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36 Jahre Konkret CD

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Heft 03 2005

Marit Hofmann

Mensch Kanzler

Öffentlich-rechtliche Politsoaps sollen das miese Image der regierenden Klasse korrigieren

Als die Republik mal wieder über Managergehälter palaverte, hob der "Welt"-Chefredakteur Roger Köppel zu einem Klagegesang an, der in der Feststellung gipfelte: "In Deutschland haben die Reichen keine Lobby." Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Köppel eine weitere diskriminierte Minderheit entdeckt, der es womöglich sogar noch schlechter geht als den Reichen: die Politiker. Alle hacken ständig auf ihnen herum, sie dürfen sich nicht mal das Taschengeld aufbessern, ohne daß ein Aufschrei durch die Medien geht.

Das miese Image der regierenden Klasse zu korrigieren sind ARD und ZDF nun mit vereinten Kräften, aber unterschiedlichen Projekten angetreten. Folgende Vorurteile wollen die öffentlich-rechtlichen Gerechtigkeitsfanatiker nun ein für allemal ausräumen:

l Vorurteil 1: Der Kanzler ist mächtig.

Falsch, ganz falsch. Kaum jemand hat es in Deutschland so schwer wie der Bundeskanzler. In Markus Imbodens WDR-Fernsehfilm "Spiele der Macht - 11011 Berlin", der im Januar im Ersten lief, ist er ein gutmütiges Würstchen, dem die intriganten Kanzleramtskollegen und Parteigenossen auf der Nase herumtanzen. Der Arme leidet an einem "Gefühl der Machtlosigkeit im Zentrum der Macht". "Politische Freunde" kennt er nicht: "Was hält uns denn zusammen - außer der Angst zu scheitern?" Der vereinsamte Witwer sucht Hilfe ("Sie erinnern mich an meine Frau") bei einer unkorrumpierbaren Politologin. "Der Mann hat überraschend interessante Ideen", sagt diese über des Kanzlers Reformprogramm ("weniger Parteibuch, mehr Fachkompetenz"). Erst als der "ein bißchen idealisierte" (WDR-Redaktion) Staatsmann auf Drängen seiner integren Beraterin eine innerparteiliche Schwarzgeldaffäre aufklärt, hat das Kanzlermobbing ein Ende.

l Vorurteil 2: Der Kanzler hat kein Privatleben.

Auch der Regierungschef in der neuen ZDF-Seifenoper "Kanzleramt", für die der Journalist und Brandtredenschreiber Martin E. Süskind und der Regisseur Hans-Christoph Blumenberg das Drehbuch verfaßt haben, ist Witwer - jedoch, wie die Macher versichern, "kein Mann ohne Unterleib". Noch in der ersten Staffel (ab 23. März, 20.15 Uhr) werde er eine Frau kennenlernen, versprechen sie. Ob in der zweiten Staffel noch ein Hund und ein Adoptivkind dazukommen, lassen sie offen. Als alleinerziehender Vater muß sich der ohnehin schon Doppeltunddreifachbelastete neben dem Regierungsgeschäft um seine aus dem Internat ausgebüxte Tochter kümmern, die auf dem Sofa in seinem Büro übernachten darf.

Die zwölfteilige Serie sei übrigens "keine Satire", betont Blumenberg. "Wir wollten die Politiker ernst nehmen."

l Vorurteil 3: Der Kanzler hat ein Privatleben und arbeitet nur, wenn er Lust hat.

"Es wird landläufig unterschätzt, welchem unglaublichen Druck diese Menschen in Machtpositionen ausgesetzt sind", stellt "Kanzleramt"-Produzent Ulrich Lenze klar. "Spitzenpolitiker müssen Nerven wie Drahtseile haben. Der Bürger auf der Straße weiß gar nicht, was für ein mörderischer Job das ist." Aufklärung tut not. Das Personal aus dem "Kanzleramt" besteht aus Nachtarbeitern, die die immer neuen Probleme (geifernde Opposition, vorlaute Medien, undankbare Arbeitslose) gemeinsam zu bewältigen suchen. "Unsere Politiker strengen sich schon an, arbeiten leidenschaftlich - man soll sie mögen", erklärt Blumenberg dem geneigten Zuschauer. Bereits beim morgendlichen Rasieren muß der TV-Kanzler wichtige Entscheidungen treffen. Seine Tochter, die sich selbst in die Disco von Leibwächtern begleiten lassen muß, bringt es auf den Punkt: "Papa, wir leben im Knast."

l Vorurteil 4: Politiker sind Unmenschen.

