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36 Jahre Konkret CD

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Heft 04 2010

Dokumentation

Logik des Revisionismus

Wie die Hamburger GEW ihr "Arisierungserbe" verteidigt. Diskussion mit Berthold Brunner, Thomas Ebermann und Guido Sprügel

In der Hamburger GEW schwelt seit zehn Jahren ein Streit um das Haus in der Rothenbaumschaussee 19 (Ro 19), das am Rande des ehemaligen jüdischen Viertels der Hansestadt steht. Zwei ehemalige Landesvorstandsmitglieder der Gewerkschaft, Bernhard Nette und Stefan Romey, prangern, nachdem sie bereits in KONKRET (6/07 und 1/09) über den Fall informiert hatten, in ihrem Buch Die Lehrergewerkschaft und ihr "Arisierungserbe". Die GEW, das Geld und die Moral den Umgang der GEW mit der "arisierten" Immobilie an und erzählen die Geschichte des Hauses und ihrer Besitzer: Ro 19 wurde 1935 von seinen jüdischen Besitzern "unter Wert" an den NS-Lehrerbund verkauft. 1948 meldete die GEW Hamburg bei der britischen Besatzungsmacht Ansprüche auf das Haus an und bekam es schließlich zugesprochen. Heute bestreitet der Hamburger GEW-Vorsitzende Klaus Bullan, daß das Haus unter Zwang verkauft worden war. Derzeit wird über den Verkauf von Ro 19 an die jüdische Organisation Chabad Lubawitsch diskutiert.

KONKRET dokumentiert im folgenden redaktionell bearbeitete Auszüge einer Diskussion, die anläßlich der Vorstellung des Buches von Nette und Romey im Hamburger Polittbüro Ende Januar vom Freien Sender Kombinat Hamburg ausgestrahlt wurde.

Guido Sprügel: An der Hamburger Rothenbaumchaussee 19 steht eine Villa, die der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gehört. Bis 1935 befand sich die Villa im Besitz einer jüdischen Erbengemeinschaft. Zwei Jahre nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde sie "arisiert". Die Vorläuferorganisation der GEW, die Gesellschaft der Freunde, kaufte die Villa für einen Schnäppchenpreis. Nach 1945 wurde die Immobilie der neugegründeten GEW zugesprochen.

Fast 60 Jahre lang machte sich niemand Gedanken über die Herkunft des Schmuckkästchens im Gewerkschaftsbesitz. Seit knapp zehn Jahren tobt nun ein Streit. Wurde die GEW zunächst für ihren Umgang mit ihrer eigenen Vergangenheit gelobt, entwickelte sich die Geschichte immer mehr zu einer Schmierenkomödie mit antisemitischem Beigeschmack. Zur Zeit steht der Verkauf der Immobilie an die jüdische Organisation Chabad Lubawitsch zur Diskussion. Als Verkaufspreis geisterte in den vergangenen Wochen die Summe von 2,2 Millionen durch die Medien.

Berthold Brunner: Ich war Mitglied der GEW und bin aufgrund dieser unsäglichen Auseinandersetzung ausgetreten. Wenn Rabbi Bistritzki von Chabad Lubawitsch sagt: "Mein Urgroßvater hatte auch ein Haus, das ›arisiert‹ wurde, und für mich kämpft auch keiner", heißt das ja, er weiß ganz genau, daß das Haus Ro 19 ein "arisiertes" Gebäude ist. Amoralisch ist nicht, wenn eine jüdische Organisation das kaufen will, amoralisch ist, wenn das verkauft werden und damit ein "Arisierungsgewinn" erzielt werden soll. Zynisch ist, wenn die GEW, und das darf man vermuten, sich reinwaschen will, indem sie die Villa zwar zu einem ganz normalen Preis verkauft, aber an eine jüdische Organisation. Klaus Bullan, der Hamburger GEW-Vorsitzende, hat gesagt:

Wir haben moralisch in erster Linie entschieden. Wir haben die historische Sachlage geprüft. Da sind wir in Mehrheit zu der Auffassung gekommen, es ist nicht nötig, sich aus moralischen Gründen von diesem Gebäude zu trennen. Und dann kommen erst, in zweiter Linie, finanzielle Argumente ins Spiel, die aber nicht den Ausschlag dafür gegeben haben. Sondern die historische Untersuchung der Vorgänge läßt es uns als geboten erscheinen, dieses Haus zu behalten. Die Frage ist ja immer, ob die Vorbesitzer unter Zwang dieses Haus verkaufen mußten, zu einem viel zu geringen Preis. Unsere Untersuchungen haben ergeben, daß da große Zweifel drüber bestehen, weil diese Zwangssituation in dem konkreten Fall, aus unserer Sicht jedenfalls, offensichtlich nicht vorgelegen hat.

