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36 Jahre Konkret CD

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Heft 01 2008

Magnus Klaue

Sehnsucht nach Unterwerfung

Auf der Suche nach geistigem Halt hat die deutsche Männerrechtsbewegung den Islam für sich entdeckt.

Auf www.femdisk.com, dem völkisch-nationalen Forum der heimischen Männerbewegung, werden immer wieder Versuche unternommen, sich an lokalpatriotische Kleinbürgerriten anzupassen. Jüngst gerierte sich ein Mitglied der offenbar hauptsächlich von verhinderten Sexualstraftätern genutzten Diskussionsplattform, die für die Exekution intelligenter Frauen einen eigenen "Pranger" bereithält, als Vorkämpfer deutscher Leitkultur und forderte "Null Toleranz" für Kopftuchträgerinnen. In rezipientengerecht verstümmeltem Dummdeutsch kommentierte er eine Meldung über die immer zahlreicheren Konversionen deutscher Frauen zum Islam: "Eine Frau, die zu dieser Sch...religion konvertiert, der hamse sowas von ins Hirn gesch..." (Im Gegensatz zu "Fotze" und "Möse" wird das Wort "Scheiße" in den einschlägigen Foren zensiert.)

Gemeint war der maskulistische Auswurf nicht als Kritik an der freiwilligen Selbstentmündigung formal emanzipierter Mitteleuropäerinnen, sondern als zielgruppengerechte Mischung aus Frauen- und Fremdenhaß. Dennoch hatte sich der pseudonyme Beiträger (kein Herr tritt in diesem Milieu mit eigenem Namen auf) gründlich verkalkuliert. Die Mehrheit der Antwortenden verteidigte mit ungewohnter Heftigkeit das weibliche Geschlecht und dessen "Sehnsucht nach Unterwerfung unter einen starken Mann": Frauen, "die (von Natur aus?) besonders nach Führung gieren", hätten das Recht, sich "balzen" zu lassen, "wo Männer noch Männer sind", nämlich in Mexiko, Jamaika oder Marokko. Im Gegensatz zu den "umerzogenen Deutschen", die von der Männerbewegung mit Vorliebe "Pudel" genannt werden, böten Schwarze und Araber handfesten "animalischen Sex". Afrika, Lateinamerika und die arabischen Länder des Nahen Ostens mit ihrer misogynen, aber auch homophoben Alltagskultur erscheinen den "Neuen Männern" als Paradies für gelangweilte deutsche Sextouristinnen.

An welchen Typus Frau dabei gedacht ist, läßt sich im selben Forum studieren, wo sich seitenweise hämisch kommentierte Fotos vermeintlicher Frauenrechtlerinnen finden, mit denen belegt werden soll, daß alle Emanzen häßlich, mithin sexuell frustriert seien. Seltsam nur, daß die Idolfrau, mit der sich die maskulistische Gemeinde identifiziert, ausgerechnet Eva Herman heißt: Sollte man etwa auch als veritable Schreckschraube eine Chance bei Schmöcken wie Matthias Matussek haben, nur weil man blond und blauäugig ist? Das "Berufsverbot" für die hirnfreie TV-Moderatorin wird von den Forumsmitgliedern jedenfalls zum Anlaß für eine pathetische Verteidigung der "Meinungsfreiheit" genommen. Wie meistens, wenn hierzulande öffentlich die Meinungsfreiheit eingeklagt wird, ertönt im gleichen Atemzug eine Hymne auf die guten Seiten der Nazizeit: 1. Mai, Muttertag, Kilometerpauschale, die Krankenversicherung für Rentner und der Flughafen Berlin-Tempelhof (die "Mutter aller Flughäfen") werden als "Errungenschaften" des Hitler-Regimes bejubelt: "Bin ich deshalb ein Nazi?"

