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36 Jahre Konkret CD

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Heft 01 2006

Gunnar Schubert

Oral Hystery

Guido Knopps "Drama von Dresden" ist mit einem Emmy ausgezeichnet worden. Wegen seiner Authentizität. Für diese Begründung verdient

die Jury eine Nominierung in der Kategorie Comedy.

In einer Folge der ZDF-Serie "Ein starkes Team" stöbert selbiges während der Hausdurchsuchung bei einer schlagenden Verbindung in den gedruckten Unterlagen. Woraufhin ein Kriminaler ungläubig einen Buchtitel zitiert: "Dresden - Der Massenmord der Alliierten. - Tja, so kann man es auch sehen." In keiner Geschichtssendung des ZDF ist bislang Klügeres gesagt worden.

Der Fall spielte in Berlin. Kein Dresdner Kommissar wäre auf den Gedanken gekommen, den Studenten mit besten Verbindungen in die Naziszene so verächtlich anzusehen. Denn in der Elbmetropole ist der Geschichtsrevisionismus nicht die Ausnahme des "äußert rechten Lagers", sondern Sache aller ordinary Germans. Hier kann man es nicht auch so sehen, so sieht man es hier ausschließlich.

Als Guido Knopp zum Jahrestag der alliierten Luftangriffe 2003 am Dresdner Elbufer stand, um dort etwas von 35.000 Bombentoten ins Mikrofon zu lügen, war leider keine gnädige Flut da, die den ganzen gebührenfinanzierten Unrat mit sich fortriß. Prof. Knopps abendfüllende Dokusoap "Das Drama von Dresden" (siehe KONKRET 3/05) ist am 21. November 2005 mit einem International Emmy, dem Oscar der TV-Branche, für die beste Dokumentation ausgezeichnet worden. "Daß uns ausgerechnet im Jahr der wiedererstandenen Frauenkirche dieser prominente Preis für eine Dokumentation über die Zerstörung Dresdens vor 60 Jahren verliehen wird", kommentierte der hocherfreute ZDF-Chefhistoriker, "ist nicht nur Anerkennung dafür, daß wir die richtige Filmsprache für das bewegende Thema gefunden haben, sondern auch ein Zeichen der historischen Versöhnung."

Als sehr authentisch befanden die Mitglieder der Jury die schwülstige Geschichtslektion. Wie es tatsächlich um den Realitätsgehalt dieser "Dokumentation" bestellt ist, sei im folgenden anhand einiger Beispiele vorgeführt.

Er sei, berichtet da ein Zeitzeuge, aus einem nicht näher benannten Kino nahe des Hauptbahnhofs gekommen. Noch ganz angetan von dem seit Weihnachten 1944 ständig ausverkauften Film "Frau meiner Träume" mit Marika Rökk geriet der junge Helmut Camphausen in das Bombardement.

Warum aber zeigt Knopp zu dieser Aussage immer wieder den Schriftzug der Schauburg, die sich seit 1927 in der Nähe des Neustädter Bahnhofs befindet und zu Fuß 45 Minuten vom Hauptbahnhof entfernt ist? Und warum ist der laut Untertitelung "damals 15 Jahre" alte Zeitzeuge im Offkommentar "der 17jährige Helmut Camphausen"? Möglicherweise, im ersten Fall, ein Effekt zur Illustration, möglicherweise eine dieser weltanschaulichen Schlampigkeiten, die einen "der besten Filme, die in der ZDF-Redaktion ›Zeitgeschichte‹ entstanden sind" (Knopp) so prägend gemacht haben. Der Zeitzeuge immerhin kann den Rökk-Film gesehen haben, ausweislich aber nur im 1916 eröffneten Prinzeß auf der Prager Straße. Allerdings nicht am 13. Februar, denn bereits am 5. Februar waren alle Kinos geschlossen worden. Erst im April öffneten einige wieder. Das Prinzeß war nicht darunter, denn es wurde, wie 22 weitere Filmtheater, während der Bombardements zerstört.