Man hört, wie er sich windet, unklar spricht, erst ist es "offensichtlich", dann "aus unserer Sicht". Wenn er sagt, es geht nicht ums Geld, dann hört man heraus, es geht ums Geld. Klaus Bullan hat an anderer Stelle ja auch gesagt, wir können Ro 19 nicht aufgeben, weil wir uns das finanziell nicht leisten können.

Die Veranstaltung zu dem Buch von Romey und Nette hat ja auch den Untertitel "Die GEW, das Geld und die Moral". Wofür braucht die GEW das Geld? Sie braucht das Geld für das Curio-Haus. Das Curio-Haus, auch in der Rothenbaumchaussee, ist das Prestigeobjekt der GEW in Hamburg und ein Faß ohne Boden. Der Pächter zahlt nur einen Teil der Pacht, die GEW muß zuschießen. Die GEW müßte sich vom Curio-Haus trennen, wenn sie nicht eine Geldquelle hätte, um diese Lücke zu stopfen. Warum aber braucht die GEW unbedingt das Curio-Haus? Es ist eine Prestigegeschichte, es ist für die GEW so was ähnliches wie für Grass der Nobelpreis.

Thomas Ebermann: Die Stellungnahme, die wir vom Hamburger GEW-Vorsitzenden gehört haben, ist ein augenfälliges Dementi der Gedenktafel, die da mal angebracht wurde. Auf der Gedenktafel steht, die jüdischen Besitzer hätten die Villa 1935, in einer Zeit zunehmenden antisemitischen Verfolgungsdrucks, unter Wert an den nationalsozialistischen Lehrerbund verkauft. Das wird jetzt zurückgenommen.

Es gibt einen Trivialantifaschismus, der nicht viel kostet: hier ein Stolperstein, da eine Gedenktafel, ein bißchen Asche aufs Haupt, ein bißchen nachdenklich tun ... Und dann wird irgendwas mal konkreter, wird etwas eingeklagt, was sie selbst mal an ihre Wand genagelt haben. Und dann gibt es eine Untersuchung. Die Untersuchung ist ja an sich schon ein ziemlich perverser Vorgang, einfach mal zu unterstellen, ach, vielleicht waren Juden in Deutschland 1935 so frei in ihrem Handeln, daß sie womöglich mal einen Fehler gemacht und ein Haus ein bißchen billig verkauft haben. So wie man ja auch gehört hat, daß Läden von Juden nicht geschlossen wurden, weil es eine Kampagne "Kauft nicht bei Juden" gab, sondern wegen der Depression oder fauler Kredite oder Fehler im Bankgeschäft oder schlechter Gestaltung der Schaufenster.

Überhaupt so eine Untersuchung anzustellen, ist infam, und dann noch eine Rhetorik zu pflegen, die einerseits sagt: Wir haben richtig mit der Nase in der Scheiße rumgewühlt und festgestellt, dieser Verkauf war keine "Arisierung", und gleichzeitig eben nicht wissenwill, in was für Zwangslagen die Leute waren. Als A und O, noch vor jeder subjektiven Prüfung, steht eine Feststellung: Wenn die Leute nicht verkauft hätten und Deutschland nicht verlassen hätten, wären sie ermordet worden.

Sprügel: Hinzu kommt, daß sie anscheinend die Nadel im Heuhaufen gefunden haben. Sie geben ja zu, daß es 1935 "Arisierungen" gegeben hat, es wäre ja auch Wahnsinn, das zu leugnen. Nur in diesem einen, speziellen Fall, wo sie betroffen sind, binden und biegen sie sich das so zurecht, daß das nun gerade keine "Arisierung" gewesen sein soll.

Brunner: Aber das ist ja nicht nur bei der GEW so. Das Lippenbekenntnis, daß es Verfolgung gab, daß es auch schlimme Fälle gab, das haben auch Krupp oder Flick oder die IG Farben schon ganz früh gesagt. Und dann nachgewiesen, daß es in ihrem Fall jeweils nicht so war. Aber dieser "Nachweis", daß es in diesem einen Fall nicht so war, stellt auch wieder das Los der Juden in Frage. Der jeweilige Einzelnachweis folgt der Logik des Geschichtsrevisionismus. Da steht die GEW in einer Reihe mit allen möglichen Unternehmen, Verbänden und Vereinigungen.

