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36 Jahre Konkret CD

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Heft 09 2006

Günter Amendt

Night Time in the Big City

Mit einer eigenen Radio-Show knüpft Bob Dylan an ein Format an, das ihn in seiner Jugend über die Tage gebracht und durch die Nächte getragen hat

It's night time in the big city", raunt eine Frauenstimme aus der tiefsten Tiefe der Nacht. "It's theme-time-radio-hour with your host Bob Dylan."

Die Überraschung war groß und das Medienecho in den USA überschwenglich, als der Pay-Radio-Sender XM bekanntgab, Bob Dylan als DJ unter Vertrag genommen zu haben. Die Radiomacher laden ihre Hörer und Abonnenten auf eine Reise zurück ins goldene Zeitalter des Radios ein: "Themes, schemes and dreams." Sie kündigen Musik "handverlesen aus seiner persönlichen Sammlung" an. Und sie versprechen, daß der Gastgeber - your host Bob Dylan - sie an Orte führen wird, die nur er kennt.

Und tatsächlich, am 3. Mai 2006 ging Dylan, leicht abweichend von der ursprünglichen Planung, auf Sendung. Die Arbeit im Studio, wo er mit den Musikern seiner laufenden Tour das Album "Modern Times" produziert hatte, brachte den Zeitplan durcheinander.

Informationen über die Produktionsbedingungen von Dylans Radio-Show sind spärlich und widersprüchlich. Der Sender hat ihm ein Rechercheteam beiseitegestellt. Das erfährt man im Abspann. Er hat ihm auch, wie die englische Tageszeitung "Observer" in Erfahrung gebracht haben will, ein tragbares Equipment zur Verfügung gestellt, so daß er seine Beiträge im Wochen-Rhythmus von unterwegs - on tour - absetzen kann. Hört man sich jedoch die einzelnen Sendungen genauer an, dann regen sich Zweifel an dieser Version. Sie alle wirken, als seien sie im Studio vorproduziert und nicht on tour produziert worden. Auch Dylan selbst versucht, diesen Eindruck zu erwecken. Gleich mehrfach tut er so, als befände er sich in einem Studio. Einmal bezieht er sich auf den Tontechniker, der ihm bedeutet, daß die Zeit um sei. Das andere Mal ist es die Uhr an der Studiowand, die ihn daran erinnert. Auch im Abspann wird der Eindruck erweckt, die Sendung sei in "Studio B of the Abernathy Building" in Washington DC aufgenommen worden. Eine bewußte Irreführung, wie ein Sprecher des Senders einräumt.

Man fragt sich, was der Sender damit bewirken will. XM Radio spekuliert offenbar auf einen Authentizitätsbonus, wenn bei den Hörern die Illusion entsteht, Dylan spreche von einem festen Ort aus zu ihnen. Ein Radio-DJ muß verortbar sein. Das ist die Idee. Nur so kann er die Hörerinnen und Hörer in seinen Bann ziehen. Wer die Sendung als Download hört und damit den Zeitpunkt, an dem er "einschaltet", selbst bestimmen und auf die Nacht verlegen kann, wird eher in den Bann von Dylans Stimme und dem, was sie erzählt, geraten als Hörer, die das Programm direkt über Satellit empfangen. Denn obwohl das ganze Konzept auf "night time" getrimmt ist, wird die Show bei Tageslicht ausgestrahlt. Da seien nun einmal, so ein Sprecher des Senders, die meisten Hörer auf Empfang - 1,7 Millionen sollen es im Falle Dylans sein.

Von Dylan selbst gibt es bisher keine Äußerungen, die Rückschlüsse auf das Wann, Wie und Wo der Produktion zuließen. Auch läßt der Sender im dunkeln, auf welche Dauer das Projekt angelegt ist. In Dylans Umfeld ist die Rede von 50 Sendungen.

In seinem Internet-Tagebuch schreibt Lee Abrams, der das Projekt, als dessen künstlerischer Leiter er fungiert, angeleiert hatte, man habe ursprünglich sogar mit dem Plan gespielt, einen eigenen Dylan-Kanal einzurichten. Doch von dieser Idee, deren technische Umsetzung für den Sender kein Problem gewesen wäre, sei man bald wieder abgekommen, in der Einsicht, daß Dylan möglicherweise nicht überschauen konnte, worauf er sich einlassen würde. Am Ende wären dann alle enttäuscht - die Fans und Bob Dylan. Und natürlich auch der Sender. Also einigte man sich auf eine wöchentlich jeweils am Mittwoch über Satellit ausgestrahlte und in den Tagen darauf mehrfach wiederholte Show.

Drei Jahre hat es gebraucht, bis Dylans Team und die Verantwortlichen des Senders ein Konzept erstellt hatten. Klar war von Anfang an: "The show is produced on Bob's terms." Der Sender mußte sich also darauf einstellen, daß Dylan als DJ nicht nach dem Radio-Handbuch, sondern nach dem Dylan-Handbuch arbeiten würde. Abrams, ein Radio-Freak der alten Schule, ließ sich nicht abschrecken. Er wollte den Deal. Unbedingt. Wobei er betont, daß es nicht eigentlich um einen Deal ging, "sondern um die außerordentliche Gelegenheit, Bob in his own words zu hören".

