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Gunnar Schubert
Neulich in Dresden
Eigentlich sollte im geistigen und weltlichen Zentrum aller Sachsen ein besonders fulminater Wahlkampf toben - aber geht das überhaupt, in so einer Stadt?
Am 5. September formieren sich knapp 50 Freigeister der NSDAP-Nachfolgepartei zwischen Rathaus und Denkmal der Trümmerfrau. "EU-finanzierte amerikanische Schweine aus Polen. Ist es das, was wir wollen? Nein, wir stellen uns ..." Ob quer, dumm oder hinten an, es war nicht zu erfahren. Denn als der NPD-Kandidat Matthias Paul die Lösung verlesen will, fällt die "Scheiß-Technik" aus. Etwas später ergreift Kerstin Lorenz das Mikrofon. Der Tourismus sei trotz NPD in Sachsen nicht zum Erliegen gekommen. Der heutige Montag sei der 56. Demonstrationsmontag gegen Hartz IV. Und dazu wolle sie jetzt auch reden. Doch mitten im Wort "Unterneh..." sinkt sie hin.
Was aussieht wie der Müntefering-Effekt, ist "ein kleiner Schwächeanfall", so Paul. Wenig später ist Kerstin Lorenz, "einer der größten Förderer der nationalen Einheit in Sachsen" (Holger Apfel), tot. Während Nazikreise erörtern, ob Gifte, Mikrowellenwaffen oder doch eher Geheimdienste (Stasi) den Tod verursachten und alle Parteien "aus Gründen der Pietät und Menschlichkeit für zwei Tage im Wahlkampf im Wahlkreis 160" innehalten, ist der Rest des Vaterlandes in Spekulierlaune, ob und wie und warum überhaupt noch gewählt werden soll. Während die Lüneburger "Landeszeitung" in dem Ereignis "ein Stück bittere Ironie des Schicksals" ausmacht, ist es für die "Rheinische Post" lediglich "die Kuriosität in Dresden (mehr ist es nicht)".
Begeben wir uns also selbst in den Lorenzschen Wahlkreis, der, wie man im Yuppiekiez erfährt, "drüben" liegt. Gemeint ist die andere Elbseite, wo sich Barock-Trash mit als Kultur mißverstandenem Kitsch mischt. Wo man "konservativ" wählt, wenn die Reaktion ihr häßliches Antlitz erhebt. Kurz, es handelt sich um einen "über weite Strecken eher recht gutbürgerlichen Wahlkreis" ("FAS").
Doch fährt man mit der Elektrischen eine knappe halbe Stunde, bleibt man zwar im WK 160, kommt aber in eine andere Welt, Dresden-Prohlis (sprich: Prollis) mit seinen planmäßig errichteten Zehngeschossern. Wir treffen auf Ernstl, Acki und Nille, die immer hier sitzen, hinter sich den Supermarkt, neben sich den Parkplatz und vor sich einen Kasten Sachsengold. "Was willsdn", herrscht Acki den Ankömmling an. "N Sehner wie vomm Fernsehn muß abfalln. Ansonstn sach isch nüschte." Wie sie denn umgehen mit der großen Verantwortung für Deutschland. Und wie sie das aushalten: 1998 Rotgrün an die Macht gebracht, 2002 Flut und Kanzlerbestätigung und nun die erneut von Edmund Stoiber an den Kleinwähler übertragene Verantwortung ... "Halt de Luft an. Hier hassn Bier", sagt Nille und öffnet die Flasche mit seinen restlichen Zähnen. "Dose is nich. Kann sich doch der kleine Mann nich mehr leisten." Frustriert? "Och, nö." Weniger fordern und mehr fördern, dazu ist die Politik noch nicht bereit. Trotzdem werden diese drei, die im Park der Meinungsvielfalt zwischen Ballack und Gulag ihre Nische gefunden haben, am 2. Oktober ihre Stimme abgeben für ...
Oh, ich höre gerade, wir haben eine neue Hochrechnung. Ich gebe zurück ins Studio zu Ulli Deppendorf.
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KONKRET Text 50
KONKRET Text 49
Literatur Konkret Nr. 34
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