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36 Jahre Konkret CD

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Heft 02 2004

Magnus Klaue

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Die Nation wird von Emanzen, Lesben und Rabenmüttern unterwandert. Doch der "Väteraufbruch" leistet Widerstand

Eine "Feminisierung" des kulturellen Lebens glauben Trendforscher und Soziologen seit einiger Zeit in Deutschland ausmachen zu können. Sandra Maischberger, Sabine Christiansen und andere Schwatzmaschinen in Rock und Bluse gelten ihnen als Beweis dafür, daß die gesprächsgewandte, Heim und Herd schmähende Karrierefrau ihren männlichen Konkurrenten den Rang abgelaufen hat. Die Übermacht von Frauen an Kindergärten und Schulen, verlautete im Dunstkreis von Pisa, verhindere eine adäquate Entwicklung der verhätschelten Knaben und trage zu Deutschlands inferiorer Position in Europa bei. Alleinerziehende Mütter zerstörten den unternehmerischen Tatendrang ihrer Ex-Gatten und schädigten mit ihren Unterhaltsforderungen die Nation. Lesben und Schwule adoptierten Kinder, um potentielle Top-Manager in intellektuelle Weicheier zu verwandeln. Daß Frauen in die Arbeitslosenstatistik Eingang fänden, obwohl sie genug zu Hause zu tun hätten, sei bevölkerungspolitisch nicht länger zu verantworten. Aber was soll man erwarten in einem Land, wo der Kanzlerkandidat der größten Oppositionspartei gerügt wird, weil er seine Frau "Muschi" nennt, obwohl jeder gute Deutsche in den eigenen vier Wänden deutlichere Worte findet?

Glücklicherweise gibt es in solch prekärer Lage ein Männerasyl, wo gesagt werden darf, was das feministische Über-Ich im Alltag verbietet; wo das unterdrückte Geschlecht für den Überlebenskampf gegen die weibliche Dominanz trainieren kann. Es heißt "Väteraufbruch" und beherbergt unter anderem den Schauspieler Mathieu Carrière und die Autoren Matthias Matussek und Karin Jäckel, deren Bücher über die "vaterlose Gesellschaft" und den "gebrauchten Mann" zu den Gründungsdokumenten des Vereins zählen.

Entstanden ist "Väteraufbruch", der mittlerweile 150 Ortsgruppen im ganzen Bundesgebiet unterhält, nicht zufällig 1989, als familienpolitischer Startschuß zur flächendeckenden Restauration nach der Wiedervereinigung. Da gesellschaftliche Unterdrückung seither bevorzugt als "Modernisierung" verkauft wird, gibt sich auch "Väteraufbruch" undogmatisch-kritisch. Die Intention, Frauen zu rechtlosen Objekten der Gattungsreproduktion zu erniedrigen, kommt nicht mit Macho- und Stammtischgehabe daher, sondern pocht auf jene Ideale von "Gleichberechtigung" und "Differenz", die von der Frauenbewegung der siebziger Jahre reklamiert worden sind. Entsprechend versteht sich "Väteraufbruch" als Männerbewegung und stattet sich mit der Rhetorik feministischer Politik aus, um sie gegen den Feminismus zu wenden. Symposien über "Männlichkeit und Gender" der mit dem Verein kooperierenden Heinrich-Böll-Stiftung, Informationsveranstaltungen über "Gewalt gegen Männer" des Trierer "Männerbüros" oder Colloquien der Selbsthilfegruppe "Getrennte Väter" gehören zum festen Repertoire im bundesweiten Aktionskalender. Wichtigste Berufungsinstanz des Vereins ist jedoch nicht die "Geschlechterdifferenz", sondern das "Kindeswohl", das als Alibi der eigenen Politik mißbraucht wird. Mit dem "Kind" wird ein Individuum, das noch gar nicht als autonome Rechtsperson auftreten kann, als Rechtssubjekt für die Durchsetzung männlicher Interessen in Anspruch genommen. Den Kindern, die in den Publikationen von "Väteraufbruch" nirgends selbst zu Wort kommen, schreibt der Verein Bedürfnisse zu, die allesamt Bedürfnisse der Väter sind. Während man den realen Kindesmißbrauch als Phantasma einer männerfeindlichen Gesellschaft verharmlost, werden die Kinder symbolisch erneut mißbraucht, indem man die Sehnsucht vieler Scheidungsväter nach geheuchelter Harmonie, moralischem Ablaßhandel und ökonomischer Versklavung der Ex-Gattin zum Bedürfnis des Kindes umlügt. Deshalb erklärt der Verein in seinen Statuten das "Recht auf Vater und Mutter" sowie die "gemeinsame elterliche Sorge nach der Trennung" zu "unentziehbaren Grund- und Menschrechten". "Gewinner" in der Mehrzahl der Scheidungsprozesse sei, heißt es im Grundsatzprogramm, "die ausgrenzende Mutter", während Vater und Kind zu den "Verlieren" zählten. Wie schwierig es für Mütter ist, gewalttätige Väter, deren "Umgang" ihre Kinder psychisch und körperlich schädigt, mit gerichtlicher Hilfe von ihren Opfern fernzuhalten, wird nicht gefragt; Väter sind in der Welt von "Väteraufbruch" immer nur die Leidtragenden.

