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36 Jahre Konkret CD

36 Jahre Konkret CD


Heft 04 2011

Barbara Neukirchinger

Unisex

Akademische Kreise gelten als Vorreiter bei queer- und genderpolitischen Themen. Doch die Hochschulen selbst sind immer noch Männerdomänen.

"Diversity" statt Emanzen

Die unzureichende Beteiligung von Frauen bedeutet ein Effizienz- und Exzellenzdefizit für den Hochschulbereich, denn das in Wissenschaft und Forschung liegende Innovationspotential kann zur Gänze nur genutzt werden, wenn herausragende Talente unabhängig vom Geschlecht in möglichst großer Zahl im Wissenschaftsbereich verbleiben und nicht auf dem Weg zu ihrer höchsten Leistungsfähigkeit in andere Beschäftigungsbereiche abwandern. Männer und Frauen müssen auf allen Ebenen des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses gleichberechtigt beteiligt werden.

Empfehlung der Hochschulrektorenkonferenz "Frauen fördern" vom 14. November 2006

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Effizienz und Exzellenz, Innovation und Leistung - die obengenannte Empfehlung aus dem Jahr 2006 deckt sich mit den Grundsätzen, an denen sich Gleichstellungspolitik an den Hochschulen noch heute weitgehend orientiert. Der Begriff Gleichstellung ist durchaus ernst gemeint: Die neutral und unpolitisch daherkommende Gleichstellungsbeauftragte ersetzt mehr und mehr die Frauenbeauftragte. Der Verzicht auf verstörende Kampfbegriffe aus der Frauenbewegung kommt dabei einem Paradigmenwechsel gleich.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat solche Kriterien 2008 zu den "forschungsorientierten Gleichstellungsstandards der DFG" bei der Vergabe von Projekten geadelt. Die Verwertungslogik, die speziell seit der Umsetzung der Hochschulreformen praktisch alle Bereiche auf den Nutzen für den Wissenschaftsstandort überprüft, läßt auch die Frauenförderpolitik nicht ungeschoren. Vor allem dann, wenn man in den für die Unternehmen interessanten Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) händeringend nach Studierenden sucht, werden die vernachlässigten "Potentiale" und "Talente" von Frauen wiederentdeckt.

Um zu verstehen, wie die aktuelle Debatte funktioniert, sei hier eine kurze Begriffsklärung vorangestellt. Daß das Wort Gender mittlerweile Einzug in die offizielle Rhetorik gehalten hat, ist nur scheinbar ein Fortschritt. Egal, ob es sich um die DFG, das Bundesbildungs- oder Bundesfamilienministerium oder die offiziellen Verlautbarungen diverser Unis handelt: Gender wird unverändert als Synonym verwendet für einen konventionellen Mann/Frau-Dualismus. Während es in akademischen Debatten längst zum Allgemeinplatz geworden ist, Zwei-Geschlechter-Kategorien als Rollenstereotype zu entlarven und Identitätszuschreibungen abzulehnen, ist dies in der Praxis kein Thema. So schreibt die Arbeitsgruppe "Gender Studies" des Rektorats der TU Dortmund in ihrem Zwischenbericht 2005, der auf der Homepage immer noch unkommentiert zu lesen ist: "Gender-Studies als fachübergreifende und fachimmanente Inhalte bedeutet zum Beispiel: Inhalte, Ansätze und Ergebnisse aus der Geschlechterforschung (gemeint ist Frauen- und Männerforschung ...) in Studiengänge/Lernmaterialien einzubeziehen."

Besonders problematisch wird dieses strategisch eingesetzte Vokabular, wenn in der Gleichstellungspolitik - neuerdings gern auch im Verbund mit dem schnittigeren Begriff Diversity - Maßnahmen gegen die Diskriminierung von Frauen auf dem Prüfstand stehen. Auf diese Weise spielen die Strategen Frauenförderung perfide gegen die Aufhebung von Identitätszuschreibungen aus.

