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Dietrich Kuhlbrodt
Hallo, DDR!
Guido Knopp will sie entsorgen, hat sie weggesendet (ZDF) und weggeprintet (Buch). Leander Haußmann macht sie zum Fun-Racer für die Jüngsten. Unsere DDR.
"NVA"
Wer die CD-Rom "NVA-Mission: Vorwärts immer!" einlegt, "schlüpft in die Rolle des Rekruten Henrik und nimmt als frischgebackener NVA-Soldat an einem großen Sommer-Manöver teil. Er erhält von seinen Vorgesetzten verschiedene Aufgaben, welche nacheinander erledigt werden müssen. Im Rahmen der ersten Mission lernt Henrik eine schöne FDJlerin kennen, in die er sich ohne Umschweife verliebt und deren Eroberung fortan sein wichtigstes Ziel ist."
Um nicht nur die Teenies für die Spaß-DDR zu begeistern, sondern auch die Älteren, die sich eine DVD brennen, gar noch ins Kino gehen, startet am Computerspiel-Tag "NVA" unter dem Motto:
Abschied von Sex und geilen Weibern,
Abschied von Schnaps und LSD,
Abschied von allem, was wir lieben,
Scheiße - wir müssen zur Armee!
Zu singen nach der Melodie "Bad Moon Rising" von CCR.
Damit sind die Leute in den Zwanzigern abgedeckt. Und was ist mit der Generation, die schon mal ein Buch gelesen hat? Die nehmen Leander Haußmanns ersten Roman in die Hand, NVA, ist billig.
Im Vergleich mit dem Kalter-Krieg-Agitator Guido Knopp und seinem Seniorenfernsehen ("Goodbye DDR") hat der immerwährende Jugendliche Leander Haußmann die Zukunft vor sich. Das sagen ja schon die Gesichter in den Filmen. Greise bei Knopp im Palast der Republik. Fast noch Kinder in Haußmanns Film "NVA", wie 15jährig sieht der aus, der locker die Hauptrolle spielt, seine erste. Dabei ist Kim Frank schon 22 und Leuten, die Musik hören, total bekannt. Die Goldene Schallplatte für "Freischwimmer" und für die Auskopplung "Du trägst keine Liebe in dir". Echos, Bambis und Goldene Kameras zuhauf. Und Musik in "NVA" satt. Hiermit wette ich, daß ein NVA-Musical folgen wird.
Nun ist es so, daß ich mich nicht als Produktmanager sehe und auch nicht Filme nach Plätzen in den Charts propagiere. Ich bin leider in Knopps Zielgruppe. Dann müßte ich "NVA" auf altmodische Weise eine Militärklamotte nennen; aber damit würde ich sehschwache Seniorenaugen wieder zum Leuchten bringen. Dumm gelaufen. Am meisten ärgerte ich mich im "NVA"-Kino über mich selbst. Wer war das, der laut lachte? Ich?? Daß Kim oben auf dem Wachtturm die tolle Tochter des Obersten (Detlev Buck) vögelt? Hallo, DDR, und peinlich, das. Für mich.
"Goodbye, DDR"
Tauchen wir ein in die graue, trübe Welt des ZDF-Knopp. Er hat sich nicht nur von der DDR, sondern auch von der Gegenwart, von der Jugend, vom Spaß-trotz-allem sowie von Nebensätzen, Relativierungen, gar Fragezeichen verabschiedet. Seine Hauptsätze dul- den keinen Widerspruch. Sie knallen wie Marschstiefel aufs Pflaster. Er allein weiß, wo's langgeht. Ich laß ihn ziehen. Goodbye, Olle Knopp.
"Goodbye, DDR", die ZDF-Serie, wurde unter seiner Leitung gemacht. So steht es im Abspann. Und was heißt das? Als Pimpf hatte ich gelernt, daß es keine Redakteure mehr gibt, wohl aber Schriftleiter. Filmleiter Knopp also, denke ich mir, wird es sein, der aus dem Off in die Bilder reinspricht, die Ulbricht, Honecker und all die Größen zeigen. Knopp gibt den Originalton West, damit wir wissen, was wir von den Originalbildern Ost hal- ten sollen. Er scheint das für nötig zu halten. Für ihn ist der Kalte Krieg noch nicht zu Ende.
