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36 Jahre Konkret CD

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Heft 02 2010

Elke Wittich

LINKS & RIGHTS

Wer oder was ist der "mündige Internetnutzer"?

Zu den putzigsten wie enervierendsten Eigenschaften mancher Blogger gehören solide Selbstüberschätzung und fundamentale Abneigung gegen das, was diese Kreise gern als "Holzmedien" bezeichnen. (Print-) Journalisten sind nämlich ahnungslos, altmodisch und in letzter Konsequenz Handlanger des wie auch immer gearteten Systems, weswegen diese ganzen Profimedien eigentlich endlich mal einsehen könnten, daß sie überflüssig geworden sind. Gibt ja schließlich Blogs und Twitter, wo Informationen schnell und unzensiert verbreitet werden können.

Stimmt. So gesehen jedenfalls. Blöderweise wären die meisten Blogs der Printmedienhasser nur ohne diese gar nicht denkbar. Und Blogger, die das Absondern von Meinungen mit Journalismus verwechseln, bemerken nicht, daß zum Beispiel mancher Politskandal, den sie so begeistert kommentieren, ohne die Recherchen der Profis gar nicht erst publik geworden wäre. Hinter dieser Ignoranz steckt vermutlich nicht mal Bösartigkeit, sondern einfach Info-Overkill. Denn wer sich am Ende eines Tages noch erinnern kann, welche Artikel er wo gelesen hat - oder wie oft er aus Langeweile nachgeguckt hat, ob bei "Spiegel online" oder Heise irgendwas Neues erschienen ist -, der ist entweder kein ordentlicher Infojunkie oder er lügt.

Womit wir beim eigentlichen Thema wären. Nope, nicht bei der Informationsüberflutung, die zu beklagen ähnlich doof ist wie die Vielfalt des Nahrungsmittelangebots zu beanstanden, sondern bei der Qualität dessen, was man gemeinhin (ob nun auf Papier oder virtuell) zu lesen bekommt. Wer Lust hat, sich eines der blödsinnigsten Internetangebote der deutschsprachigen Welt anzuschauen, sollte netzeitung.de ansteuern. Das nach dem Rausschmiß der kompletten Redaktion Ende 2009 vollmundig angekündigte "erste vollautomatische Nachrichtenportal" bietet in der Tat einen Newsservice der Extraklasse - jedenfalls für alle, die schon immer brennend interessiert hat, wie viele auch online erscheinende deutsche Tageszeitungen zu aktuellen Themen die gleichen Artikel der großen Nachrichtenagenturen bringen. Die "Netzeitung" bündelt das, was anderswo erschienen ist, setzt ein schickes Foto drüber, und fertig ist der "Newsservice", der bestimmt noch innerhalb dieses Jahres wieder abgeschaltet wird, denn Google News gibt's ja schon.

Und einen neuen Trend: Slow Media. Im gleichnamigen Manifest (www.slow-media.net/manifest) werden "nachhaltige", "diskursive", "zeitlose", "auratische", "progressive" Medien gefordert, die den Leser nicht mit Bullshit zuballern, sondern auf mündige Nutzer setzen. Diese Medien können natürlich auch Blogs sein - wer allerdings definiert, was "progressiv" ist? Und ob sich "auratische" und "nachhaltige" Beiträge jenseits der Newstickermeldungen ihrem Gehalt nach tatsächlich von der herkömmlichen Netzbetriebsamkeit abheben, sei dahingestellt.

- Elke Wittich -

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Literatur Konkret Nr. 36