Der aktuellen Frauenpolitik mangelt es allerdings ebenso an einer Auseinandersetzung mit dem Konkurrenzprinzip in der hiesigen Bildungsökonomie. Denn die Frage, ob es für Frauen überhaupt erstrebenswert ist, sich den Männern in einer durchkapitalisierten Uni anzugleichen, scheint sich heute gar nicht mehr zu stellen. Darum fordern die Unis in ihrem Wettbewerb um Gelder aus Exzellenzinitiative und Förderprogrammen auch den bedingungslosen Einsatz der Frauenbeauftragten für "ihre" Hochschule, obwohl die doch alle für die gleiche Sache kämpfen und daher zusammenarbeiten müßten. So diskutiert die Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an den Hochschulen mittlerweile darüber, wie "Solidarisierung im Wettbewerb" noch möglich ist.

"Gender Budgeting"

Wir beobachten ... eine zunehmende Interpretationsweise von Gender Mainstreaming als neoliberaler Reorganisationsstrategie zur Optimierung "geschlechtsspezifischer Humanressourcen". Eine solche Engführung des Gleichstellungsbegriffs auf organisationsbezogene Effizienzsteigerung verfehlt u. E. das ursprüngliche emanzipatorische Ziel gleicher Rechte, Chancen und gesellschaftlicher Teilhabe von Männern und Frauen als umfassendes Menschenrecht.

Genderbüro und Genderforum Berlin: "Gender-Manifest. Plädoyer für eine kritisch reflektierende Praxis in der genderorientierten Bildung und Beratung". Berlin 2006

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Die Kritik am Gender Mainstreaming, das bis vor kurzem noch einen Boom in der Gleichstellungspolitik erlebte, nimmt zu. Denn trotz mancher fortschrittlicher Ansätze ist dieses Programm, wie es auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fördert, letztlich nichts anderes als eine weitere Optimierungsstrategie im kapitalistischen Verwertungsprozeß. "Gender Budgeting", die Integration von (auch finanzieller) "Geschlechtergerechtigkeit" als sogenannte Querschnittsaufgabe in alle Bereiche eines Unternehmens - oder in unserem Fall der Hochschule - sowie die Steuerung des Gesamtprozesses von der Führungsebene aus (das "top down"-Prinzip) sind die wichtigsten Instrumente dieses Konzepts. Flankiert wird es durch "Gendertrainings" und "Genderberatungen", die mittlerweile als ein lukrativer Markt im Weiterbildungssegment gelten. Sandra Smykalla, Mitbegründerin des Internetportals "Gleichstellung Concret" und derzeit Gastdozentin für Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist, obwohl sie Schwierigkeiten bei der Umsetzung eingesteht, eine überzeugte Verfechterin des Programms: "Es geht um Strukturveränderung und Kritik an einer bestimmten hegemonialen Männlichkeit." Ein Ansinnen, das in der Praxis nicht unbedingt Bestand hat. Der Begriff Gender wird eben auch im Hochschulbereich weiterhin als liberal gewendete Chancengleichheit von Männern und Frauen verstanden. Faktisch führt die Verankerung von Gender Mainstreaming und Gleichstellungsmaßnahmen sogar zum Abbau von Frauenförderstrukturen.

Smykalla, die Mitverfasserin des obenzitierten "Gender-Manifests" ist, kommentiert die unterschiedlichen Herangehensweisen an Gender Mainstreaming so: "Manche sagen: Eigentlich ist es ja eine Revolution. Doch ich würde sagen, es gibt viele, die es nicht ausbuchstabieren." In der Tat herrscht ein pragmatischer Zugang zu Gleichstellung vor, der oft von der Motivation und den Interessen der einzelnen Akteure abhängt. Die bewußt offengehaltene Zielsetzung von Gender Mainstreaming erlaubt es auch, das Konzept reibungslos in die Effizienzstrukturen der Hochschulreform zu integrieren. Logisch, denn Gender Mainstreaming kommt ja innerhalb der Strukturen zum Einsatz, die es kritisiert. Eine bloße Erweiterung um die Kriterien "queer" und "transgender" unter dem Label Diversity würde nichts daran ändern, solange sich damit keine radikale Kritik an den Verhältnissen verbindet, die Ausgrenzung und soziale Ungleichheit hervorbringen.

It's a man's world of science

Hinsichtlich der Motivierung von Studierenden, an einem interdisziplinär ausgerichteten Seminar teilzunehmen, wurden, vor allem mit Blick auf die Motivierung von Mint-Studierenden, unterschiedliche Strategien benannt. Als bewährt erfahren wurde die Strategie, Gender nicht im Titel der Veranstaltung zu führen, sondern diesen thematisch auszurichten.