Ebermann: So in der Art: Die Zwangsarbeiter hatten's schwer, aber unsere nicht. Ich glaube, das wird man in Hunderten von Firmenchroniken finden: daß es oft um Vernichtung durch Arbeit ging, aber in diesem speziellen Fall, gerade wenn wir jetzt in den heißgeliebten Mittelstand abdriften, gab es doch unter der Hand einen höheren Kaloriensatz vom guten Patriarchen, der verdammt viel Ähnlichkeit mit dem Schindler hatte.

Sprügel: Im Zuge dieser Diskussion ist ein mehr oder weniger offener Antisemitismus zutage getreten. Kay Beiderwieden, Mitglied der Linkspartei in Hamburg und ebenfalls GEW-Mitglied, hat in einer Rede auf einer Landesvertreterversammlung über die Sache Ro 19 gesagt:

Ich möchte für die Ablehnung des Antrags von Bernhard Nette und anderen plädieren. Ich habe das Gutachten von Silke Salomon zu Ro 19 gelesen, darin steht über zwanzigmal sinngemäß: Im Gegensatz zu Herrn Nette bin ich der Meinung ... Im Antrag ist von jüdischen Vorbesitzern die Rede. Aber: Keiner von den fünf war jüdischen Glaubens. Sie waren Atheisten und einer Protestant. Wenn man dann ein Museum machen wollte, müßte man es für Atheisten machen. Das gebührt (!) der Respekt vor der Entscheidung der fünf. Drei der fünf Vorbesitzer waren zum Zeitpunkt des Verkaufs nicht in Deutschland. ... Man kann noch ganz viel dazu sagen. Wenn eine Sache so strittig ist, dann muß man das in seinen Entscheidungen berücksichtigen. Keiner hat die absolute Wahrheit, wir sind eine pluralistische Organisation. Wir können unmöglich in einer so wichtigen Org-Angelegenheit allein die Sichtweise einer Gruppe zum Maßstab unseres Handelns machen.

Ebermann: Das Zitat erinnert stark an einen, der mal gesagt hat: "Wer Jude ist, bestimme ich." Was soll man dazu sagen? Wenn man ein Fitzelchen Rationalität suchen würde, würde man vielleicht sagen: Wer so was 1928 gesagt hat, muß kein Verbrecher sein. Es gab die assimilatorischen Sehnsüchte, es gab Juden, die zuerst Anarchisten, Kommunisten, Sozialisten sein wollten. Erich Mühsam ist 1926 aus dem Judentum ausgetreten, aber er ist als Jude umgebracht worden, als anarchistischer Jude. Überhaupt anzuführen, daß man noch mal beriechen müsse, ob jemand auch wirklich Jude (gewesen) ist ...

Brunner: Das Zitat stammt aus der Schriftfassung, im tatsächlichen Beitrag hat Beiderwieden sogar noch ergänzt: "Auch die Nürnberger Gesetze haben zum Zeitpunkt des Verkaufs ja noch nicht gegolten." - Es gibt natürlich ein unmittelbares Interesse in dieser Argumentation: Wenn das keine Juden waren, gibt es keine Notwendigkeit, den "Arisierungsgewinn" zuzugeben. Die Wurzel solcher Äußerungen ist aber ein Antifaschismus, der auf der Dimitroff-These basiert, Faschismus sei eine spezielle Variante des Klassenkampfs, und deshalb nicht wissen will, woher der massenhafte Antisemitismus kam. Wir kommen ja alle durchaus auch ein bißchen aus solcher Tradition. Was aber hier stattfindet, ist eine solch perfide Zuspitzung, daß man denken müßte, da gibt es einen Aufschrei.

In Wirklichkeit ist es aber so, daß in der GEW ganz viele so argumentieren. Ein Urgestein der Hamburger Linken, Horst Bethge, war ganz empört: Er als Antifaschist müsse sich da nichts sagen lassen, er sei ja sofort dafür, daß es ein antifaschistisches Museum gibt, aber kein jüdisches Museum. Seine Stellungnahme hat den Ausschlag gegeben, daß ein jüdisches Museum abgelehnt worden ist. Das zeigt, daß es in der GEW, und auch von Leuten aus der Linkspartei, die da sehr aktiv diskutierten, eine starke Tendenz à la Beiderwieden gibt, die besagt, wir lassen uns unseren Antifaschismus nicht vorschreiben, und die in den Juden nicht mal Gesprächspartner sieht in dem, was die NS-Vergangenheit betrifft.