Allerdings dürfte dann die Entsorgung der DDR noch nicht gelungen sein. Warum muß er uns belehren, daß Ulbricht "in freien Wahlen nicht hätte bestehen können"? Daß "die Russen" an allem schuld sind? "Sie betrachten die Zone als ihre Beute und schleppen weg, was zu haben ist." Merk dir das. Schon vergessen? Dann gleich noch mal: "Nach der Plünderung des Landes durch die Sowjets bedeutete die Planwirtschaft Verwaltung des Mangels." Ist das zu abstrakt? Dann gehen wir ans Knoppsche Personalisieren. Ist das nicht ein Vaterlandsverräter, der willig für die Russen arbeitet? "Die Misere hat einen Namen: Ulbricht."
Die Geschichte der DDR reduziert sich in diesem agitatorischen Abriß auf den Machtkampf im Politbüro. Um "die einzelnen" im Arbeiter- und Bauernstaat geht es längst nicht mehr. Die seien mit Hilfe des Slogans "Die Partei hat immer recht" nicht nur kaltgestellt worden; es sei sogar darum gegangen, ihnen auf diese Weise "die Würde zu nehmen", wie wir von Carola Stern erfahren.
Dann wird ungestört der "Poker um die Macht" dramatisiert. Der einst stalintreue Adept Ulbricht versucht es mit dem Statement "Stalin war kein Klassiker des Kommunismus". Für Ralph Giordano "eine Wendung um 90 Grad". Aber zu spät. In Großaufnahme sehen wir die Schreibmaschine, auf der die Intriganten im Politbüro den Brief an Breschnew schreiben, Ulbricht denunzierend. Knopp war dabei. Und schon kommentiert er wieder, feige aus dem Off: "Honecker nimmt seinen Förderer, Ulbricht, aufs Korn." Das paßt aufregend zum Bild: Staatsjagd in der SU.
Und? Schießt er? Trifft er? Die Spannung wird unerträglich, denke ich, daß Knopp so denkt. Leider ist der Film dann gleich zu Ende. "Ulbrichts Ziehsohn ist am Ziel." Ulbricht hat "den Poker um die Macht verloren". Die Bilanz ist "bitter". Bei Guido, du Shakespeare! Das war mehr als ein sportliches Match. Die DDR als Ziehvater-Sohn-Konflikt im Politbüro. Jubelst du da nicht die Größen hoch, die du kleinmachen wolltest?
Mit dem Sendedatum (30. August bis 20. September) ist jedoch die DDR-Personality-Geschichte mitnichten vorbei. Es gibt da noch das Buch. Von Guido Knopp, steht auf dem Cover. Doch was mag Buchleiter Knopp von den 258 Seiten selbst geschrieben haben? Die vier Beiträge nennen nach dem Namen Knopp jeweils einen Koautor, und der Stil könnte unterschiedlicher nicht sein. Das Gemeinsame ist die Personalisierung der Geschichte der DDR: ein Kammerspiel unter vieren, Ulbricht, Mielke, Erich - und Kati.
Gemeinsam ist auch die Sorge Knopps, daß der Leser sich die rechte Meinung bildet. Denn wer kann schon selbst die Frage beantworten, wie die Stasi in den Annalen der Geschichte steht. Na? Hätten Sie's gewußt? Sie steht "für brutale Willkür und zynische Menschenverachtung". Aber, so geht's auf Seite elf gleich weiter, "wie paßt Katarina Witt in dieses Kabinett des Todes"? Ehrlich, ich mußte passen. Wie das? In einem Knopp-Text ein Fragezeichen?! Das paßt doch nicht! Und siehe, das Kati-Kapitel ist völlig anders geschrieben, sachlich, verständnisvoll, faktenorientiert und ohne jede Kalter-Kriegs-Rhetorik.
Knopp malt lieber gemeinsame Auftritte von Walter Ulbricht und Joseph Goebbels aus, etwa 1931 im Saalbau Friedrichshain oder gleich danach im Reichstag. Selbstverständlich teilt er dazu mit, was wir davon zu halten haben. Geurteilt wird nach Kriterien, die für Fernsehduelle zu Beginn des 21. Jahrhunderts gelten. And the winner is - Dr. Goebbels. "Gegen den wortgewaltigen Demagogen hatte der hölzerne Sachse mit der Fistelstimme keine Chance."
Sind Zweifel an der Kompetenz des Geschichtspädagogen Knopp erlaubt? Wie immer apodiktisch stellt er fest, daß nicht etwa durch das Bonner Grundgesetz, sondern "durch die Bildung der provisorischen Volkskammer ... die Teilung Deutschlands staats- und völkerrechtlich endgültig vollzogen" war. War da der Herr Hallstein nicht anderer Meinung? War es nicht viele Jahrzehnte lang in der BRD offizielle Doktrin, daß Deutschland staats- und völkerrechtlich nicht geteilt war? Aber so geht's, wenn man als Kriterium heranzieht, was am 16. August 1961 in der "Bildzeitung" gestanden hat.