Als Apologet der Meinungsfreiheit, Busenfreund Eva Hermans und Kämpfer für die breitenwirksame Tolerierung des Islams tritt auch einer der einflußreichsten Protagonisten der Männerbewegung auf: der Publizist Arne Hoffmann, der nicht nur bei einem islamophilen Internetblog (www.watchblogislamophobie. wordpress.com) mitarbeitet, sondern auch die "Gleichberechtigung für Männer" und, in bester Multikultitradition, die "Toleranz von Minderheiten" befördern möchte ("Gegen die Diskriminierung von Minderheiten engagiere ich mich gerne mit Beate"). Neben Beiträgen für die "Junge Freiheit" sowie populären Sachbüchern über Masturbation, Sadomasochismus und andere mainstreamkompatible Perversitäten hat Hoffmann sich mit dem 2005 erschienenen Pamphlet Warum Hohmann geht und Friedman bleibt einen Namen gemacht, in dem er populistische Medienkritik und antisemitisches Ressentiment zu einer vermeintlich "liberalen" Verteidigung von politischer Inkorrektheit und freisinnigem Bürgergeist amalgamiert. Veröffentlicht wurde das Elaborat in der rechtsradikalen Edition Antaios, die ihr Programm hauptsächlich mit Titeln von Karlheinz Weißmann, Götz Kubitschek, Armin Mohler, Bernd Rabehl und Ernst Nolte bestreitet. Das von Erhard Arendt betriebene "Palästina-Portal", das den revisionistischen Thesen von Uri Avnery ein Forum bietet, Verschwörungstheorien über den Tod Jürgen Möllemanns verbreitet und Kontakte zur Internetplattform "Muslim-Markt" unterhält, hat Hoffmanns Hetzschrift 2005 zum "Buch des Jahres" gekrönt.

Hoffmanns Islamforum versteht sich als Speerspitze im Kampf gegen eine halluzinierte "Allianz von Rassisten, Kulturalisten und Neokonservativen" (gemeint sind Islam- und Multikulturalismuskritiker), die Islamophobie und Fremdenhaß zur Ersatzreligion einer kosmopolitisch degenerierten Gesellschaft zu machen drohten. Der Vorwurf des Rassismus gegenüber den Kritikern des Islams hat dabei die gleiche ideologische Funktion wie die Unterstellung von Sexismus gegenüber den Kritikern männlicher Dominanz. Wie hier eine an den Tatsachen ausgewiesene Kritik gesellschaftlicher Ungleichbehandlung als Diskriminierung des biologischen "Geschlechts" ausgegeben wird, so mißverstehen die multikulturellen Rassismuskritiker (absichtlich oder nicht) die Kritik an der repressiven Praxis einer Kultur als rassistisch motivierte Diskriminierung der dieser Kultur zugehörenden Individuen, die sich möglicherweise sogar freuen würden, von einigen kulturellen Gebräuchen ihrer Heimatgesellschaft freigestellt zu werden. Der argumentative Kniff erlaubt es, die im Kern faschistische Herrschaftspraxis vieler islamischer Staaten im Namen "kultureller" und "religiöser" Differenz zu billigen und zugleich die Restitution geschlechtsspezifischer Ungleichheiten als "linken" Kampf für "Männerrechte" zu rationalisieren. Insofern ist es nur konsequent, daß Arne Hoffmann für seine Verknüpfung von Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit 2004 den Preis der "Kellmann-Stiftung für Humanismus" erhalten hat, die nach eigenen Angaben Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auszeichnen möchte, welche sich der "Sozialismuskritik" und der "Kritik des Radikalfeminismus" verschrieben haben.

Schon früher als Hoffmann mit seinem Islamengagement hat der institutionell eher im christlichen Bürgertum verankerte "Väteraufbruch für Kinder e.V." eine erstaunliche Vorliebe für islamische Familienstrukturen unter Beweis gestellt. Auf seiner Internetseite dokumentiert der Verein seinen 1998 begonnenen Kampf für die "Vaterrechte" von Kazim Görgülü. Görgülü erfuhr, nachdem er seine langjährige Freundin verlassen hatte, daß diese von ihm schwanger sei, das Kind aber nicht behalten wolle. Er empfahl sich selbst als Vater, was die Mutter des Kindes nach ausführlicher Rücksprache mit den entsprechenden Ämtern und Familienberatungsstellen ablehnte; statt dessen gab sie das Kind zur Adoption frei. Görgülü wütete sich daraufhin, unterstützt von der Vaterrechtsgemeinde, bis zu einem juristisch wohlwollenden, in der Sache aber weiter negativen Entscheid des BGH in diesem Jahr, weitgehend erfolglos durch sämtliche Instanzen, um die "Herausgabe seines Kindes" zu erklagen, das er qua Samenspende als rechtmäßigen Besitz betrachtete und das die Mutter, so Görgülü, "weggeschmissen" habe. Die zwar in mancher Hinsicht problematische, in zivilisierten Ländern aber durchaus übliche Praxis der Adoption, die immerhin vielen in unhaltbarer Familiensituation aufgewachsenen Kindern ein neues Zuhause bieten kann, wird von Görgülü ebenso wie von der Männerbewegung als "Abfallentsorgung" betrachtet. Daß eine Mutter, die sich nach langer Erwägung entschließt, ihr Kind in Adoption zu geben, mit diesem Eingeständnis der Grenzen ihrer Belastbarkeit auch Mut beweisen könnte, liegt außerhalb des maskulistischen Blickfeldes. Entweder "Besitz" oder "Abfall" - eine andere Alternative gibt es aus dieser Perspektive für Kinder ebensowenig wie für Frauen.