Ebermann: Auch das lobenswerte Buch von Romey und Nette verwendet viel Mühe darauf, nachzuweisen, daß die Opfer der Zwangsarisierung sehr spenden- und menschenfreundliche Mitbürger waren. Wie verzweifelt in der Defensive müssen die Autoren sich fühlen.

Es gibt den Wunsch nachzuweisen, daß diese Juden wohltätig waren, auch mal der Arbeiterbewegung etwas zur Verfügung gestellt, ein Hospiz für alte Menschen finanziert haben. Und dann schnuppern wir auch noch mal, welcher Spielart des Christentums sie sich angeschlossen haben, ob sie evangelisch oder katholisch waren, ob sie im Ersten Weltkrieg womöglich einen vaterländischen Orden bekommen haben. Alles Fragen, die nicht legitim sind und nur begründen sollen, weswegen die Aneignung dieses Hauses durch die GEW nach 1945 weniger schändlich sei. Sonst interessiert einen das doch nicht.

Brunner: Wobei die Beschäftigung mit der Vergangenheit der Juden natürlich auch einen Aspekt von Empathie haben kann, also tatsächlich aus einem Interesse an der Vergangenheit dieser Familie kommen kann. Diese Empathie fehlt bei der GEW einfach. Wenn ein Antifaschist sich nicht mit dem Antisemitismus auseinandersetzt, hat er den Nationalsozialismus nicht begriffen.

Ebermann: Wenn ein sehr alter Mann, der als Kommunist im KZ war, erzählt, wie er in den fünfziger Jahren als Mitglied der VVN, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, verfolgt worden ist und das Gefühl gehabt habe, andere Verfolgte hätten in der Gesellschaft einen besseren Status gehabt, sage ich ihm: Da machst du einen Fehler. Aber es ist ein Fehler und nicht mehr. Wenn Horst Bethge so einen Quatsch redet, dann redet er nun mal Quatsch. Aber wenn er es in bezug auf die "Arisierung" tut, ist es nicht mehr nur Quatsch.

Sprügel: Ein weiteres Argument von Beiderwieden war, daß drei der fünf Vorbesitzer zum Zeitpunkt des Verkaufs nicht in Deutschland waren. Da frage ich mich, ob es deshalb keine "Arisierung" gewesen sein soll, weil diese Juden den Fehler begangen haben, Nazideutschland zu überleben?

Brunner: Ja, das ist ein Grundproblem in der Argumentation. Dazu ein Zitat des GEW-Mitglieds Jörg Berlin:

Die Kritik, bei der Untersuchung des Komplexes Ro 19 sei zu sehr vom Einzelfall ausgegangen worden, ist bemerkenswert. Aber das Beachten des Spezifischen und Individuellen bedeutet doch nicht ein Außerachtlassen von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen oder statistischen Korrelationen, sondern eben nur die Beachtung konkreter Gegebenheiten. Ein Beispiel kann vielleicht zumindest einen Aspekt der Kontroverse verdeutlichen: Wenn zum Beispiel eine allgemeine Faschismustheorie von der generellen Unterstützung des Nationalsozialismus durch Schwerindustrielle ausgeht, werden doch selbst überzeugte Anhänger dieser Auffassung nicht ungeprüft behaupten, jeder Industrielle aus dieser Branche sei ein NS-Sympathisant gewesen. Und wer einen solchen weißen Raben gefunden hat, kann trotzdem weiterhin die erwähnte allgemeine Theorie für richtig halten. In solchen Fällen umgehend einen Paradigmenwechsel zu unterstellen, wäre voreilig und könnte zur Selbsttäuschung und zur Täuschung anderer beitragen. Dies gilt entsprechend für Immobilienverkäufe nach 1933.

Brunner: Jörg Berlin ist Geschichtsdidaktiker, der auch ein Buch zum Völkermord in Armenien geschrieben hat, der also auch gerade als Linker mal ein gewisses Ansehen hatte. Er war der Kronzeuge für diese GEW-Untersuchung, und der Stil war immer genau dieser: Es könnte doch vielleicht da eine Ausnahme gegeben haben, es sei nicht mit letzter Sicherheit bewiesen, man wird doch noch mal zweifeln dürfen. Dieses verschwurbelte Schreiben und Sprechen ist eine Distanzierung von dem, was real passiert ist. Sein Schlußsatz: "Dies gilt entsprechend für Immobilienverkäufe nach 1933" schafft die größtmögliche Distanz zu diesem Ereignis.

