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36 Jahre Konkret CD

36 Jahre Konkret CD


Heft 10 2009

René Martens

Free Billy!

Soviel ist sicher: E-Books entlasten Bücherregale. Wie aber verändert sich überhaupt Literatur durch das digitale Publizieren?

Ob Nicola Furlongs Krimi "Unnatural States" inhaltlich ein Gewinn fürs Genre ist, steht dahin. Formal verspricht der "provokative Spannungsroman" (Verlag), der sich um Religion, Biotechnologie und Paranormales dreht, etwas mehr Spannung: Der Text dieses E-Books ist durchsetzt mit Fotos von Charakteren und Videoclips, in denen Schauspieler Szenen des Romans nachstellen.

Mit einer ähnlichen Methode versucht der britische Verlag Canongate Interessenten für Nick Caves Roman "Der Tod des Bunny Munro" zu gewinnen, der jetzt auf deutsch erscheint. Die E-Book-Version für das I-Phone des Computerkonzerns Apple enthält auch ein Hörbuch, so daß der Leser zwischen gelesenem und gesprochenem Text hin- und herspringen kann. Ein von Cave cokomponierter Soundtrack ist ebenfalls Teil dieser Version.

Solche sogenannten Enhanced Editions von E-Books könnten zukunftsträchtig sein, denn digitale Bücher, die aus purem Text bestehen, sind für viele Leser wenig attraktiv. In der öffentlichen Debatte spielt die Frage, wie sich das Produkt Buch durch das digitale Publizieren verändert, allerdings bislang kaum eine Rolle. In Medienberichten über elektronische Bücher geht es zumeist um neue E-Reader-Geräte - beziehungsweise den "Krieg" zwischen Amazon, Sony und all den anderen Anbieten. "Barnes & Noble gets aggressive in the E-Book-wars", verkündete kürzlich das Wirtschaftsmagazin "Fast Company" anläßlich eines Vorstoßes der größten US-Buchhandelskette ins Gerätegeschäft.

Um die verschiedenen Versionen des Amazon-Geräts Kindle ist auch hierzulande ein Hype entstanden, obwohl sie außerhalb der USA noch gar nicht verkauft werden. Ein wesentlicher Nachteil dieser E-Reader besteht darin, daß jemand, der sich bei Amazon eine Kindle-Version eines Buchs gekauft hat, nicht von sich behaupten kann, dieses E-Book im herkömmlichen Sinne zu besitzen. Weil Amazon permanent Zugriff auf alle Kindles hat, konnte das Unternehmen kürzlich ohne Vorankündigung auf den Geräten seiner Kunden die digitalen Versionen von George Orwells "1984" und "Die Farm der Tiere" löschen. Dabei gingen auch die persönlichen Randnotizen der Leser verloren. Amazon hatte festgestellt, daß man gar nicht über die Rechte verfügte, diese Bücher als E-Book zu verkaufen. Einige Wochen später entschuldigte sich der Konzern wortreich und bot jedem betroffenen Käufer als Entschädigung 30 Dollar an. An dem Grundproblem ändert das freilich nichts. Verbrauchervertreter und Bürgerrechtler sagen, es bestehe die Gefahr, daß Gerichte oder Regierungen Amazon dazu zu zwingen,

E-Books zurückzurufen oder einzelne Passagen zu verändern. Mit anderen Worten: unliebsame Inhalte zu zensieren.

Trotz allem wurden bisher in den USA mehr als eine Million Kindles verkauft. Eine andere Zahl, die die Marktforschungsfirma Forrester Research ermittelt hat, hat branchenintern etwas mehr Aufsehen erregt: Stanza, ein Programm, das Bücher auf dem I-Phone und dem I-Pod Touch lesbar macht, wurde zwischen Sommer 2008 und Sommer 2009 mehr als zwei Millionen Mal heruntergeladen. Die Beliebtheit von Stanza wirft eine Frage auf, die sowohl für Technologiefirmen als auch Verlage relevant ist: Warum sollte man zirka 250 Euro für einen

E-Reader von Sony hinblättern, wenn man ein E-Book auch auf einem Gerät lesen kann, das man ohnehin besitzt oder das sich eher zu erwerben lohnt, weil es wesentlich mehr Funktionen hat: ein I-Phone eben oder vergleichbare Mobiltelefone anderer Hersteller.

