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36 Jahre Konkret CD

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Heft 07 2003

Gert Ockert

Massenmord in Kabul

Normal ist das nicht: Deutsche Soldaten dürfen keine Kriegs-, sondern nur Mordopfer sein

"Die Mutter eines Toten weint. Sie läuft zum Bild ihres Sohnes, das mit Trauerflor geschmückt ist. ›Ich will mein totes Kind zurück‹, fleht die Frau."

"Die Welt", 10.6.03

Seit sie wieder Krieg führen, haben die Deutschen nicht ein einziges Mal Krieg geführt. Sie intervenierten humanitär, sie setzten sich friedenssichernd ein, sie verteidigten die Freiheit. Aber ein ordentliches Gemetzel mit Siegern, Bluträuschen und vielen, vielen Leichensäcken mochten sie nicht veranstalten. Jedenfalls nicht offiziell - denn veranstaltet haben sie so was natürlich doch, vor allem in Jugoslawien 1999.

Damit sie wieder mitschießen dürfen im Klub der Imperialisten, behaupteten die Deutschen, es ginge ihnen bloß darum, dem Schießen auf der Welt ein Ende zu bereiten. Und weil man außerhalb ihres Landes durchaus nicht vergessen mag, wer den Holocaust erfunden hat, erfanden sie Völkermorde bei jeder Gelegenheit, die sich bot, um beim Kriegführen aus der großen Tradition ihrer Nation, die seit 1870 Kriegführen heißt, zu entkommen.

Das alles ist sehr schizophren und überfordert nicht allein die Dialektik solcher Masterbrains wie Angelika Beer. Und wirklich schwierig wird es, wenn im Krieg, der keiner sein soll, den Kriegern, die keine sein dürfen, das passiert, was in einem richtigen Krieg regelmäßig passiert, nämlich der Tod durch Gewalt des Feindes. Am 7. Juni sprengte ein Freischärler in Kabul, Afghanistan, sich selbst sowie einen Bus mit Heimaturlaubern der Bundeswehr in die Luft. Vier Soldaten starben, 29 wurden verletzt.

Nun war dies nicht das erste Mal, daß Angehörige der Bundeswehr beim Überschreiten der Nato-Grenzen ihr Leben ließen. Bei Unfällen mit den eigenen Panzern, Hubschraubern, Pistolen und Sprengkörpern hatten einige Dutzend bereits heimgefunden zum himmlischen Oberbefehlshaber. Aber Opfer eines militärischen Angriffs hatte die Truppe noch nie begraben müssen.

Die erste Reaktion aus der Heimat war Verwirrung. "Es ist", stammelte der Kanzler, "ein Einsatz für ein friedliches Morgen. Der Selbstmordanschlag war feige und hinterhältig." Doch nicht feiger oder hinterhältiger als die Bombardements, die er seit '99 seine Tornado-Piloten fliegen läßt. Schröder hat Soldaten in eine Gegend geschickt, die seit einem Vierteljahrhundert kein Morgen mehr kennt, geschweige denn ein friedliches, und möchte dennoch nicht wahrhaben, daß sie sich in einem Kriegsgebiet aufhalten. Er ist allerdings nicht alleine damit: "(Der) wahre Ausgang des Krieges", raunte Ulrich Ladurner in der "Zeit", "entscheidet sich im Frieden - und der ist ein gefährliches Geschäft." Zumal wenn man die Grundlagen des Geschäfts ignoriert und so tut, als wäre ein Krieg beendet, nur weil man sich und allen anderen weiterhin weismachen will, es habe so was wie einen Krieg nie gegeben.

Auch die Opposition, die noch keiner Lüge Schröders, Scharpings, Fischers oder Strucks widersprochen hat, traut sich weiterhin nicht, Krieg zu nennen, wo bewaffnete Hegemonialkämpfe drin sind. Ins "Kreuzfeuer des Terrorismus" sei die Bundeswehr geraten, schwindelte Christian Schmidt, Friedenssicherungsexperte der CDU, am 10. Juni. Und forderte die Verschiffung von Leopard-Tanks nach Afghanistan. Zum Schutz einer "Schutztruppe", die um Gottes willen nicht den Eindruck einer Invasionsarmee machen darf. Der Verteidigungsminister und sein Generalinspekteur wiesen Schmidts Forderung denn auch umgehend zurück: "Man erfülle einen Friedensauftrag. Ein martialischer Auftritt mit Panzern wäre ungeeignet, so der Minister" ("Welt"). Die afghanischen Guerilleros werden einen Frieden, der so laumichelt, zu schätzen wissen: Noch zwei, drei gelungene Feuerüberfälle, und sie haben zumindest die Deutschen aus dem Land vertrieben.

