Notwendigkeiten. Wo sich alle gegenseitig belauern, um eine Schwäche zu finden, die den anderen zu Fall bringen kann, ist es allerdings angeraten, sämtliche Regierungsentscheide für geheim zu erklären, die über die Subventionierung z. B. des Weißkohlanbaus hinausgehen.

Der 11. September hat eklatante Mängel im Zivilschutz der so-called mächtigsten Nation der Erde enthüllt. In einem Land, wo per Flugzeug mehr Passagiere befördert werden als mit der Eisenbahn, ist es freilich keine besonders grandiose Leistung, Waffen in einen Jet zu schmuggeln und das Flugpersonal einzuschüchtern. Die Piloten sind nicht viel besser geschult als die Stewardessen, und weil die Gehälter auch eher mies ausfallen, hat niemand große Lust, gegenüber einem Hijacker im Cockpit den Helden zu markieren. Die Fluglotsen wiederum, die den täglichen Stoßverkehr am Himmel der USA zu beobachten haben, werden für ihren Schichtdienst nicht wesentlich besser entlohnt als das Wachpersonal, das die Fluggäste filzen soll, und sie, die Radarscouts, reagieren entsprechend gleichgültig auf Störmeldungen. So einfach, so privatisiert.

Die offiziellen Wahrer der sozioökonomischen Ordnung, die "gewählten Vertreter des Volkes" und ihre Exekutive können es selbstverständlich nicht zulassen, daß herauskommt, wie der Laden läuft. Bzw. daß ihr eigener Laden nicht mehr liefe, sobald sie versuchten, die Renditen der Konzernherren zu beschneiden, um das alberne Sicherheitsbedürfnis der Lohnsklaven zu erhöhen. Wenn der Verschwörungsphantast Andreas von Bülow sich ausführlich und beinahe überzeugend darüber wundert, wie schnell die Trümmer des World Trade Center verklappt und eingeschmolzen wurden, dann hat er präzis einen jener blinden Flecken erwischt, die in der Argumentation der US-Regierung nach den Attentaten entstehen mußten. Die Zwillingstürme sind so schnell zu Schutt geworden, weil sie seit ihrer Einweihung Schrott waren. Dies und somit die blinden Flecken der zuständigen Behörden einzugestehen, hätte mindestens drei Kabinettsmitgliedern Bushs sowie dem "Helden" der September-Katastrophe, also dem Rassisten und Dollfuß-Imitator Rudolph Giuliani, den Kopf gekostet. Der Stempel "Top Secret" ist in solchen Fällen schlicht Pflicht.

Und wer angesichts der Demütigungen, die der US-Besatzungsarmee im Irak täglich zugefügt werden, immer noch meint - wie von Bülow, Bröckers, Wisnewski und 20 Prozent der Deutschen -, die "mächtigste Nation der Welt" sei dies wahrhaftig und außerdem schrecklich durchtrieben, wer weiterhin der Illusion anhängt, es gebe neben den eliminatorischen Plänen Bin Ladens einen Masterplan irgendwelcher US-amerikanischer Think-tanks, der Tausende amerikanische Opfer in Kauf nimmt, um einen Krieg zu führen, der außer eigenem Blut auch Geld und Prestige kostet und nichts bringt, was ein paar schön getarnte Schmiergelder nicht auch gebracht hätten -: Wem diese schmutzige Realität nicht genügt, dem kann man die "braune Jauche" (Bröckers) schwerlich aus dem Hirn spülen. Es ist ermüdend, Menschen zu widersprechen, die aus Widersprüchen eine Ideologie gezimmert haben. Mit Verschwörungsphantasten läßt sich nicht debattieren. Am Ende haben sie immer recht. Bzw. rechts.

"Eines der schrecklichsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte ist nach fast zwei Jahren völlig unaufgeklärt."

Matthias Bröckers u. Andreas Hauß

Eine Frage des Atems

Soll man ernsthaft diskutieren mit den Phantasten und Spekulanten? Soll man versuchen, sie auf die zahllosen logischen Widersprüche in ihren Plädoyers hinzuweisen? Soll man sich abarbeiten an den vielen Vermutungen, die sie hinstreuen wie Knallerbsen, um dann, sobald sie, die Knallschoten, sich in die Enge getrieben fühlen, die pampige Frage zu hören: "Was sollte das alles?" (Wisnewski).

