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36 Jahre Konkret CD

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Heft 12 2007

Tjark Kunstreich

Geld oder Trauma

Zu früh gefreut: Nach dem angeblich wirklich letzten Akt der "Wiedergutmachung" - den Zwangsarbeiterentschädigungen - werden aus Israel neue Forderungen an Deutschland gestellt

Gerade erst hat die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" den Abschluß ihrer Zahlungen an ehemalige NS-Zwangsarbeiter gefeiert. Damit scheint der Komplex der sogenannten Entschädigungen endgültig erledigt zu sein. Das sehen nicht nur jene so, die ohnehin bei jeder Almosenzahlung, zu der der Nachfolgestaat des "Dritten Reichs" gezwungen worden war, von einer endgültigen Regelung träumten. Mittlerweile hat sich das deutsche Gedenken ja auch gründlich verändert, die Beschäftigung mit dem eigenen "Schicksal" stand in den vergangenen Jahren im Mittelpunkt und an deren Ende die Versöhnung der Westdeutschen mit sich selbst. Der Tod der meisten überlebenden NS-Täter und -Opfer in den vergangenen Jahren, so schien es, hatte das Problem deutscher Verantwortung zumindest in finanzieller Hinsicht gelöst. Die von den einen befürchtete, von den anderen erhoffte "biologische Lösung" machte den Weg frei für eine Neuinterpretation der Geschichte, in der der Umgang mit den überlebenden Opfern und mit ihrem Staat Israel bestenfalls noch eine Randnotiz ist, weil er dem Wunschbild einer von nationalsozialistischer Kontinuität weitgehend befreiten und verwestlichten BRD widerspricht.

Doch wieder einmal haben die Deutschen die Rechnung ohne die Juden gemacht. Neue Entschädigungsforderungen aus Israel stiften Verwirrung, dabei hat man doch schon geblecht bis zum Abwinken: So rechnet der "Spiegel" vor, Deutschland habe 63,22 Milliarden Euro an Entschädigungen gezahlt - und verschweigt dabei, daß fast zwei Drittel dieser Summe an deutsche Vertriebene gingen. Die berühmt-berüchtigten Zahlungen aus dem Luxemburger Abkommen von 1952, in denen Konrad Adenauer David Ben Gurion die Bedingungen diktieren konnte, unter denen die BRD dem ums Überleben kämpfenden Israel ein Almosen spendierte, beliefen sich alles in allem auf 1,53 Milliarden Euro. Über das letzte Drittel der ursprünglich vereinbarten Zahlungen sollte Israel mit der DDR verhandeln, doch dazu kam es nie. Und die insgesamt 22 Milliarden Euro Wiedergutmachungsgelder - aus dem Luxemburger Abkommen, der Zwangsarbeiterentschädigung, dem Bundesentschädigungsgesetz und den nachfolgenden Härtefallregelungen -, die nach Israel überwiesen wurden, beglichen in erster Linie individuelle Ansprüche und Renten. Ausgeschlossen waren von vornherein Menschen, die vor 1953 nach Israel eingewandert waren (sie erhielten ihre Entschädigungsleistungen vom israelischen Staat), des weiteren Kinder, die bis 1945 unter 16 Jahre alt waren (sie gelten im deutschen Recht als Kriegskinder) und die 175.000 seit 1990 aus der ehemaligen Sowjetunion eingewanderten Überlebenden, die nie einen Antrag auf Entschädigung haben stellen können. Auf Geld konnten nur jene hoffen, die einen gelben Stern hatten tragen müssen, im KZ oder im Ghetto interniert waren und/oder unter lagerähnlichen Bedingungen Zwangsarbeit verrichten mußten.

Die neuen Forderungen aus Israel, das aus dem eigenen Haushalt 3,5 Milliarden Dollar für die Versorgung von Überlebenden zuzahlte - viermal mehr als die Zahlungen aus dem Luxemburger Abkommen -, betreffen nun ebendiese Gruppen, die bisher leer ausgegangen sind. Außerdem fordern Vertreter der zweiten Generation, also Kinder der Überlebenden, finanzielle Unterstützung für psychosoziale Hilfen, auf die einige von ihnen angewiesen sind. An die Öffentlichkeit ist diese Angelegenheit nur gekommen, weil das Bundesfinanzministerium in gewohnter Manier jeden Versuch abgeschmettert hatte, in Gesprächen zu einer stillen Vereinbarung zu kommen. Der israelische Rentenminister Rafi Eitan, der einst für den Mossad arbeitete und an der Entführung Adolf Eichmanns beteiligt war, stellte in der israelischen Zeitung "Haaretz" klar, worin das Problem besteht: "Deutschland ist verantwortlich für die Holocaust-Überlebenden. Die bisherigen Abmachungen hatten viele Löcher." Weder seien die hohen Lebensunterhaltskosten der heutigen Zeit berücksichtigt worden noch die Tatsache, daß Menschen heute zehn Jahre länger leben als noch in den fünfziger Jahren. Zudem habe niemand damit rechnen können, daß so viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel einwandern würden. "Das alles hat die Situation verändert, auch wenn die Deutschen das nicht zur Kenntnis nehmen wollen."

