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36 Jahre Konkret CD

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Heft 06 2007

Kay Sokolowsky

Satanische Verve

Neueste Botschaften aus dem Reich der Verschwörungstheorien beweisen einmal mehr: Konspiration = Konfusion.

Wirr ist die Welt, verwirrend sind ihre Verhältnisse, aber richtig verworren wird es, wenn Wirrköpfe sich einbilden, sie besäßen den Durchblick, weil sie einer Verschwörungsspinnerei aufgesessen sind: "Es ist schon drollig. Immer wieder lese ich in Foren, wir Deutsche sollen das Maul halten - bei unserer Vergangenheit ... Ich sehe das anders. Ich finde, gerade wir sollten unser ›Maul‹ aufmachen, denn wer sollte Faschismus & Co. wohl besser erkennen!?" Meint ein Kerl, der sich "Jaw", also "Kiefer", vulgo: "Fresse" nennt und der den Unterschied zwischen einem Nazi und einem Nazigegner so gut markiert, wie, sagen wir mal, Horst Mahler. Gleich daneben läßt ein "Charo" den SA-Mann mit Notabitur heraushängen: "Du schreibst: ›Das echte Fascho-Pack‹ hat dreißig Millionen Menschen umgebracht. Was du da geschrieben hast, ist das Geschreibsel eines manipulierten Individuums. Wenn du dich für Geschichte tatsächlich interessierst, dann informier dich nicht oberflächlich, sonst taugst du nicht zur Diskussion!" So was, solche Hakenkreuzzüge stiftet man an, meldet man sich im Weblog eines der erfolgreichsten Verschwörungsphantasten Deutschlands zu Wort und widerspricht dem dort waltenden Quatsch- und Müllgelaber, speziell einer NPD-kompatiblen Lumpengesinnung wie dieser: "Es wäre fast schon komisch, was das Fascho-Pack aus Übersee so alles veranstaltet, würden nicht hunderttausende Menschen ihr Leben verlieren." Das hat ein "Kato74" unter sich gelassen, im Kommentarteil zum Weblog von Mathias Bröckers; und obwohl Bröckers, die selbsternannte "Lunte der Aufklärung" (s. KONKRET 8/06), generell keinem seiner Blog-Kommentatoren widerspricht, darf man annehmen, daß er in diesem Fall gar nicht wüßte, was es da zu widersprechen gäbe. Er arbeitet seit bald sechs Jahren daran, seinen Haß auf die USA und Israel in Mythologie zu verwandeln und so ziemlich alles, was antizionistisches Ressentiment zu bieten hat, in seinen Quark hineinzurühren: Wie sollte nun gerade Bröckers merken, daß seine Anhängerschaft sich aus lauter Neonazis rekrutiert?

