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36 Jahre Konkret CD

36 Jahre Konkret CD


Heft 04 2009

Richard Schuberth

Mozart gegen Obdachlose

Wie Hochkultur zum sozialen Pestizid wird.

Was neuerdings unter den Arkaden des Bregenzer Kornmarkttheaters praktiziert wird, Obdachlose mit klassischer Musik zu vertreiben, ist in anderen Kulturnationen bereits seit Mitte der neunziger Jahre gang und gäbe. Erstmals eingesetzt wurden die hochkulturellen Insektizide in London und in Hartford, Connecticut. Paris, Hamburg, München und Stuttgart waren begeistert und schlossen sich an, Wien möchte folgen.

Diese Maßnahmen der Schädlingsbekämpfung hatten bisher neben dem landläufigen Idiotenkonsens darüber, was klassische Musik sei, eines gemein: das heuchlerische Leugnen ihrer wahren Intentionen. Die Aktion sei nicht speziell gegen Obdachlose gerichtet, meinte der Bregenzer Bürgermeister Markus Linhart. Mit der Musik wolle man lediglich "auf die Kultur aufmerksam machen". Allerdings sei der Abzug der Obdachlosen ein durchaus gewünschter Nebeneffekt. Die Barbarei fängt jedoch nicht erst bei der Verscheuchung des arbeitsscheuen Gesindels mit Hilfe von Bach an, sondern schon beim Verhältnis der Verscheucher zu diesem, bei ihrem Kulturbegriff.

Es ist fast zu schön, um wahr zu sein. Wir erinnern uns: Viagra war als Blutdrucksenker konzipiert, ehe man durch Zufall seine potenzfördernde Wirkung erkannte. Doch wer hätte gedacht, daß die sogenannte klassische Musik, bislang nur als Mittel zur Erbauung baufälliger Herzen bekannt, auch beim Hinwegfegen menschlichen Schutts ganze Arbeit leistet? Und: Warum vermag sie dies? Sollte die Neigung, bei Mozart Kopfweh zu bekommen, und diejenige, kein Dach über dem bei Mozart schmerzenden Kopf zu haben, in einem Gencluster vereint sein?

Eine plausible Antwort könnte man von Menschen mit besonders feinem Gehör erhalten, Musikkennern also und Junkies: daß nämlich das Runterspielen von "Peter und der Wolf", den "Vier Jahreszeiten" oder der "Kleinen Nachtmusik" schon nach dem dritten Mal unerträglich ist, und nicht nur, weil Teile dieser einst reizvollen Kompositionen zu abscheulichen Kennmelodien der kulturindustriellen Conquista herabgewürdigt wurden. Ein arbeitsloser, drogensüchtiger Fagottist, der in den Arkaden vor einem Regenguß Zuflucht fände, könnte uns auch darauf hinweisen, daß die Beschallung nach dem Prinzip des Insektensteckers funktioniere, die Bässe zurückgedreht und vorzüglich Stücke mit hohen Flöten- und Geigentönen verwendet würden, und ein obdachloser Komponist flöhe mit ihm diesen Ort wohl wegen der gräßlichen Tonqualität der Discount-CDs, mit denen das Theatermanagement auf "die Kultur aufmerksam" machen will.

Doch jedes noch so rationale Argument, warum sich Menschen, die den öffentlichen Raum nicht nur durchqueren, sondern auch nutzen, nicht gern dauerbeschallen lassen, stieße auf taube Ohren angesichts der wahren Gründe der Wahl dieser und keiner anderen Waffen, des tiefen und unausrottbaren Einverständnisses nämlich zwischen öffentlicher Meinung und öffentlicher Faust: daß dem Obdachlosen vor der Hochkultur von Natur aus so graust wie vor dem neuen BMW und der Feng-Shui-Beraterin. Was er sich nicht leisten kann, das will er sich nicht leisten, hallt das verlogene Echo des Liberalismus in den Ohren derer nach, die dieses Mal noch nicht in Suff und Obdachlosigkeit abgerutscht sind und sich angesichts neuer Krisenhorizonte nur um so panischer hinter ihren Statussymbolen verschanzen.

