Samstag, 30. Mai 2020
   
Startseite Konkret Hefte Konkret Texte Sonderhefte Konsum Online Konkret Verlag

Das aktuelle Heft



Aboprämie



Studenten-Abo



Streetwear



36 Jahre Konkret CD

36 Jahre Konkret CD


Heft 07 2010

Ernst Kahl

"Mir wurden Mühlsteine an den Hals gewünscht"

Der Künstler im Gespräch über Mohammed-Karikaturen und Ärger mit Fräulein Merkel, tierlieben Christen und erbosten KONKRET-Abonnenten

KONKRET: Welche Ihrer Zeichnungen würden Sie als Karikaturen bezeichnen?

Kahl: Ich bin eigentlich kein Karikaturist. Wenn ich eine Karikatur zeichne, handelt es sich meistens um ein Zitat. Ich zitiere dann etwas Bekanntes, wie die Helmut-Kohl-Birne von Hans Traxler. Das Zeichnen von Karikaturen ist eine unglaublich schwierige Arbeit, und da mache ich es mir doch lieber leicht. Eine

der wenigen echten Karikaturen, die ich gezeichnet habe, ist das Bild von Horst Tomayer, das immer über seinem "Ehrlichen Tagebuch" zu sehen ist. Ebenfalls für KONKRET habe ich mal eine Karikatur von Guildo Horn gemacht. Da sagte mir ein Kollege, er habe noch nie ein so treffendes Porträt gesehen. Eine andere Karikatur war die Darstellung des früheren Münchner Fußballspielers Carsten Jancker. Der hatte mal dem Publikum den Stinkefinger gezeigt, ohne dafür entlassen worden zu sein. Ich ließ ihm in meiner Karikatur die Hand aus dem Schädel wachsen, fast eine Magrittesche Herangehensweise. Richtige Karikaturen, wie man sie kennt, sind eigentlich nicht meine Sache.

Auch nicht in der frühen Jugend?

An einen Fall erinnere ich mich. Meine Englischlehrerin, sie hieß Fräulein Merkel, setzte sich oft aufs Pult und schlug die Beine übereinander. Ihr roter Rock war für die damalige Zeit relativ kurz. Die habe ich versucht, nackt zu malen, unter meinem Tisch. Als sie mich einmal erwischte, gab es richtig Ärger.

War das das einzige Mal, daß Sie wegen einer Ihrer Zeichnungen Sanktionen zu spüren bekommen haben?

Nein. Später hatte ich dann mal Ärger wegen einer KONKRET-Titelzeichnung: Jesus am Kreuz mit Maschinenpistole. Als KONKRET später einmal eine Doppelseite von mir ablehnte, sagte Hermann Gremliza zu mir, er könne es sich nicht mehr erlauben, so etwas zu veröffentlichen, weil es dann wieder 900 Abokündigungen geben könnte.

Das war im Jahr 1988 die größte Abokündigungswelle in der Geschichte von KONKRET. Haben Sie mit so etwas gerechnet, als Sie die Zeichnung gemacht haben?

Obwohl sie nur etwa sechs mal vier Zentimeter groß war, hatte ich schon etwas Bedenken. Ich muß ja nicht die Sorgen des Verlegers haben, aber ich weiß, daß viele, viele Linke ein fast religiöses Verhältnis zu ihrer Ideologie haben - oder auch zur Ideologie anderer, witzigerweise auch zu der der Christen. Wenn da etwas denunziert wird, reagieren viele Linke empfindlicher als Liberale, weil sie sektiererisch sind.

So habe ich das noch nie gesehen. Ich habe immer geglaubt, die Abos seien von empörten Christen gekündigt worden.

So viele empfindliche Christen werden nicht unter den KONKRET-Abonnenten gewesen sein. Viele heutige Linke sind sehr religiös oder kommen mir zumindest so vor. Wenn jemand religiöse Gefühle verletzt, dann reagieren sie sehr empfindlich, und es ist ihnen dann sogar egal, welche Religion es ist, die da verletzt wird. Diese Erfahrung habe ich gemacht. Die Zeichnung war übrigens fast ein Zitat: George Grosz hat ja mal Jesus mit Gasmaske gemalt und war dafür sogar kurz im Gefängnis, glaube ich.

War es denn überhaupt Ihr Ziel, irgend jemanden zu provozieren oder zu beleidigen?

Es ist oft dumm, wenn man nur danach schaut, in welche Wunde man Salz streuen kann. Das tut der eigenen Seele nicht gut. Die Jesus-Zeichnung war ein Vorschlag des kürzlich verstorbenen KONKRET-Graphikers Christoph Krämer. Ich wäre wahrscheinlich gar nicht auf die Idee gekommen. Als Christoph mich fragte, ob ich das machen könnte, sagte ich mir: Schauen wir mal, ob sich was geändert hat seit George Grosz. Geändert haben sich die Lager derjenigen, die sich provoziert fühlen: Grosz ist seinerzeit natürlich nicht von Linken angezeigt worden.

Es war also ein Test. Sie wollten das Thermometer ins Wasser halten, um die Temperatur zu prüfen.

Das kann man so sagen. Die Zeichnung entsprach eigentlich auch gar nicht meinem Stil. Ich erinnere mich, wie ich damals in Osnabrück aus einer Lesung kam, den KONKRET-Titel in einer linken Buchhandlung sah und dachte: "Meine Güte, das knallt aber ganz schön rein" - oder raus. Damit hatte ich gar nicht gerechnet, daß das etwas so Plakatives und Provokatives haben könnte. Mich provozierte das natürlich nicht, zum Christentum habe ich ja eine Meinung, und die christliche Renitenz in Mittel- und Südamerika ("Befreiungstheologie"; Anm. d. Red.) ist in meinen Augen bloß eine Behauptung. Und genau darum ging es bei der Zeichnung.