Er könnte, vielleicht, zur Besinnung kommen, wenn er mal etwas anderes läse als die dubiosen Websites, auf die er immer wieder verweist, nämlich, zum Beispiel, "Agenten des Bösen" von Wolfgang Wippermann. Aus diesem weitgehend untadeligen Buch könnte Mathias Bröckers beispielsweise lernen, daß Weltverschwörungsphantasien, wie er sie pflegt und verbreitet, eine jahrhundertelange Tradition antisemitischer Hetze fortsetzen. Er könnte daraus entnehmen, in welch sinistrer Gesellschaft er sich befindet: von Augustin Barruel (der als die Anstifter und wahren Nutznießer der Französischen Revolution Freimaurer, Illuminaten und Juden denunzierte) über die Erfinder der "Protokolle der Weisen von Zion" und Adolf Hitler bis hin zu Amin Al-Husseini, dem Begründer des islamistischen Antisemitismus. Allerdings darf man bezweifeln, daß Bröckers vor dieser Ahnenreihe erschrickt. Denn wie alle Verschwörungsideologen bildet er sich ein, jede Kritik an ihm sei von den Verschwörern gesteuert, und der Obskurantismus, den er betreibt, ein Werk der Wahrheitsliebe. Hält man ihm vor, er bediene antisemitische Klischees, greint Bröckers, er solle mundtot gemacht werden, und mit atemberaubender Unverschämtheit stilisiert er sich zu einem der ersten Märtyrer jenes amerikanisch-israelischen Neofaschismus, den er sich ausgedacht hat: "Wie vor ihm bereits der Schriftsteller Martin Walser spricht er in diesem Zusammenhang von einer ›Auschwitz-Keule‹, die gegen ihn, den furchtlosen Journalisten, geschwungen werde. Das ›Meinungsklima‹ erinnert ihn an das ›in Deutschland nach 1933‹, es würden ›Nazi-Spielregeln‹ gelten ... Der antisemitische Täter Bröckers stilisiert sich zum Opfer eines philosemitischen Diskurses." So Wolfgang Wippermann in aller wünschenswerten Deutlichkeit. Blogger Bröckers hat sich zu diesem Angriff bislang nicht geäußert; kann sein, daß er noch nach "Beweisen", will sagen: Gerüchten dafür sucht, der Historiker Wippermann oder sein Verlag würden vom Mossad finanziert.

"Agenten des Bösen" bietet eine schnelle, solide Synopsis über fünfhundert Jahre Konspirationswahn und dessen unlöslichen Zusammenhang mit dem ebenso alten Wahn, hinter allem Übel der Welt steckten als Drahtzieher die Juden. Der Bremer Historiker hängt sich zwar etwas weit aus dem Fenster, wenn er im Vorwort behauptet, sein Buch lege "die Geschichte der Verschwörungsideologien zum ersten Mal umfassend" dar. Da war ihm Daniel Pipes voraus, und nicht nur der. Auch nicht ganz neu ist Wippermanns Entdeckung, alle antisemitischen Verschwörungsideologen seit Martin Luther bedienten sich der Mythologie vom Teufel, um so die üblen Mächte, von denen sie halluzinieren, mit nachgerade übernatürlicher, unmenschlicher Bösartigkeit ausstatten zu können. Doch die Gründlichkeit, mit der Wippermann nach Spuren von Diabolismus zumal in aktuellen Weltverschwörungskonstrukten sucht, ist in der Tat neu, und was er da findet, bestürzend genug, um sein Resümee fast zurückhaltend zu finden: "Es droht ein Rückfall in eine vor- und antiaufklärerische Zeit mit alten und neuen antisemitischen und diabolischen Verschwörungsideologien. Satan und seine Agenten werden uns nicht verlassen."

Leider macht Wippermann es sich etwas zu einfach, wenn er in der Renaissance konspirationsgläubigen Denkens eine "geistige Krise" ausmacht, die "nicht allein mit politischen Motiven zu erklären" sei. Während er - sehr richtig - alles Gerede von der Weltverschwörung als blanke, antisemitisch motivierte Esoterik entlarvt, macht er einen weiten Bogen um die echten Verschwörungen, von denen ihm, dem Historiker, doch einige bekannt sein dürften. Die Verführungskraft, die zum Beispiel von Bröckers "9/11"-Märchen ausgeht, verdankt sich nicht zuletzt all den Konspirationen, die es wirklich gegeben hat und gibt. Die akute Gefährlichkeit des Weltverschwörungsgeschwätzes hat eben auch damit zu tun, daß immer wieder konspirative Aktionen der Geheimdienste bekannt und politische Entscheidungen eher in diskreten Kabinetten als in der Öffentlichkeit getroffen werden. Es ist heikel, zumal begrifflich, die realen Verschwörungen von den fiktiven abzugrenzen, doch gerade weil der Konspirationsgläubige diese Trennlinie nicht ziehen will, hätte Wippermann es tun müssen. So liefert er den Ideologen des Globalkomplotts leichtfertig ein ebenso billiges wie erschlagendes Argument gegen seine Polemik: Weil er das bißchen Wahrheit, das sie in ihre Wahnsysteme einbauen, ignoriert, können sie ihm kurzerhand vorwerfen, generell ignorant zu sein und selbst einer der "Agenten des Bösen", von denen sie unablässig fabulieren.