Irrtum: Politiker sind auch nur Menschen, manchmal zeichnen sie sich sogar durch eine ganz besondere Menschlichkeit aus. Diese ausgefeilte Botschaft transportiert der ZDF-Zwölfteiler in jeder einzelnen Episode, deren Ereignisdichte diejenige einer "Lindenstraßen"-Folge um ein Vielfaches übertrifft. Ein Beispiel: Der Forschungsminister zieht bei einem Pressetermin über die Regierung her. Aufregung im Kanzleramt. Säuft der Mann? Dann stellt sich heraus, daß der Minister ein Antidepressivum nimmt, das ihn in Zustände geistiger Umnachtung versetzt. Depressiv ist er wiederum, weil ihn seine todkranke Frau nicht mehr sehen will. Sie nimmt ihm übel, daß er wegen eines Termins in Berlin nicht bei ihrer schweren Operation zugegen war. Der vom "Tatort"-Kommissar Klaus J. Behrendt kumpelhaft gespielte Kanzler hat nun Gewissensbisse, weil er den Parteigenossen zur Mitarbeit in seinem Kabinett gedrängt hat: "Er war mein Freund - aber am Ende hast du keine Ahnung, wer er wirklich ist." Nach dem mißglückten Suizidversuch des Ministers eilt der Kanzler persönlich zum Krankenwagen: "Kai-Uwe, wenn du mich brauchst, dann bin ich da."

Ärger mit dem Personal gibt es sowieso immer. Der Redenschreiber des Kanzlers geht mit einer Zeitungsredakteurin ins Bett, während die hochschwangere Gattin zu Hause auf ihn wartet. Die Strafe folgt auf dem Fuße: Die investigative Journalistin entwendet und veröffentlicht brisante Dokumente, aus denen hervorgeht, daß der Kanzler den Arbeitsminister entlassen will. Während der Boß dem reuigen Hofdichter verzeiht, bekommt der tölpelhafte Arbeitsminister, der die Gewerkschaften hinter sich hat, die harte Hand des Staatslenkers zu spüren. Unter Druck gesetzt, entpuppt sich der vermeintliche Sympathisant der Arbeiterklasse als rückgratloser Karrierist, und flugs gibt er seinen Protest gegen den Sozialkahlschlag auf.

Einen weiteren schweren Schlag muß der Filmkanzler hinnehmen, als die Leibwächter versagen und ihm ein durchgeknallter Arbeitsloser eine Ohrfeige verpaßt. Wem das irgendwie bekannt vorkommt, dem versichert Blumenberg: "Nirgends gibt es direkte Anlehnungen an eine reale Regierung, nirgends haben wir versucht, etwas verschlüsselt darzustellen." Der Gedanke, die fiktiven Kanzlersoaps könnten Sympathien für die echten Politprotagonisten wecken, liegt den Verantwortlichen mehr als fern. Beim "Kanzleramt" handele es sich eher um "Science fiction", sagt Blumenberg. Träumte der Regisseur früher mal von einer emanzipierten Gesellschaft, begnügt er sich heute mit einer handfesteren Zukunftsvision: "Wenn sich durch unsere Serie die Wahlbeteiligung 2006 erhöhen sollte, wäre das natürlich ein Traum."

Doch bevor Hans-Christoph Blumenberg die Gegenwart klittert, entsorgt er - am 15. März um 20.15 Uhr ebenfalls im ZDF - die Wahnidee vom Deutschen als Täter. Moment, sind wir jetzt nicht im falschen Film? Nein, denn auch hier deckt sich, ganz zufällig, sein Ansinnen mit dem der Bundesregierung. Das unter Aufsicht von Guido Knopp entstandene sogenannte Doku-Drama "Die letzte Schlacht" sei, so Blumenberg, eine Art "Anti-›Untergang‹" respektive ein "›Untergang‹ der kleinen Leute". Im Mittelpunkt stehen die deutschen "Opfer des Kriegs" - also auch der Wehrmachtssoldat Fritz Schröder, Vater des realen Kanzlers - und die "Überlebenden", nämlich die der Luftangriffe auf Berlin.

Hans-Christoph Blumenberg wundert es nicht weiter, daß keiner der interviewten "Zeitzeugen" sich als "ideologischer Fanatiker" entpuppte. Weder der Adjutant, der "in der hermetischen Schattenwelt des Führerbunkers bis kurz vor Schluß ausharren mußte", noch der Rundfunksprecher, der bis zuletzt die Propaganda der Wehrmacht verbreitete, waren Nazis. In der Endphase des Krieges sei es "den Leuten ja nur noch ums Überleben" gegangen, so Blumenberg. "Der Lack war ab."

Mit seinen neusten Projekten bestätigt der ehemalige Filmkritiker schließlich ein Vorurteil, das er selbst 1979 in KONKRET als rhetorische Frage formuliert hat: "Kann man politische Filme mit Fernsehgeldern machen, oder diktiert da nicht schon die Produktionsform das ›ausgewogene‹ Ergebnis?"

KONKRET Text 56


KONKRET Text 55


Literatur Konkret Nr. 36