Jetzt ist natürlich der bärbeißige alte Jude Eitan schuld, weil er den Schlamassel öffentlich gemacht hat. Die "Allgemeine Zeitung Mainz" kommentierte, nachdem das Märchen von den gezahlten 63 Milliarden Euro für die Juden wiederholt worden war: "Es stimmt auch, daß die Verträge erhebliche Schwachstellen hatten. Aber die nahm man seinerzeit auf beiden Seiten aus aktuellen politischen Gründen bewußt in Kauf. Israel brauchte zum Aufbau des gerade gegründeten Staates dringend Geld, Deutschland Reputation, um wieder in die Völkergemeinschaft aufgenommen zu werden. Dennoch: Ein Vertrag ist ein Vertrag, und in dem von 1952 steht klipp und klar, daß der jüdische Staat keine weiteren Forderungen stellen wird. Das muß für 2007 wie 1952 gelten." Das klingt, als habe ein Staatssekretär aus dem Finanzministerium dem Kommentator die Hand geführt, aber so etwas ist hierzulande unnötig. Dabei geht es längst nicht mehr um die Frage, ob Deutschland noch ein paar Millionen Euro zahlt oder nicht, sondern darum, ob diese Zahlungen einen Rechtsanspruch enthalten oder ob sie als "freiwilliges" Almosen gespendet werden. Auch diese Frage ist nur für die Deutschen interessant; Israel braucht das Geld so oder so, aber genau das ist das Problem: Der Staat der Überlebenden ist aufgrund seiner ökonomischen Situation ein Bittsteller - wie vor 55 Jahren in Luxemburg, wo die BRD immerhin noch das Manko hatte, den eben erst beendeten Massenmord verantworten zu müssen.

Das ist heute anders. Die Verantwortung für den Holocaust adelt die Nation geradezu, und im Umgang mit den Opfern hat man Strategien entwickelt, diese zum Nutzen der deutschen Wiedergutwerdung einzuspannen: Die nichtjüdischen NS-Opfer taugten dazu, gegen die jüdischen ausgespielt zu werden; die Zwangsarbeiter dienten der Entlastung der deutschen Wirtschaft; die Euthanasie-Geschädigten bereicherten das gute Gewissen heutiger Sozialarbeiter; jüdische Kultur schmückte den deutschen Totenkult; kommunistische Widerstandskämpfer bemühten sich um die Rettung deutscher Ehre vor Kollektivschuldverdächtigungen; die Rosa-Winkel-Häftlinge wurden herbeizitiert zum Beweis der Zivilisierung des Landes.

Alles war so schön eingerichtet, jedem Opfergrüppchen sein Mahnmälchen. Die Deutschen bauten sich das größte Denkmal, jenes für die ermordeten Juden, mit dem die eigene Läuterung in Form eines Friedhofs fotogen dokumentiert wird. Die Generation, die das vollbrachte, war die der Söhne und Töchter der Volksgenossen, die all das angerichtet hatten, was ihre Nachkommenschaft zuerst zögerlich, aber dann immer bereitwilliger aufarbeitete. Und zwar in dem Maße, wie sie sich selbst als Opfer begreifen lernte. Diesen Lernprozeß hat die zweite Generation jener Forschung über die psychischen Folgen des Holocaust zu verdanken, die zu Beginn der achtziger Jahre in Israel und den USA zu der Erkenntnis führte, daß auch die Kinder und Enkel der Überlebenden an den Folgen der Verfolgung ihrer Eltern und Großeltern zu tragen hatten und haben. Weil sich die Symptome ähnelten - das Schweigen über das Erlebte oder die Omnipräsenz der Erinnerung, das Ineinanderrücken der Generationen, die Wagenburgmentalität oder die völlige Zersplitterung der Familien sowie das Gefühl, von den Eltern bewußt oder unbewußt eine bestimmte Aufgabe oder Schuld aufgebürdet bekommen zu haben -, wurde der Unterschied zwischen Tätern und Verfolgten im Begriff des Traumas eingeebnet.