Protokoll der Arbeitsgruppe Sigrid Schmitz und Tanja Carstensen: "Einmischen und Aufmischen: Lehrkonzepte für Gender Studies mit Technik- und Naturwissenschaften"; Sechste Arbeitstagung der Konferenz der Einrichtungen für Frauen- und Geschlechterstudien im deutschsprachigen Raum (KEG) am 15. November 2008

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"Viele technische Studiengänge haben häufig ein gewisses Unverständnis für Geschlechterfragen", meint Andreas Keller, Leiter des Vorstandsbereichs Hochschule und Forschung bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). "In den Diskussionen gibt es oft die Vorstellung, alles sei geschlechtsneutral, und es gebe ein objektivierbares Wissen." Eine Annahme, der viele Wissenschaftlerinnen in der Frauen- und Genderforschung widersprechen würden. Sie gehen im Gegenteil von einer männlichen Dominanzkultur aus, also der Orientierung an einer männlichen Norm, die sich etwa in kultureller Symbolik, Denksystemen und Lebensmustern oder körperlichem Habitus äußert. Objektivierbares Wissen gibt es unter solchen Umständen nicht.

"Frauen bewegen sich an männlich dominierten Unis", sagt auch Tina Jung, Doktorandin bei "Genda - Forschungs- und Kooperationsstelle Arbeit, Demokratie und Geschlecht" an der Universität Marburg. In einer Untersuchung, die die Zeitschrift "Femina Politica" veröffentlicht hat, kam Jung zu dem Schluß, daß an bundesdeutschen Hochschulen "insgesamt 75 Prozent aller derzeit akkreditierten Studiengänge der Politikwissenschaft weder in eigenständiger Form ... noch im Sinne einer Querschnittsorientierung Gender-Aspekte berücksichtigen". Während die Uni Marburg über eine lebendige feministische Wissenschaftsszene verfüge, sei das Klima an vielen Hochschulen "antifeministisch und ignorant", so die Politikwissenschaftlerin. Ob feministische Inhalte in der Lehre vorkommen, sei "dann sehr vom Engagement einzelner abhängig".

Ohne Frage sind nach wie vor sehr traditionelle Vorstellungen an den Hochschulen verbreitet. "Es gibt immer noch die Unterstellung, daß Frauen sich nicht voll der Wissenschaft hingeben können wegen der Mutterschaft", konstatiert die Referentin für Frauenpolitik bei der GEW Frauke Gützkow. Sie beobachtet noch immer, daß Männer sich Posten nach dem Ähnlichkeitsprinzip ("gleich und gleich gesellt sich gern"; man spricht auch vom old boys network) zuschanzen: Mehr Männer als Frauen sitzen auf unbefristeten, auf Haushalts- oder Projektstellen. Dies hängt eng mit dem Idealbild des Wissenschaftlers zusammen, der sich voll und ganz seiner Lebensaufgabe widmet, während ihm die sorgende Gattin den Rücken freihält. Zwar ist das klassische Ernährermodell allmählich auf dem Rückzug, doch die stereotype Überzeugung, daß sich gerade Frauen aufgrund familiärer Pflichten nicht voll und ganz der Wisenschaft hingeben können, hält sich weiterhin hartnäckig. Ganz zu schweigen von queeren oder Transgender-Lebensentwürfen, die in solchen Debatten ohnehin kaum Eingang finden.

Tanja Carstensen vom Feministischen Institut Hamburg sieht es so: "Da es nach wie vor keine Geschlechtergerechtigkeit gibt, müssen Frauenräume immer wieder erstritten werden." Allerdings, warnt Carstensen, sei das "keine Ausruhposition. Denn Gender ist nicht die Masterkategorie, sondern immer wieder müssen sich Frauen über die Verwobenheit von unterschiedlichen Diskriminierungskategorien bewußt sein. Das heißt, der Raum, der heute strategisch erkämpft wurde, kann oder muß im nächsten Moment zugunsten anderer solidarisch aufgegeben werden."

Zu befürchten ist, daß so mancher Unirektor den Ruf nach Frauenräumen in den falschen Hals kriegt und den wieder boomenden weiblichen Studentenverbindungen einen Versammlungssaal zur Verfügung stellt.

Barbara Neukirchinger schrieb in KONKRET 3/11 über Rawi Hages Roman Kakerlake

KONKRET Text 56


KONKRET Text 55


Literatur Konkret Nr. 36