Wo sich dennoch nicht leugnen läßt, daß Väter Täter sein können, entdeckt "Väteraufbruch" den Mann als sensibles Wesen. Im Programm des Vereins wird mitfühlend verwiesen auf die Schwierigkeiten, "Beruf und Familie" zu vereinbaren, sowie auf die angebliche Tatsache, daß eine Trennung für die meisten Männer den Verlust des angestammten Freundeskreises bedeute. Eine Argumentationsfigur, die sich im Programm von "Väteraufbruch" häufig findet: Frauenspezifische Probleme werden von ihrem ursprünglichen Kontext abstrahiert und zu Problemen der Männer erklärt. In Wahrheit ist es in den meisten Fällen die Frau, die mit einer Eheschließung in das Leben des Mannes überwechselt und ihre früheren Freunde verliert; auch die Unvereinbarkeit von Karriere und Familie ist nach wie vor ein Frauenproblem, das sich in außerehelichen, vermeintlich "liberalen" Lebensgemeinschaften auf anderer Ebene reproduziert (Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Frankfurt a. M. 1986). Die erfreulichen Potentiale, die "vaterlose Familien" ohne tyrannisches Oberhaupt den Kindern durchaus auch eröffnen, verleugnet "Väteraufbruch". Statt anhand empirischer Studien zu erforschen, unter welchen familiären Bedingungen Kinder unterschiedlicher Milieus zu autonomen Individuen heranreifen können, verläßt sich der Verein auf die Statistik. Weil die meisten Selbstmörder, schwangeren Teenager, jugendlichen Häftlinge, Schulabbrecher und Drogensüchtigen aus "vaterlosen" Familien stammten, sei der Zusammenhang zwischen Scheidung, Vaterverlust und Verwahrlosung schlagend belegt, wird suggeriert. Was aber hat ein Schulabbrecher mit einem Selbstmörder, ein Selbstmörder mit einem Häftling gemein? Warum ist ein schwangerer Teenager ähnlich verachtens- respektive bemitleidenswert wie ein Drogensüchtiger? Die von "Väteraufbruch" ausgewählten Kenngrößen zeigen, was in den Augen des Vereins das einzig Verachtenswerte ist: die - freiwillige oder unbeabsichtigte - Abwendung von der Erziehungsnorm der bürgerlichen Kleinfamilie und ihren moralischen Werten.

Das Theorem der "Vaterlosigkeit", von "Väteraufbruch" geradezu als Synonym für "Verwahrlosung" verstanden, hat indes eine ehrwürdige Tradition. Der Titel von Matthias Matusseks 1999 erschienenem Bestseller Die vaterlose Gesellschaft, den der Verein auf seiner Internetseite empfiehlt und auf den er sich beruft, ist entliehen bei Alexander Mitscherlich, der ein Buch ähnlichen Titels vorgelegt hat (Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. München 1963). Wo Mitscherlich sozialpsychologisch analysiert, wie der Verlust nicht etwa des empirischen Vaters, sondern des väterlichen "Arbeitsbildes" seit der Jahrhundertwende zusammenhängt mit autoritären Verhaltensdispositionen, mit der Sehnsucht nach einem im "Führer" symbolisierten patriarchalen Ich-Ideal, behauptet Matussek schlicht, der schwindende Einfluß der Väter in der Familie führe zu moralischem und gesellschaftlichem Verfall. Insofern ist Matusseks Buch wie auch seine Rezeption im Umfeld von "Väteraufbruch" ein Symptom jener historischen Entwicklung, die Mitscherlich diagnostiziert. Die Krise, in die patriarchale Gesellschaften durch Industrialisierung, Arbeiterbewegung und Frauenemanzipation gestürzt worden sind, wird autoritär "gelöst" durch Resurrektion der tyrannischen Vater-Figur, die blinden Gehorsam verlangt und deren realer geschichtlicher Zerfall verdrängt wird. Die "weiche" Argumentationsstrategie von "Väteraufbruch", wonach auch Männer Opfer der patriarchalen Gesellschaft seien und psychische Krisen zu durchleiden hätten, verdeckt die Sehnsucht nach jenem "großen Vater", der Frauen, Homosexuelle und andere Abweichler im Namen der bürgerlichen Familienhierarchie zur Raison bringt. Daß die Entwertung der Vater-Figur selbst Produkt der Dialektik bürgerlicher Gesellschaften ist und nur einige, bislang selbstverständliche männliche Privilegien beseitigt hat, darf nicht ins "väterliche" Bewußtsein gelangen. Statt den eigenen Statusverlust als gesellschaftlich wünschenswert anzuerkennen, empfinden sich die Anhänger von "Väteraufbruch" denn auch als Modernisierungsverlierer. Wo es nicht mehr erlaubt ist, Chauvinist zu sein, wird der "Neue Mann" zum Jammerläppchen.