Abrams hatte im Sender einige Überzeugungsarbeit zu leisten und einige Widerstände zu überwinden - so jedenfalls der Eindruck, wenn man sein Tagebuch liest. Dessen bereits vor Wochen im Internet angekündigtes Schlußkapitel ist bis heute nicht erschienen. Sollte Abrams mit der Ausbreitung von nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Details einen der Vertragspartner verärgert haben? Als wir schließlich "unser Haus in Ordnung hatten in dieser Sache", schreibt er, lief der eigentliche Deal schmerzlos: "It took three days." Abrams ist begeistert von Dylans Kompetenzteam, das von sich aus auf den in der Branche bei Vertragsabschlüssen üblichen Katalog von juristischen Absicherungen verzichtete. Auch Dylan wollte das Projekt, auch für ihn war es mehr als ein Deal.

"Theme-time-radio-hour with your host Bob Dylan" dauert 60 Minuten und rankt sich um jeweils ein Thema. Dylan und seine Leute wählen die Musik aus. Pro Sendung um die 20 Titel. Mit deren Beschaffung haben sie den Sender beauftragt, was, wie Abrams gesteht, nicht immer einfach war und einfach ist: "Wir haben Millionen von Songs in unserem Archiv, aber Dylan und sein Team haben einige Raritäten ausgegraben, die selbst wir nicht haben."

In "Weather", seiner ersten Show, bringt Dylan 18 Lieder von Muddy Waters über Judy Garland bis zur Carter Family. Sie besingen den Regen, die Sonne, den Wind und die Wolken. "Mothers", die zweite Show, lief um den Muttertag herum und endete mit der Aufforderung an die Hörerinnen und Hörer, ihre Mütter anzurufen. In "Coffee" und "Drinking" werden zwei der wichtigsten Alltagsdrogen thematisiert, wobei dem an deutschem Liedgut geschulten Hörer wieder einmal bewußt wird, wie viel näher sich die Lieder der amerikanischen Populärmusik an den Realitäten des Lebens bewegen.

Auf "Mothers" folgt "Fathers", auf "Wedding" folgt "Divorce" mit der Botschaft: The only way to stop divorce is to stop marriage. Weitere Themen bisher: Baseball, Jail, Summer, Flowers, Cars, Rich Man - Poor Man, Devil, Eyes, Dogs.

Dylans Radio-Show ist gebaut, wie eine Radio-Show gebaut sein sollte. "The language is Radio Theatre. Integrity. Quality", schreibt Lee Abrams in seinem Tagebuch. Dylan und seine Helfer greifen tief ins Schallarchiv. Passend zum jeweiligen Thema werden Geräusche unterlegt und Dialogfetzen, Interviews, Promotapes und Commercials aus der Frühzeit des Radios eingespielt. Dylan beantwortet E-Mails seiner Hörerinnen und Hörer. Er scherzt. Er albert. Er schiebt kleine historische Exkurse ein. Er gibt kurze biographische Hinweise zu den Sängern und Sängerinnen, die er auftreten läßt. In seiner "Drinking"-Show preist er ein Cocktail-Rezept an, das allerdings eher wie ein Kopfweh-Rezept klingt. In der "Baseball"-Show singt er - a capella -, was er wohl als Junge schon so gesungen hatte: "Take Me Out to the Ball Game". Er zitiert und rezitiert aus den Liedern, die er präsentiert. Dabei gerät er manchmal so ins Phrasieren, daß man sich nicht wundern würde, wenn er zu singen begänne.

Wie bei seinen Konzerten ist auch in der Radio-Show nicht nur die Auswahl der Songs, sondern auch deren Abfolge entscheidend für das Gelingen. Dylans Set-Dramaturgie ist perfekt, egal um welches Thema es geht. Sie erzeugt eine Stimmung, die einen Sog entwickelt. Effektvoll stellt er Charles Aznavours hochdramatischen Song "Je bois / I drink", den er als den "niederschmetterndsten Trinkersong aller Zeiten" ankündigt, neben den gleichnamigen Song von Mary Gauthier mit dem lakonischen Refrain: "Fish swim / Birds fly / Daddies yell / Mamas cry / Old men / Sit and think / I drink."

Es ist unverkennbar, daß Dylan an ein Showformat anknüpft, das ihn in seiner Jugend über die Tage gebracht und durch die Nächte getragen hat. "Ich hörte unentwegt Radio, um etwas zu finden, das mir gefiel. Wie Züge und Glocken gehörte auch das Radio zum Soundtrack meines Lebens. Wenn es seinerzeit Probleme gegeben hat, konnte man sich vom Radio die Hand auflegen lassen, und alles war gut", schreibt er in Volume One seiner Chronicles. Die Stimme, die er bei seiner Radio-Show einsetzt, klingt jünger als die aktuelle Gesangsstimme. Es ist eine freundliche Stimme, die man oft lächeln hört. Von so einem läßt man sich gerne mal die Hand auflegen.

Günter Amendt gewährte in KONKRET 3/06 einen Einblick in seine Drogenerlebnisse

KONKRET Text 56


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Literatur Konkret Nr. 36