Die verständnisinnige Hinwendung der männerbewegten Gemeinde zum Islam ist längst mehr als ein obskures Hobby: Hier wird auf breiter Front und - entgegen dem weinerlich masochistischen Selbstbild der Männerbewegung - mit tatkräftiger juristischer Rückendeckung dafür gestritten, grundlegende zivilisatorische Standards der westlichen Gesellschaften im Namen von "Männerrechten",

"Vaterrechten" und "kulturellen Differenzen" zu suspendieren. Seiner naturwüchsigen Rechte als Hordenführer beraubt, stilisiert der deutsche Maskulist den von Bürokratie, Jurisprudenz und Sozialstaat um seine autochthone Herrschaft gebrachten arabischen Familienvater in pathischer Projektion zum Stammesgenossen.

Daß die Frage nach der Vereinbarkeit von Islam und Demokratie bei alldem aus maskulistischer Perspektive im Grunde unwichtig ist, zeigen die zahllosen Referenzen auf die NS-Vergangenheit, mit denen die in arabischen Dingen eher unbeleckte Männerbewegung sich nolens volens als Zerfallsprodukt gesamtdeutscher Psychopathogenese erweist. Wer Männer, denen in der Diskussion mit Frauen auch anderes als ein Schimpfwort einfällt, als "umerzogen" tituliert und für die Fackelzüge der NS-Olympiade schwärmt, der gibt zu erkennen, daß er für die Akzeptanz gegenüber Schwulen, Emanzen und anderem Gesocks in letzter Konsequenz die alliierte Besatzungsmacht verantwortlich macht, in deren Demokratisierungsprogramm "Umerziehung" eines der wichtigsten Schlagworte war. Tuntenhaft, weibisch und dekadent ist Deutschland demnach vor allem geworden, seit es zur Kolonie der westlichen Demokratien, insbesondere der USA, degradiert worden sei. Auch deshalb glauben deutsche Männer im scheinbar autochthonen Araber, der von den Sozialämtern abgezockt wird und seine Dönerbude notfalls im Einzelkampf gegen McDonald's verteidigen muß, einen Bündnisgenossen auszumachen.

Daß es in Wahrheit die Apologeten von "Männerrechten" sind, die ihre Sympathien für Araber und Schwarze genuin rassistisch, nämlich im Rekurs auf angeblich naturgegebene Geschlechtseigenschaften begründen, ist angesichts der zitierten Auslassungen offensichtlich. Der triste, eingeschränkte und bornierte Alltag arabischer Familien hierzulande, der allen Ängsten zum Trotz besonders junge Frauen immer wieder dazu animiert, ihr Glück jenseits der klaustrophobisch engen Männerkultur der Vorväter zu suchen, erscheint aus maskulistischer Sicht als anheimelnd geordnete Welt, in der alle Geschlechter und Generationen noch wissen, woran sie sich zu halten haben. Der modernisierungsbedingte Zerfall patriarchalischer Ordnungsmuster, den die westlichen Gesellschaften meistenteils schon hinter sich haben und der "Männern" à la Arne Hoffmann als Bedrohung ihres mühsam verinnerlichten chauvinistischen Ichideals erscheint, wird als rassistische Bedrohung des arabischen Mannes imaginiert, der als Verkörperung all dessen erscheint, was der gezähmte deutsche Durchschnittspapa aufgeben mußte. Würden die solcherart als Spiegelfiguren instrumentalisierten Fremden einmal ausführlich darüber informiert, als was sie in den Augen ihres Gastvolkes gelten - zumindest einige würden nicht mit jener Dankbarkeit reagieren, die ihre Gönner für selbstverständlich halten.

Magnus Klaue schrieb in KONKRET 10/07 über den Film "Import Export"

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Literatur Konkret Nr. 36