Doch wie jeder Antisemit sich auf zumindest einen Juden berufen kann, beruft sich auch "Väteraufbruch" auf eine Frau. Die Publizistin Karin Jäckel, die seit Jahren für die These ficht, Männer würden von egoistischen, geldgeilen Gattinnen hemmungslos "abgeliebt" und "abgezockt", hat mit ihrer Studie Der gebrauchte Mann von 1997 ein zugleich antifeministisches und "weibliches" Manifest im Namen von "Scheidungsvätern" vorgelegt, die zu "Besuchs- und Zahlpapas" degradiert würden. Eine von der Frau verlangte Scheidung ist für Jäckel nicht etwa Reaktion auf die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten innerhalb der Ehe, sondern ein Mittel, den Mann "in jeder nur möglichen Weise auszubeuten" und zum "Habenichts" herabzuwürdigen. Die Kinder würden dabei "als Waffe in einer zum Kriegsschauplatz pervertierten Trennungssituation mißbraucht". Der begeisterte Weiberfeind Mathieu Carrière, dem Verein freundschaftlich verbunden, nimmt dieses Bild gelegentlich auf, wenn er in Anlehnung an Jäckel darüber raisonniert, daß "mehr Kinder durch Gerichtsbeschluß ihre Väter verlieren als in Kriegszeiten". Merkwürdig, daß bislang noch niemand auf die Idee gekommen ist, vom "Väterholocaust" zu sprechen.

Daß für viele Frauen und Kinder die Ehe selbst ein "Krieg" ist, der mittels Scheidung beendet werden soll, kommt den Parteigängern von "Väteraufbruch" nicht in den Sinn. Vielmehr argumentieren sie im Geiste des Chauvinismus, für den immer die Frau Schuld an der Trennung trägt - verläßt sie den Mann, praktiziert sie "Partnerschaft als Ex-und-hopp", wie Jäckel schreibt, verläßt hingegen der Mann sie, wird sie ihn wohl vernachlässigt haben. Die Zwänge, denen Frauen auch heute in Partnerschaften unterworfen sind und die sich nicht in "Gewalt" entäußern müssen (alle "ehelichen Pflichten" also), werden dabei überhaupt nicht mehr zur Kenntnis genommen. Gewalt der Väter gegen die Kinder wird als Phantasie abgetan unter dem Schlagwort vom "Mißbrauch des Mißbrauchs", das Katharina Rutschky einst durchaus zu Recht gegen eine "erregte Aufklärung" gewendet hat, die "kindliche Unschuld" zum Fetisch stilisiert und jeden "Übergriff" auf diese Unschuld gerichtlich verfolgt sehen will (Erregte Aufklärung. Hamburg 1992). Beim "Väteraufbruch" gerinnt dieses Theorem zum frauenfeindlichen Schimpfwort. Nicht gegen die Ideologisierung "kindlicher Unschuld" polemisiert der Verein, sondern gegen den "Ausverkauf" der Kinder und Väter durch die Mütter. Rutschkys aufklärerisch gemeinte Warnung vor einem "Mißbrauch des Mißbrauchs" wird instrumentalisiert zwecks Verharmlosung realer Mißbrauchsfälle. Frauen, die trotzdem nicht spuren wollen, verordnet "Väteraufbruch" ein Umerziehungsprogramm. Sollten sie nach der Scheidung keine Einsicht in die Notwendigkeit einer gemeinsamen Betreuung haben, so seien, heißt es im Programm des Vereins, "therapeutische Maßnahmen" einzuleiten, um die renitenten Mütter zu zwingen, im Sinn des Kindes-, mithin des Vaterwohls zu handeln. Das vage Gefühl, "gebraucht" und "benutzt" zu werden, schlägt um in die Forderung, es möge auch weiterhin nur den Männern erlaubt sein, ihre Frauen zu benutzen. Der "gebrauchte Mann" ist ein Skandalon, die "gebrauchte Frau" jedoch, von der Hausfrau über die Mutter bis zur Prostituierten, hat keine Lobby nötig.

Magnus Klaue schrieb in KONKRET 1/04 u.a. über die Unireform

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Literatur Konkret Nr. 36