Der Abschaum scheut unseren Johann Sebastian wie die Katze das Wasser, weil er keine Kultur hat; die hat nur, wer sie kaufen kann, sonst wäre sie schließlich keine Kultur, sondern bloß Kunst, welcher der durchschnittliche Obdachlose genauso fernsteht wie der durchschnittliche Obdachverweigerer, sprich Hauseigentümer. Denn der wahre Abschaum steht auf der anderen Seite des CD-Players, nicht weil er keine Ahnung von Klassik hat und den Unterschied zwischen barocker Tafelmusik und Bach, zwischen Lehár und Mahler nicht versteht, sondern weil die Nivellierung von Konformität und Progressivität, von stilisierter Gebrauchsmusik und Kompositionskunst im Zeichen der Ware als Marker der sozialen Distinktion und kulturellen Erhabenheit vermarktet wird. Angesichts dieser Verelendung des Bewußtseins lösen sich auch die Bildungsunterschiede in Bedeutungslosigkeit auf. Ob das proletoide Kleinbürgertum sich erhaben fühlt, wenn die Philharmoniker seinen Herbert Grönemeyer einsymphonieren, oder ob die gebildetere Halbbildung ihre neue Flamme bei Kerzenschein damit beeindrucken kann, daß das Adagio des vierten Satzes irrsinnig toll sei, oder ob der verschrobene Bildungsidiot beim Festival "Wien modern" zwar auf der Spitze der Kulturpyramide, aber trotzdem auf verlorenem Posten hockt. Keine Atonalität kann mehr verstören, auch Neue Musik, das wußte bereits Adorno, war von Anfang an verdammt zu Kontemplation und Kulinarik, zu Dekor und Ware; was soll da noch die Klage, daß Bach zum Koitus mit Vanessa-Mae gezwungen oder Vivaldi von Rondò Veneziano gegangbangt wird.

Arkaden hatten ursprünglich die Funktion, vor Sonnenbrand und Regenguß zu schützen. Die Obdachlosen von Bregenz haben die Arkaden somit vor der Peinlichkeit bewahrt, bloßer Zierrat zu sein. Doch für diese Ehrenrettung mußten sie schwer büßen. Denn zwar taugt der menschliche Ausschuß solange zu Renommierzwecken für Theatermacher, wie er sich Freikarten für Inszenierungen aufdrängen läßt, die er nicht sehen will, verweigert er aber die Nouvelle Cuisine aus der Provinztheaterkantine und hat vor den Toren dieser Bedürfnisanstalt seinen eigenen Spaß, dann hört der Spaß auf. Dann werden Bach und Vivaldi in den Gewehrlauf geschoben. "Wenn ich ›Kultur‹ höre", zitierte Goebbels Hanns Johst, "entsichere ich meine Browning." Mittlerweile hat die Kultur die Seiten gewechselt und ist selbst zum Revolver geworden. Seitdem Bach als Strampelmusik für den Hometrainer oder Pausenfüller für die Ansprachen von Bankern herhalten muß, deren Geschäft unter anderem die Produktion von Obdachlosen ist, verbietet auch keine Scham mehr, seine Demütigung mit einer weiteren, der Demütigung der Obdachlosen zu koppeln, indem man auf diese mit jenem schießen läßt.

Ein Pionier solch einer Doppeldemütigung war Karl Buck, der Kommandant des KZ Schirmeck. Die Lagerinsassen wurden dort von früh bis spät mit deutscher Hochkultur beschallt, und so sie das Glück hatten, mit dem Leben davonzukommen, war dies ein Leben, in welchem Bach und Beethoven fortan nur noch Ekel hervorriefen. Wer Adornos Reflexionen über den Zusammenhang von Verdinglichung der Kunst und Barbarei als überspannt abtat, müßte nun in Anbetracht des Offensichtlichen sich korrigieren. In den Shopping-Malls und U-Bahnstationen Westeuropas sowie den Arkaden des Theaters am Kornmarkt läßt sich der Zusammenhang im Feld studieren.

Ihrem Gebrauchswert entfremdete Klassik als Spießerfutter der Antisozialen und als Rattengift für die Asozialen! Prestigeware für Shopping, Dinner und die schläfrige Andacht beim Abokonzert, Gift aber für all die, welche - meist wider Willen - genug Muße haben, tagsüber an ein und demselben Platz zu verweilen. Doch Vorsicht: Die Ratten könnten sich ans Gift gewöhnen; die, welche nichts haben außer ihrer Zeit, könnten kraft dieses Standortvorteils zu Experten, zu feinsinnigen Genießern des Kunstwerks werden und diesem somit die Würde zurückerstatten, die ihm der Markt und dessen Junkies genommen haben. Dafür müßten die hochkulturellen Reinigungsdienste allerdings erst mal die Bässe aufdrehen und statt des "Best of Classic"-Scheißdrecks eine gut gemasterte Gesamteinspielung in den Player schieben.

Richard Schuberth hat zuletzt den Essayband "30 Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus" (Turia & Kant) veröffentlicht

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Literatur Konkret Nr. 36