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36 Jahre Konkret CD

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Heft 09 2005

Lars Quadfasel

Schießen Sie auf den Zionisten

Folge 2: Judith Butler

Die beliebte Garde "israelkritischer Juden" meldet Zuwachs: Wem Avnery oder Zuckermann zu anrüchig oder zu langweilig geworden sind, der kann jetzt zur Ikone der "Foucauldian Left", Judith Butler, greifen. Ihr Bewerbungsschreiben enthält sogar ein speziell für den deutschen Markt verfaßtes Nachwort: eine Aufforderung an die Landsleute, ihre Israelkritik endlich "öffentlich zum Ausdruck zu bringen". Sie werden es verstehen.

Denn Frau Butler wird von der Antisemitismuskeule bedroht. Vom "furchtbaren Vorwurf" des Präsidenten der Uni Harvard, die antiisraelischen "fortschrittlichen Intellektuellen" befürworteten "Aktionen, die in ihrem Effekt antisemitisch sind", fühlt sie sich "mundtot" gemacht; und dagegen geht sie, erstaunlich redselig für eine Mundtote, in ihrem Essay an. Es komme doch nur darauf an, was man "wirklich meint", als Israelkritikerin; und wenn das nicht die Juden sind, sondern nur ihr Staat, ist doch alles gut.

Mit der gleichen kalkulierten Treuherzigkeit legitimiert sich Butlers Israelkritik. Aus dem Brief einer Aktivistin vor Ort erfährt die Leserin von einer "Graswurzelbewegung" gegen die Besatzung, die wahrhaft vorbildlichen "Umgang mit Geschlecht, Klasse, Sexualität und Rasse" pflegt - kurz, von einer "echten Gemeinschaft" aus dem postmodernen Puppenstubenidyll.

Es ist der klassische Dreh des zeitgenössischen Antizionismus. Sein Credo lautet nicht Umsturz und Blutvergießen, sondern Mitleid und Menschenrecht: ein Antizionismus der Herzen, der unmittelbar dem Wahren, Schönen und Guten entspringt. Butler bedient ihn meisterhaft: Wer dabei ist beim basisdemokratischen Kampf gegen Israel, kann einfach kein schlechter Mensch sein. Der darf, ganz ohne Sünde, den ersten Stein werfen und etwa, Seit an Seit mit der Jeanne d'Arc des Poststrukturalismus, die Streichung des Rückkehrrechts, des israelischen Schutzversprechens gegen den weltweiten Antisemitismus, fordern, ohne daß ihm einer böse werden dürfte. Butler findet nichts dabei, Israel finanziell erledigen zu wollen - "Desinvestition", wie sie es vornehm nennt. Beim geringsten Einwand gegen ihre Position aber beschwert sich das Sensibelchen über "Zensur". Denn schließlich müsse der "Vorwurf des Antisemitismus als ein äußerst wichtiges und wirksames Instrument lebendig erhalten werden, um den vorhandenen und zukünftigen Antisemitismus zu bekämpfen."

In Butlers Welt geht nämlich jeder Antisemit, heißt man ihn nur einen solchen, beschämt in sich. Die aber, die es nicht tun, können auch keine sein, und deshalb darf man sie auch nicht so nennen. Nur folgerichtig, daß die Gesellschaftskritikerin den "großen politischen Parteien" in Deutschland attestiert, die Lehren aus dem Faschismus "aufgenommen und beherzigt" zu haben.

Alle Zitate aus Judith Butler: "Gefährdetes Leben. Politische Essays", Suhrkamp 2005, 200 Seiten, 10 Euro.

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Literatur Konkret Nr. 36