Was die Konfusion in der Reichshauptstadt und auf Seite drei nicht wenig beförderte, war natürlich auch die Undankbarkeit dieses Feindes. Überall, wo islamischer Aberglaube zu Hause ist, hatte man sich wenige Monate zuvor sehr gefreut über die Solidarität der Deutschen mit dem Irak. Für Verbündete des Erzfeindes, des amerikanischen Teufels, konnte sie doch wirklich niemand mehr halten! "Die Offenheit ist das Markenzeichen der Deutschen", betonte die "Welt" am 10. Juni in einem ziemlich hilflosen Versuch, die Bombe gegen Bundeswehr-Troupiers als schlimme Ausnahme herunterzuspielen: "(Ihr) Auftreten auf den Straßen von Kabul macht die Soldaten beliebt."

Auch das "Neue Deutschland" versuchte am 10. Juni, sich einen Reim darauf zu machen, warum die Taliban ihre deutschen Freunde nicht mehr mögen: "›Die Washingtoner Politik‹, erklärte der PDS-Europaabgeordnete André Brie ..., ›hat wesentlich zur Verschärfung der innenpolitischen Lage in Afghanistan ... beigetragen.‹ ... Während die US-Amerikaner relativ sicher in ihren Militärbasen sitzen und nur schwer bewaffnet ausrücken, bieten die Isaf-Einheiten, die durch möglichst wenig martialisches Auftreten ... Vertrauen schaffen wollen, gute Zielscheiben ... Die Isaf-Soldaten müssen sozusagen stellvertretend ihre Köpfe hinhalten."

So kann man es natürlich auch erklären. Und es ist schön zu wissen, daß die pazifischste der Parteien dem großen Schwindel von den Kriegern, die keine sein sollen, nicht nur aufsitzt, sondern ihn nach Kräften befördert. Die Verlogenheit deutscher Politiker und Leitartikler beim Kriegspielen ist aber ein auslaufendes Modell.

Geostrategen mit etwas mehr Schneid als so ein Struck oder Brie haben den Angriff auf die Heimaturlauber rasch als Chance erkannt, das anstrengende Geeier zwischen "Genozidverhinderung" und "Vertrauensbildung" demnächst aufstecken zu können. Wolf Heckmann, Chefideologe der "Hamburger Morgenpost", motzte am 10. Juni den Bombenüberfall erst einmal zu einem "Massenmord in Kabul" auf (so was hat man in seiner Zeitung seit Jahren bei keinem Attentat auf israelische Schulbusse gelesen), um anschließend eine gewisse Genervtheit über die Weichspüler in Berlin erkennen zu lassen: "Kann man ... näher tretenden Einheimischen harmlos entgegenlächeln, auch wenn sie unter weiten Gewändern Knarren haben können?"

Kann man natürlich nicht, ohne dem imperialistischen Gedanken zu nahe zu treten. Am deutlichsten hat es, am 11. Juni, Karl Feldmeyer in der "FAZ" gesagt: "(Der Einsatz der Bundeswehr) ist mitentscheidend dafür, welchen Rang Deutschland international einnimmt und welche Gestaltungsmöglichkeiten es hat. Gerade weil dies so offenkundig ist, erstaunt es, daß dieser Aspekt humanitären Begründungen weichen muß, wenn es darum geht, Auslandseinsätze für die Öffentlichkeit zu begründen ... (Die) Wahrnehmung nationaler Interessen" - nach einem "Massenmord in Kabul" zumal - "ist nichts Unanständiges, sondern die Pflicht der Politik."

Und weil die "FAZ" schon heute weiß, was morgen Politik ist, dürfen wir uns jetzt darauf freuen, wie Angelika Beer, befreit von jahrelangem Hirnschwurbel, demnächst am Hindukusch und anderswo das deutsche Dosenpfand gegen Coca-Cola verteidigt.

Gert Ockert schrieb in KONKRET 5/03 über Experten im Bush-Krieg

KONKRET Text 56


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Literatur Konkret Nr. 36