Aber haben Knopps Zeitzeugen einmal Feuer gefangen, schlagen die Flammen der Empörung hoch. "Da lief der Phosphor richtig runter. Und das sah alles wie golden aus", erinnert sich Katharina Brünnel, die die brennende Kuppel des Zirkus Sarrasani von ferne gesehen haben will. Und auch der Zirkusartist Leandro Marton-Karoly ist sich sicher: "Da muß ein ..., auch ein Phosphorkanister auf die Kuppel gefallen sein. Und die ist dann gleich abgebrannt. Und durchgefallen, richtig in die Manege rein." Hitlers junger Helfer Werner Hanitzsch erklärt nach Dresdner Logik ultimativ: "Und wenn jemand behauptet, es wäre kein Phosphor abgeworfen worden, dann kann man nur sagen, der hat noch nie einen Luftangriff erlebt." Während die Beteuerungen der gänzlich unschuldigen deutschen Opfer an keiner Stelle auch nur hinterfragt werden, darf der Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes bei der Landespolizeidirektion Sachsen Thomas Lange, der seit Jahren bei fast allen Bombenentschärfungen dabei war, hier in Teilen widersprechen: "Ein Masseneinsatzmittel auch im Bereich Dresden war dieser sogenannte Benzinkanister, die gefüllt worden sind mit einer Brandmasse, nicht mit Phosphor. Also ausdrücklich: wirklich nicht mit Phosphor. Sondern in diese Brandmasse, es war ein Kautschukgemisch, hat man Phosphor, weißen Phosphor, einlaboriert, der eigentlich nur die Aufgabe hatte, wenn der Zünder unten aufschlägt - der zerplatzt, relativ dünnwandig - und bei Zufuhr von Luftsauerstoff entzündet sich weißer Phosphor. Und diese Zündung hat ausgereicht, um dieses Brandgel zu entzünden. Der Effekt bei den Kanistern ist: Wenn dieser auf eine Straße aufschlägt, zerbricht er und die Masse spritzt dann tatsächlich meistens bis zum ersten Stock hoch." An dieser Stelle heißt es im Offkommentar: "Später bekamen solche Bomben einen Namen: Napalm."

Der Historiker Helmut Schnatz, der auch den Schwindel um Scharfschützen in Tieffliegern aufdeckte und im "Drama von Dresden" nicht zu Wort kommt, nennt Langes Darstellung ein Beispiel für die bis heute wuchernde "Legendenbildung". Man verbreite "die falsche Version, es seien am 13./14. Februar 1945 in Dresden Brandkanister als Masseneinsatzmittel abgeworfen worden, deren Füllung später als Napalm bezeichnet worden sei".

Sollte sich die vom ZDF verbreitete Version Thomas Langes durchsetzen, könnte man in Dresden immerhin die Lüge vom Phosphor endlich aufgeben. "Bild Dresden" hat die passende Sprachregelung schon vorgegeben: "Bisher hieß es, Briten und Amerikaner hätten Dresden lediglich (Hervorhebung von G. S.) mit Phosphor gefüllten Brand- und Sprengbomben angegriffen."

"Das Drama von Dresden" mag in den USA als eine Art Persiflage auf "Bad Ass" verstanden worden sein. Regisseur Sebastian Dehnhardt, dessen "Stalingrad"-Film bereits nominiert war, bestätigt diese Theorie: "Ohne die Zeitzeugen, die ihre persönlichsten und schlimmsten Erinnerungen mit uns teilen, könnten solche Filme nicht entstehen." Der britische Regisseur und Schauspieler Ken Finkleman, der für seinen bösen Humor in der Serie "The Newsroom" ausgezeichnet wurde, sagte in seiner Dankesrede, die Deutschen hätten sicher auch in der Kategorie Comedy "gewonnen, wenn sie den Film ›Der Untergang‹ eingereicht hätten".

Von Gunnar Schubert erscheint in diesen Tagen "Die kollektive Unschuld. Wie der Dresden-Schwindel zum nationalen Opfermythos wurde" (konkret texte 42)

KONKRET Text 56


KONKRET Text 55


Literatur Konkret Nr. 36