Für Gerhard Wisnewski, neben Bröckers und Andreas v. Bülow der populärste deutsche Verschwörungsideologe in Sachen 11. September 2001, hat Wippermann nur einen Nebensatz übrig, und das ist auch besser so. Denn Wisnewski ist, im Gegensatz zu seinen beiden Kameraden, nicht einmal schlau. Sein neuester Versuch, auf dem Ticket "9/11" in die Bestsellerlisten zu reisen, heißt "Verschlußsache Terror" und ist von einer derart stupenden Wirrköpfigkeit und sprachlichen Mediokrität, daß man sich als Rezensent durchaus leid tun darf, diesen Schmarren lesen zu müssen. Wisnewski ist fest überzeugt, aller Terrorismus seit der RAF sei von den Geheimdiensten inszeniert worden, damit "die Regierenden" über die Welt ein neofaschistisches Spitzelregiment verhängen können. Sogar die Selbstmordattentäter im Irak seien in Wirklichkeit Marionetten der Briten und der Amerikaner; und überhaupt sei "das Kriegsziel Irak ... keineswegs in amerikanischem, sondern in israelischem Interesse gewesen". Wisnewski, der sich von dem rasenden Machtverlust der Republikaner in den USA nicht im geringsten beeindrucken läßt, raunt von den Welteroberungsplänen der "Neocons" um Dick Cheney und Donald Rumsfeld, und macht als deren geistigen Ziehvater selbstverständlich einen Juden aus, den Politologen Leo Strauss. Erfüllt von der Überzeugung, im Alleinbesitz der Wahrheit und ihr todesmutiger Vorkämpfer zu sein, unterbricht Wisnewski das Terror- und Konspirationsgemäre gelegentlich, um der Gemeinde seinen ungeheuren politischen Scharfsinn vorzuführen: "Diese Regierung (er meint die Kanzlerin Merkel; K. S.) braucht kein Mensch ... Wenn Sie mich fragen: ab auf den Müllhaufen der Geschichte!" Wo auch "Verschlußsache Terror" gut aufgehoben wäre.

Nach meiner Aufforderung in Bröckers' Weblog, das Wort "Fascho-Pack" doch bitte den echten Faschisten vorzubehalten, kletterte übrigens noch ein echter Schrat vom Berg herab und brüllte mir zu, so deutsch, wie nur ein Deutscher brüllen kann: "hab sonne in den dolomiten genossen und prompt kommt mir der brechreiz, wo ich die dinge von kay lese. wer issn das? bist du bushibaby oder der vize?? wenn der kampf gegen den terror wie geplant die nächsten 20 jahre dauern wird, wie es einer unserer bundesdeutschen generäle prophezeit hat, dann werden wir die 60 mille an toten lässig toppen. also, ist faschismus ein zahlenspiel oder hat dir sonst wer ins hirn geschissen!?"

Das also sind die Leser von Bröckers und Wisnewski. Eine feine Kundschaft, wahrhaftig, die, was Hirnschisse und Gegeifer betrifft, sogar ihre Meister lässig toppt.

Wolfgang Wippermann: "Agenten des Bösen. Verschwörungstheorien von Luther bis heute." Bebra, Berlin 2007, 208 Seiten, 19,90 Euro.

Gerhard Wisnewski: "Verschlußsache Terror. Wer die Welt mit Angst regiert." Knaur, München 2007, 368 Seiten, 12,95 Euro

Kay Sokolowsky schrieb in KONKRET 4/07 über den letzten Film von Robert Altman

KONKRET Text 56


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Literatur Konkret Nr. 36