Sie sind es nicht wert, so wenig, wie es Verschwörungsspekulanten je gewesen sind. Sie halten einen Zipfel der Wahrheit in den Händen, doch in ihren verwandelt er sich flugs in einen Klowisch. Sie haben die Bildung und übrigens auch die Ironie nicht, aus den ohnmächtigen Bulletins der Mächtigen mehr zu machen als eine Konspirationsphantasie. Im Trio der aktuellen Nine-Eleven-Komplottdichter ist Gerhard Wisnewski übrigens mit Abstand der dümmste und unleserlichste. Während Bülow und Bröckers sich immerhin noch bemühen, seriös zu wirken wie, sagen wir mal, Sam Spade, blökt Wisnewski von der ersten Zeile an herum wie Mickey Spillane (nach einer Lobotomie).

Das ARD-Magazin "Panorama" nahm sich am 21. August die Chefautoren der deutschen Nine-Eleven-Konspirationsphantasien vor. Der Verlag Zweitausendeins, der mit Bröckers' Spinnereien einige hunderttausend Euro verdient hat, mochte sich nicht gefallen lassen, als Hauslieferant für die Ideologie von Oi-Heads und anderen Horstis enttarnt zu werden und verschickte sogleich eine Presseerklärung u. a. dieses Inhalts: "Daß man Mahler seine abstrusen antisemitischen Thesen, hinter allem stecke eine jüdische Weltverschwörung, (in dem "Panorama"-Beitrag) darstellen ließ, verfolgte wohl nur den einen Zweck, die Buchautoren Bröckers & Hauß, die diese These in keiner Weise vertreten, mit dieser braunen Jauche übergießen und in Zusammenhang bringen zu können." Das empört den Verlag, der es sich mit seiner sauberen grünalternativen Kundschaft nicht verderben mag, und entsetzt den profitorientierten Autor, der die Widerstände seiner Leser gegen offenen Antisemitismus unterschätzt hat.

Er teilt seiner Pressesprecherin natürlich nicht mit, daß er in seinem Bestseller Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9. vom Vorjahr ein ganzes Kapitel ("The Kosher Conspiracy") von elf Seiten der angeblichen Beteiligung der Juden an den Attentaten gewidmet hat: "(Eingedenk) des Hinweises von Hannah Ahrendt, daß Hitler letztlich zu einem ›Schüler‹ der von ihm als Propagandainstrument eingesetzten Verschwörungstheorie wurde ..., können wir Sharon unterstellen, daß seine Konsequenzen aus Auschwitz darin bestehen, Hitlers rassistischen Verfolgungswahn ›mehr oder weniger‹ unbewußt zu kopieren." Das hätte Horst Mahler nicht verleumderischer formulieren können. Und Thesenritter Bröckers hatte auch gar nichts dagegen, am 30. Juni 2003 mit dem Neonazi Mahler einen Saal zu teilen, aus dem linke Störenfriede entfernt wurden. Aber: "Derartige Hetzgeschichten ... werden von Bröckers/Hauß ... klar beim Namen genannt und als ›Nebelkerzen‹ bezeichnet, die den einzigen Zweck haben, ›dem antisemitischen Affen Zucker zu geben‹ und von den eigentlichen Spuren abzulenken."

Die "eigentlichen Spuren" sehen bei Bröckers, Band eins, allerdings so aus: "Weil er (Ariel Sharon) ... aus Israel kommt, braucht er nur mit dem Generalverdacht des Antisemitismus zu drohen - und schon hat er Ruhe."

Ruhe, glaubte der konspirationsfanatische Bröckers, hätte er auch, und zwar vor seinen Kritikern, wenn er antisemitische Spekulationen aus der Fortsetzung seines Bestsellers heraushält. So einfach geht's aber nicht. Schließlich werden wir Kritiker alle feist finanziert von der CIA und dem Mossad. Und wir haben einen sehr langen Atem. Wir halten sogar den Gestank aus, der aus Bröckers', von Bülows und Wisnewskis Büchern strömt. Bis jetzt.

Matthias Bröckers/Andreas Hauß: Fakten, Fälschungen und die unterdrückten Beweise des 11.9. Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2003, 333 Seiten, mit Video-CD, 14,90 Euro

Andreas v. Bülow: Die CIA und der 11. September. Internationaler Terror und die Rolle der Geheimdienste. Piper, München 2003, 270 Seiten, 13 Euro

Gerhard Wisnewski: Operation 9/11. Angriff auf den Globus. Knaur, München 2003, 420 Seiten, 12,90 Euro

Gert Ockert schrieb in KONKRET 7/03 über einen Massenmord in Kabul

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Literatur Konkret Nr. 36