Im Mielke-Beitrag gilt als Quelle, was Rias 1960 gesendet hat. "Wie schwarze Limousinen sowjetischer Bauart über die holprigen Straßen" fuhren und Menschen zum Verhör brachten. "Zwar sind Details über das Verhör unbekannt", doch für Knopp oder seinen Autor steht fest, daß der Vorwurf der staatsbürgerlichen Hetze "willkürlich" war und daß der Mielke-Apparat sich dadurch "selbst entlarvt" habe. Überhaupt dieser Mielke, der schon 1931 mit dem Parteiselbstschutz "das staatliche Gewaltmonopol untergrub". Und nun das Allerschlimmste: Mielke hat in den achtziger Jahren Schiedsrichter bewogen, zugunsten seines Lieblingsfußballklubs FC Dynamo Berlin zu pfeifen! Empörend! "In den westdeutschen Stadien dagegen rollte die Lederkugel ohne politische Einflußnahme." Schiedsrichter sind im Westen nicht korrupt. Nein. Nie. Nie. Nie. Stand 2005.
Knopps demagogische Hetze im Mielke-Kapitel ist museumsreif. Daß man heute noch so schreiben kann, geht wohl nur, wenn man in der Zeit der DDR, nein, in der Zeit der Zone stehengeblieben ist. Und dann lebt er doch noch, der andere Teil Deutschlands.
Kurze Pause
Die Werbung. Was Knopp und Leander Haußmann gemeinsam ist, ist ihre kolossale Einseitigkeit, die wiederum gegensätzlicher nicht sein könnte. Wer es seriös haben möchte, gar ausgewogen und dazu noch locker und munter erzählt, und wer sich angesprochen fühlt, wenn es journalistisch hübsch aufgemotzt ist, der greift zum Buch von Claus Christian Malzahn: Deutschland, Deutschland. Kurze Geschichte einer geteilten Nation, 220 Seiten, 12 Euro. Das war's schon, und was mich betrifft, ich geh jetzt nach drüben, in die knoppfreie Zone.
"Damals in der DDR"
Die ARD ist knoppfrei. Die Serie "Damals in der DDR - Das letzte Jahr", die Ende September lief, wendet sich den Menschen zu, die in der DDR lebten. In "D-Mark für alle" sehen wir Bilder aus Wittstock, vom Land. Glücksritter fallen aus dem Westen ein. Mercedesfahrer steigen im Interhotel ab. Koffer mit sechsstelligen Summen werden verladen. Gänzlich unhektisch, mit aller Ruhe, wird vorgestellt, wie Geschäfte gemacht werden. Wie die Treuhand verladen wird. Wie Kriminelle abzocken. Wie die Bauern ihre Ferkel töten und der Konsum Putenschnitzel aus dem Westen bezieht. Wie der Westen die Versorgung der Bürger übernimmt - und ihnen die D-Mark wieder abnimmt.
Ich kann die Kritik gut nachvollziehen. An der Verwurstung der Ossis war ich beteiligt. Buchstäblich. Mit der Kettensäge ging ich 1990 auf Ossijagd. In der eigenen Schlachterei wurde das Ossifleisch zerlegt und zum Konsum zubereitet. Mit Schweinefleisch war ja im vereinten Deutschlands nichts mehr anzufangen. All das tat ich aus Überzeugung im "Deutschen Kettensägenmassaker", einem Film von Christoph Schlingensief. Ich steh dazu. In der Vereinigungseuphorie von 1990 war dieser Film die richtige Prophezeiung. Ich möchte das Produkt aus rein politischen Gründen in KONKRET plazieren.
"NVA" läuft seit 29. September im Kino (Verleih: Delphi).
Leander Haußmanns Roman zum Film NVA ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen (240 Seiten, 8,90 Euro). Die CD-Rom "NVA-Mission: Vorwärts immer!" (Chuck Brenner Games) ist seit 29. September im Handel.
Guido Knopps Buch zur ZDF-Reihe Goodbye DDR (258 Seiten, 22,90 Euro) sowie das Begleitbuch zur ARD-Serie Damals in der DDR von Hans-Hermann Hertle, Stefan Wolle und Nicolaus Schröder sind bei Bertelsmann erschienen.
Claus Christian Malzahns Deutschland, Deutschland veröffentlicht DTV in diesen Tagen
Dietrich Kuhlbrodt schrieb in KONKRET 5/05 über Zensur im BRD-Film
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