Sind Leute, die sich über Karikaturen entrüsten, ehrlich empört, oder warten sie auf die Gelegenheit, sich wichtig zu machen?

Die dänischen Zeichner, die die Mohammed-Figuren gezeichnet haben, haben überhaupt nicht mit Empörung gerechnet. Ich habe eine Weile in Dänemark gelebt, daher weiß ich, daß es zur dänischen Mentalität gehört, mit solchen Dingen zu spielen. Die Dänen sind ja eigentlich gar nicht provokant. Wenn sie wirklich provokant sein wollen, ist es meist völlig unverständlich. Ich habe das mal miterlebt, im Parlament, dem Folketing. Da hat der Rechtspopulist Mogens Glistrup den Kommunisten Knud Jespersen auf eine typisch dänische Weise - er kommt auch noch aus Bornholm - beschimpft: "Du bist ein großes Arschloch." Da ging Jespersen ans Rednerpult und sagte: "Mogens Glistrup, weißt du, was du in meinen Augen bist? Ein ganz kleiner Bornholmer Zwerg." Dann wurde gelacht, solche Auseinandersetzungen haben in Dänemark immer etwas Spielerisches. Deshalb hat das die Dänen forbavset - also erstaunt -, daß die Mohammed-Zeichnungen zu solchen Reaktionen geführt haben.

Haben Sie schon mal mit Islamisten zu tun gehabt?

Nach einer Arbeit, die in "Titanic" und einer großen österreichischen Zeitung erschienen war, bekam ich Post von Leuten, die den Namen nach Mohammedaner waren. Das Bild zeigte einen kleinen Jungen unterm Tannenbaum, so ein Fünfziger-Jahre-Foto, das ich retuschiert hatte. Der Junge hat eine akkurate Frisur mit so einem schönen Scheitel und trägt einen Patronengurt. Im Hintergrund leuchten die Weihnachtskugeln, festliche Atmosphäre. Der Junge sitzt vor dem Baum und hält in der Hand so eine typische runde Bombe mit Zündschnur. Er entzündet sie gerade, es sprühen die Funken. Ein anrührendes Bild. Darüber habe ich arabische Schrift gesetzt, von der ich nicht weiß, was sie bedeutet. Der damalige "Titanic"-Chefredakteur Thomas Gsella fragte mich ganz aufgeregt: "Was heißt das? Können wir das drucken?" Ich sagte ihm, daß ich es nicht weiß, daß es bloß aussieht wie arabische Schrift. Später bekam ich Post von österreichischen Mohammedanern, die das ganz toll fanden - weil sie den Jungen für einen Konvertiten hielten.

Die haben also nichts Islamfeindliches daran finden können?

Nein. Ist das nicht verrückt?

Ein weiteres Beispiel für Karl Kraus' These, daß es schwierig sei, eine Satire zu schreiben, weil die Wirklichkeit immer schon einen Schritt voraus ist.

Die meisten Satiriker und Karikaturisten wollen ja auch immer nur kommentieren: das, was gestern passiert ist, irgendwie reflektieren. Das ist mir oft zu langweilig. Einmal habe ich für KONKRET ein Bild gemalt, auf dem zu sehen war, wie Jesus an den Ohren ans Kreuz genagelt ist. Darüber stand: "Wann hören islamische Künstler endlich auf, sich über unsere Religion lustig zu machen?" Das fanden viele Leute sehr komisch, andere aber auch sehr eigenartig: Sie wußten noch gar nicht, daß sich der Islam über uns lustig macht. Ein anderes Mal habe ich ein Plakat zum Film "Trouble in Riad" gemalt - den Film gibt es natürlich gar nicht. Darauf sieht man, wie einem Blonden gerade die Hand abgeschlagen wird. Das Publikum ist völlig erbost, weil er mit seiner anderen Hand weiter an einem Mohammed-Porträt zeichnet.

Würden Sie sich in seiner Lage ähnlich verhalten? Könnten Sie noch unbefangen weitermalen, wenn Ihre Werke nicht bloß zu Abokündigungen führen würden, sondern zu sehr realer Gewalt?

Nein, das kann man nicht. Ich habe mal ein Buch veröffentlicht mit dem Titel Bestiarium Perversum, da bekam ich richtig Ärger. In dem Fall waren es wieder Christen. Wieso Christen plötzlich so tierlieb sind, weiß ich nicht. Da wurden mir Mühlsteine an den Hals gewünscht, "rein in den tiefsten Brunnen Deutschlands". Das kann man aber wohl nicht so ernst nehmen.

Sie haben nicht geglaubt, daß die Drohungen wahr gemacht werden könnten?

Nein, da wäre ich paranoid geworden. Da kann man nicht mehr kreativ sein. Man würde nicht mehr aus bestimmten Einsichten etwas machen können, sondern aus Angst, und das wäre scheiße. Wenn man Angst hat, kann man kaum kreativ sein, es sei denn, man heißt Georg Trakl.

Von Ernst Kahl erscheint im September der Bildband Prost Mahlzeit!

- Interview: Stefan Frank -

KONKRET Text 56


KONKRET Text 55


Literatur Konkret Nr. 36