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36 Jahre Konkret CD

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Heft 07 2009

Peer Heinelt

"SZ"-Leser wissen mehr

Wie die "Süddeutsche Zeitung" es einmal nicht gewesen sein will

Geschichtsklitterung zeichnet sich mitnichten nur durch Fälschungen und Lügen aus, sondern mindestens ebensosehr durch das bewußte Verschweigen von für die Aufklärung eines historischen Sachverhalts relevanten Informationen. Generationen von Deutschen sind damit gut gefahren: Wurden die Untaten des nationalsozialistischen Terrorregimes zunächst geleugnet oder verharmlost, ging man, als sich dies aufgrund der Faktenlage nicht länger durchhalten ließ, dazu über, die eigene Beteiligung respektive die des Vaters oder Großvaters zu negieren oder zu beschönigen. Franziska Augstein hat nun in der "Süddeutschen Zeitung" demonstriert, daß sich diese Methode auch zur Bewältigung der jüngsten deutschen Kriegsverbrechen eignet.

In ihrem Artikel "Als die Menschenrechte schießen lernten" vom 19. Mai setzt sich die Journalistin scheinbar kritisch mit der anno 1999 gegen Jugoslawien respektive Serbien gerichteten Kriegspropaganda auseinander: "Vertreter der deutschen Regierung" hätten seinerzeit "allerlei seltsame Dinge gesprochen"; der amtierende Verteidigungsminister Scharping (SPD) etwa habe "Horrorstorys" über serbische "Konzentrationslager" und perverse Verbrechen serbischer Truppen im Kosovo ungeprüft "kolportiert". Zu guter Letzt, so heißt es weiter, sei der Mann dann auch noch auf den dem Westen von dubiosen Geheimdienstkreisen "untergejubelten" Hufeisenplan, die "angebliche Grundlage der genozidalen Vorstellungen der Staatsführung in Belgrad", gutgläubig "hereingefallen".

En passant wird hier die gegen Jugoslawien gerichtete Propaganda, die damals an vorderster Front die "Süddeutsche Zeitung" mitbetrieben hat, als Dummejungenstreich abgetan, der die kognitive Leistungsfähigkeit eines - zugegebenermaßen außerordentlich beschränkten - Ministers überfordert habe. Die treuen Leser des Blattes, in dessen Auftrag Augstein zu ihren bahnbrechenden zeitgeschichtlichen Erkenntnissen gelangt, wissen es indes besser - und kennen darüber hinaus die gesellschaftliche Verantwortung des ethischen Prinzipien verpflichteten Journalisten: Zwar sei der "Krieg gegen Serbien" von "propagandistischen Operationen" wie der Erfindung des ominösen "Hufeisenplans" begleitet worden, nur müsse dieser Krieg auch gar nicht "durch ein Dokument der Vertreibung gerechtfertigt werden", erklärte die "Süddeutsche" etwa am 6. April 2000. "Ob der Plan nun Hufeisen hieß oder gar nicht existiert", so die Zeitung damals, interessiere "höchstens die Historiker": Für die Entscheidung der Nato, in die Schlacht zu ziehen, sei der wirkliche oder vermeintliche Plan "irrelevant" gewesen; schließlich mache allein die Tatsache, daß sich eine "exakte Beurteilung" der serbischen "Greuel" als unmöglich erwiesen habe, den Angriff auf Jugoslawien "moralisch nicht weniger zwingend".

Wie die Kollegen von der "SZ" ihrer moralischen Verpflichtung vor und während des Krieges gegen Jugoslawien nachkamen, wird von Augstein konsequent verschwiegen. Für diejenigen, die jetzt nicht einfach ins Archiv langen können, seien einige dieser Unterschlagungen nachgetragen: Im Sommer 1998 erschreckte der notorische "Balkan-Korrespondent" der "Tageszeitung", Erich Rathfelder, die Welt mit einem "serbischen Massaker" an mehr als 500 Kosovo-Albanern, darunter 430 Kinder. Obwohl sich sein Bericht schnell als Falschmeldung erwies, erklärte die "Süddeutsche" unverdrossen: "Es ist das Bosnien-Szenario. ... Eine serbische Streitmacht rückt vor, Dörfer brennen, Tausende von Zivilisten sind auf der Flucht - und nun auch noch der Bericht von Massakern und Massengräbern." Spätestens Mitte März 1999 waren die Kommentatoren der "SZ" zu veritablen Kriegshetzern mutiert: "Es wird zunehmend sogenannte friedenssichernde Einsätze geben, bei denen gekämpft, bei denen es Tote geben wird. Viele Tote. Wer das wegreden will, verhält sich wie ein kleines Kind, das sich die Hand vor die Augen hält und dann glaubt, die anderen könnten es nicht sehen." Folgerichtig bejubelte das Blatt am 29. April 1999 die friedenserzwingende Bombardierung der Sendezentrale des jugoslawischen Fernsehens, bei der es Tote gegeben hatte: "Attackiert wurde nicht das freie Wort, sondern die Lüge, und auch nicht die freie Meinung, sondern das Meinungsdiktat."

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum Franziska Augstein nicht gleich die Finger von der Tastatur gelassen hat. Die Antwort fällt leicht: Mittlerweile hat sich auch bis zu ihr herumgesprochen, daß der Kosovo kein funktionierendes Gemeinwesen ist, sondern ein, wie sie selbst formuliert, "Desaster" - gekennzeichnet durch andauernde militärische Besatzung, rassistische Gewalt, Kinderprostitution, Frauenhandel, Waffen- und Drogenschmuggel. Die Verantwortung hierfür weit von sich zu schieben, ist ein Gebot der Stunde.

Peer Heinelt schrieb in KONKRET 5/09 über "nichtletale Waffen"

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Literatur Konkret Nr. 36