Ebermann: Da sind 80, 90 Leute auf so einer Versammlung, Delegierte, nehme ich an. Die wissen alle Bescheid: Um 1935 konnte kein Jude sein Haus zu einem fairen Preis verkaufen. Wie kriegst du jetzt die Versammlung dazu, diese Schweinerei zu begehen? Du mußt das Interesse am Spezifischen wecken. Das Spezifische ist das einzige, was wir niemals außer Kraft setzen können. Es ist ja theoretisch denkbar, daß in der Reichspogromnacht eine Synagoge nicht von Nazis angesteckt wurde, sondern durch einen Bruch der Gasleitung entflammt ist. Wer wollte sagen, das ist undenkbar? Es passieren ja so viele Dinge zwischen Himmel und Erde. Trotzdem weiß jeder, was war. Die Sudetendeutschen standen hinter Hitler, und deshalb sind Hunderte Forschungen gemacht worden, daß es nicht alle waren. Menschen, die doch Absolventen der vorbildlichen deutschen Vergangenheitsbewältigung sind, mehrheitlich dahin zu bringen, daß sie gegenteilig abstimmen - dazu dient diese Methode.

Es wäre interessant, der Frage nachzugehen, in wie vielen gar nicht schlechten antifaschistischen Romanen zwanghaft die Rettung oder vorübergehende Rettung des bedrohten Juden oder überhaupt des bedrohten Verfolgten durch eine völlig überraschende arische Person vorkommen muß? Ganz oft muß ein Wehrmachtsangehöriger als Retter auftreten. Keiner von uns würde bestreiten, daß es bei dieser Masse von Zwangsarbeitern im ganzen Reichsgebiet fünf, sechs, sieben gab, denen auch mit mittelprächtig verbotenen oder nicht ganz erlaubten Sachen mal geholfen wurde. Nur: Der Sinn der Sache, den wir ja aus solchen Büchern wie "Opa war kein Nazi" kennen, ist doch, daß der konkrete Einzelfall die überwältigenden empirischen Tatsachen erschlagen soll. Und so wird dann jeder zur Ausnahme, und in diesem Fall eben die Ro 19.

Sprügel: Was sich durch alle Zitate von Bullan, Beiderwieden oder Berlin wie ein roter Faden zieht, ist die Umkehr der Beweislast: Der Jude soll beweisen, daß es eine "Arisierung" war, nicht derjenige muß sich rechtfertigen, der eine "arisierte" Immobilie hat.

Brunner: Die GEW könnte nicht nachweisen, daß es keine "Arisierung" war - also war es eine. So wäre es juristisch. Aber juristische Fragen interessieren die gar nicht. Daß sie, wenn Gerichte darüber zu entscheiden gehabt hätten, die Villa zurückgeben müßten, wissen sie alle. Das sagen sie auch. Aber das ist nicht der Punkt, um den es geht. Wesentlich ist, daß Berlin, Bullan und andere entlang dieser Frage die Logik des Geschichtsrevisionismus etablieren. Zur Ablehnung des Antrags "Verantwortung für die Geschichte übernehmen" hat Jörg Berlin so argumentiert:

Wenn die beiden in Hamburg beheimateten Verwandten sich zur Zeit des Verkaufs, wie behauptet wird, in Todesangst befanden und fliehen wollten, hätten die im sicheren Ausland lebenden Verwandten sicherlich auf solche Gefühle von Mutter und Schwester Rücksicht genommen und den Verkauf des Hauses Ro 19 nicht an eine Bedingung geknüpft, die vor allem ihnen nützte. Der Verkaufsvertrag sollte laut notariellem Kaufvertrag ungültig werden, falls der Transfer des Anteils der bereits lange vor 1933 im Ausland lebenden Mitbesitzer am Verkaufserlös nicht genehmigt würde.

Ebermann: Unfaßbar.

Brunner: Hier wird gesagt: Was wollten die Juden denn, in was für einer Lage waren sie, daß sie Bedingungen stellen konnten?