Zuletzt war es die Erkenntnis, daß auch jene, die den Krieg als Kind miterlebt hatten, von Traumatisierung betroffen sein können, die eine Flut von Buchveröffentlichungen über die "Kriegskinder" nach sich zog, in der nicht zufällig und noch weniger nebenbei die Versöhnung mit jenen propagiert wird, die diesen Krieg verursacht hatten. Die Trennung zwischen dem lieben Papa und dem bösen SS-Mann ermöglichte die Wiederherstellung der guten Familie. Daß diese Trennung nichts anderes als eine Abspaltung zum Zwecke der Harmonisierung darstellt, wird mit dem Verweis auf die kindliche Wahrnehmung begründet, die schließlich nur den Papa, nicht aber den Mörder gekannt habe. Allerdings begaben sich ja Erwachsene im fortgeschrittenen Lebensalter in Therapie, und sie fanden Therapeutinnen und Therapeuten, die nur zu gern bereit waren, den regressiven Wunsch nach einer wenigstens in der Rückschau versöhnlich erscheinenden Kindheit mit dem Hinweis auf die intergenerationelle Weitergabe von Traumata zu erfüllen bereit waren.

Indem die Forschungsergebnisse israelischer und amerikanischer Psychoanalytiker einfach auf die deutschen Verhältnisse übertragen wurden, wurde die Erlebniswelt von Opfern und Tätern sowie deren Nachkommen auf unheimliche Weise parallelisiert. Daß sich das individuelle Erleben gleicht, weil alle Menschen nur über ein begrenztes Repertoire von Umgehensweisen mit Ereignissen verfügen, geriet in Deutschland zum schlagenden Argument für die Psychologisierung der Geschichte, die die Einopferung der Täter erst ermöglichte. Psychotraumatologie ist zum boomenden Geschäftszweig der Psychotherapie in den westlichen Staaten geworden, was angesichts der Individualisierung von sogenannten Lebensrisiken nicht sonderlich überrascht. Zumal in Deutschland, wo das Trauma zum Ausweis von Individualität überhaupt geworden ist.

Wie aus dem Begriff des Traumas eine Allerweltsformel wurde, verwandelte sich die totale Individualisierung in die vollkommene Verallgemeinerung, in der jede Differenz untergeht, sei sie historischer, politischer oder sozialer Natur. Die Entpolitisierung des Traumas - die Frage nach seinen Bedingungen und Konsequenzen -, wie sie von den psychotherapeutischen Schulen betrieben wird, ermöglichte seinen Einsatz als politische Allzweckwaffe bei der Rehabilitation Deutschlands. Wenn jetzt die israelischen Kriegskinder eine Gleichstellung mit den deutschen fordern und Juden aus der zweiten Generation, deren deutsche Altersgenossen als Opfer durchgehen, für die, die es brauchen, die Finanzierung psychosozialer Hilfe, wird der Trauma-Diskurs vom Kopf auf die Füße gestellt. Die Verallgemeinerung des Traumabegriffs ist bereits das schlagende Argument dafür, daß Deutschland zahlen muß, aus historischer und humanitärer Verantwortung usw. Die große Erleichterung darüber, sich die Verfügungsgewalt über die Geschichte der deutschen Verbrechen mit Almosen erkauft zu haben, hat nicht einmal ein halbes Jahr gewährt. Daß es ausgerechnet mit jenem Abkommen in die nächste Runde geht, mit dem 1952 alles begann, wird später wahrscheinlich einmal zu den traumatisierenden Erfahrungen der Deutschen gerechnet werden.

Das nötige Geld wäre im übrigen einfach zu beschaffen: indem die Gewinne deutscher Unternehmen aus den Geschäften mit dem Iran dazu verwendet werden. Denn die hohe Zahl von Hilfesuchenden in Israel, die sich aus Verarmung und psychischer Verzweiflung an die psychosoziale Hilfsorganisation Amcha wenden, welche Überlebende und ihre Kinder unterstützt, resultiert nicht zuletzt aus einer Situation, in der die Existenz Israels auf dem Spiel steht. In Sderot nahe dem Gazastreifen, wo täglich die iranischen Raketen der Hamas einschlagen, organisiert Amcha zum Beispiel ein aufwendiges Projekt, um Überlebende zu Hause aufzusuchen und Gesprächsgruppen unter kriegsähnlichen Bedingungen anzubieten. So notwendig daher weitere Zahlungen sind - notwendiger wären effektive Boykottmaßnahmen gegen jene Organisationen und Staaten, die mit Terror dafür sorgen, daß die Traumatisierung und Retraumatisierung israelischer Bürger fortgesetzt wird und das Land sich ökonomisch und sozial nicht stabilisieren kann. Deutschland aber ist international führend in der Ablehnung weiterer Sanktionen gegen den Iran - die Unternehmen, die in die Zwangsarbeiterstiftung einzahlten, wollen diesen Verlust schließlich wieder reinbekommen.

Weitere Informationen über die Arbeit von Amcha gibt es im Internet unter www.amcha.de

Tjark Kunstreich schrieb in KONKRET 11/07 über Andres Veiels "Der Kick"

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Literatur Konkret Nr. 36