Ebermann: Und: Haben sie dadurch, daß sie nicht Hals über Kopf abgehauen sind, nicht bewiesen, daß sie sich relativ sicher gefühlt haben? Über ein Jahr ziehen sich ja noch die Verhandlungen, und daraus soll die naheliegende Hochrechnung gemacht werden, wer so wenig Angst hatte, daß er nicht Hals über Kopf abgehauen ist, konnte offenbar auch noch faire Geschäfte tätigen. Zu fragen, ob Leute, die, wären sie hiergeblieben, garantiert umgebracht worden wären, im Jahr 1935 oder 1936 Todesangst hatten, ist eine Verdrehung von allem. Um Deutschland zu verlassen, genügt offenbar nicht, was sonst doch immer genügt, daß die sich bedroht gefühlt haben, daß sie ihre Diskriminierung nachweisen können, daß die bürgerlichen Freiheiten abgeschafft waren, sondern es muß Todesangst sein. Das ist es, was jeder, ob Jude oder Sinti oder arischer Antifaschist, zurückweisen muß: Frag mich nicht nach meinen Gefühlen. Da kommst du sowieso nicht hinter. Das ist an der Kante zur Fragestellung: Wie haben Sie sich so gefühlt im KZ?

Brunner: Das sind ja keine Holocaustleugner, das ist die GEW, aber es sind Geschichtsrevisionisten, weil ihre Logik geschichtsrevisionistisch ist. Bei dem Zitat von Berlin gibt es so etwas wie eine "Arisierung" überhaupt nicht. Entweder die Juden, um die es geht, sind so verfolgt, daß sie wirklich nur noch ihre Unterhose oder ihre Jacke packen und versuchen, über die Grenze zu kriechen, oder, wenn sie das nicht machen, ist der Verkauf unter Bedingungen geschehen, wo die Flucht ja noch gar nicht nötig war, wo noch möglich war zu versuchen, über einen Vertrag Geld ins Ausland transferieren zu lassen. Solange das möglich war, gibt es keinen Grund zur Flucht, der die Annahme einer "Arisierung" begründen würde. Das ist wirklich der Ankopplungspunkt an einen harten Geschichtsrevisionismus. In seinem Buch Der Widerstreit untersucht Lyotard die Logik dieser Geschichtsrevisionisten und charakterisiert sie sinngemäß so: Sie sagen, ein Zeuge, der Auschwitz bezeugen wollte, müßte im Gas gewesen sein. Und den kann es nicht geben. Jedem Zeugen, der auftritt und Teilzeugnisse abgibt, wird, weil er nicht in die Gaskammer gegangen ist, die Glaubwürdigkeit entzogen.

Ebermann: Ich stelle mir einen Gewerkschafter vor, der ganz praktisch sagen möchte, nein, das Haus ist "arisiert" worden, das gehört uns zu Unrecht - wenn der sagt, jetzt möchte ich erforschen und beweisen, daß die wirklich unter Todesangst gelitten haben, bewegt er sich auf einer Glatteisfläche, unter der die Humanität abgesoffen ist.

Es gibt das berühmte Wort von Adorno, daß man den Rassisten und Antisemiten nicht mit empirisch-rationalen Argumenten begegnen darf, weil man sonst dem Wahnsinn auch noch Legitimität verleiht. Dennoch kennen wir den Moment, in dem wir dieser Erkenntnis nicht gewachsen sind. Bei den ganz schlichten Klischees, also ob der Neger besser tanzen oder besser vögeln kann, natürlich schon. Aber bereits bei der Ausländerkriminalität ist oft die Verlockung viel zu groß, das mal zu entmystifizieren, zu sagen, hey, ich hab die Gegenstatistik, und wenn wir jetzt noch die aufenthaltsrechtlichen Vergehen herausrechnen, sind sie doch nur ganz durchschnittlich kriminell. Ich habe immer wieder Verständnis für so etwas, ich habe auch Verständnis für die Passagen in dem Buch, wo Romey und Nette ein persönliches Porträt der enteigneten Familie zeichnen. Ich will überhaupt nicht sagen, daß ich das situativ gemeistert hätte, aber auf so einer Versammlung mal zu sagen: Jetzt sollen wir auch noch darüber diskutieren, ob die Todesangst hatten? Ihr seid verrückt! - das ist manchmal chancenlos, aber trotzdem notwendig.

Bernhard Nette und Stefan Romey: Die Lehrergewerkschaft und ihr "Arisierungserbe". Die GEW, das Geld und die Moral. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2010, 304 Seiten, 17 Euro

Berthold Brunner schrieb zuletzt in KONKRET 3/08 über Peter Weiss' Stück Inferno; Thomas Ebermann schrieb zuletzt in KONKRET 2/09 über affirmative Kapitalismuskritik; Guido Sprügel, Moderator der Diskussion, ist Journalist in Hamburg

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Literatur Konkret Nr. 36