In Berlin hat sich daher ein Unternehmen gegründet, das Bücher von ausgewählten Verlagen aufs I-Phone bringt. Textunes heißt die Firma, jeder soll dabei an I-Tunes denken, den Musikservice von Apple. Rund 150 Titel hat Textunes bisher im Programm - die Liste der Autoren reicht von Blixa Bargeld bis P. G. Wodehouse. Die Hamburger Edition Nautilus veröffentlicht bei Textunes beispielsweise Bücher, deren Länge für E-Books wie geschaffen zu sein scheint, nämlich Krimis aus der Reihe "Kaliber 64" (gedruckt 64 Seiten im DIN-A6-Format). Auf dem I-Phone lesen kann man auch Lutz Dammbecks "Das Netz. Die Konstruktion des Unabombers", dessen Printversion derzeit vergriffen ist. Weil man bei bestimmten Büchern nicht wisse, ob sich der Nachdruck lohne, sei es eine günstige Alternative, ein nicht mehr erhältliches Werk als E-Book neu herauszubringen, sagt Nautilus-Sprecherin Carola Ebeling.

Die Veröffentlichung von derzeit vergriffenen Büchern kann entweder ein Verlag in die Wege leiten oder der Autor selbst, je nach dem, wer die Rechte besitzt. Die Möglichkeiten sind zahlreich. Scribd etwa wurde bekannt als Plattform, auf die jedermann Texte hochladen kann, also eine Art Youtube für Texte. Inzwischen gibt es auch einen Scribd Store. Autoren oder Verleger können hier die Preise ihrer Bücher selbst festlegen - und bekommen, wie Scribd sagt, 80 Prozent des Umsatzes. Unbestritten ist, daß die neue Publikationsform für Autoren, die bei einem herkömmlichen Verlag nicht unterkommen wollen oder können, eine Alternative sein kann. Wer sich dafür entscheidet, ein E-Book in Eigenregie zu veröffentlichen, muß allerdings viel Zeit investieren und soziale Netzwerke, spezielle Foren und Mailinglisten für Eigen-PR nutzen - ohne zu wissen, ob er für diese Arbeit vielleicht nur in der Währung Aufmerksamkeit bezahlt wird.

Ein Autor muß auch entscheiden, ob er für sein E-Book überhaupt einen Preis verlangt oder ob er es kostenlos abgibt - in der Hoffnung, auf diese Weise Werbung für ein kostenpflichtiges Buch zu machen. "Ich mag die Vorstellung, die Leute mit einem Buch bekanntzumachen und dabei den Verkauf eines anderen zu fördern", sagt James Patterson, ein Fließbandkrimischreiber, der bei Kindle kostenlos den ersten Teil seiner Serie "Maximum Ride" anbietet. Mehrere zehntausendmal ging dieses E-Book dort in den letzten Monaten weg, ebenso die kostenlos angebotene digitale Version von Jane Austens Klassiker "Stolz und Vorurteil". Den radikalsten Weg im deutschsprachigen Raum ging bisher der Konstanzer Verlag UVK. Der veröffentlichte kürzlich das Buch "Humboldts Albtraum. Der Bologna-Prozeß und seine Folgen" als kostenlosen Download, um zu testen, inwieweit sich das auf den Verkauf des physischen Produkts auswirkt.

Der wortgewaltigste Prediger der These, daß kostenlose Angebote Teil einer erfolgreichen Strategie sein können, ist Chris Anderson, der Chefredakteur des US-Magazins "Wired". In seinem umstrittenen Buch "Free - Kostenlos", das gerade zum Preis von satten 39,90 Euro bei Campus erschienen ist (und als E-Book immerhin für lau zu haben ist), schreibt er über die Verlagsbranche: "In einer Welt, in der die Regalflächen immer knapper und die Buchrezensionen in den Tageszeitungen immer seltener werden, probieren Schriftsteller nur allzu gerne alles Mögliche aus, um sich ihre Leserschaft zu sichern."

Auffällig ist allerdings, daß die von den Anhängern der "Free"-Ideologie genannten Erfolgsbeispiele bisher in der Regel sehr bekannte Autoren betreffen. Patterson etwa hat weltweit 100 Millionen Bücher verkauft - der kann es riskieren, ein paar zehntausend Exemplare eines Krimis zu verschenken, um so möglicherweise dafür zu sorgen, daß sich von einem anderen ein paar zehntausend mehr verkaufen. Ob von solchen Marketingideen auch Autoren profitieren können, deren Verkaufszahlen im vierstelligen Bereich liegen (was in der Regel für jene gilt, die für KONKRET schreiben), steht auf einem anderen Blatt.

Können die neuen verlagsähnlichen Anbieter den alten Buchverlagen also Autoren abspenstig machen? Darüber dürfte man in den diversen Schaltzentralen spätestens reden, seit Amazon im Mai 2009 mit Amazon Encore eine Verlagstochter gründete. "Was sollte Autoren daran hindern, direkt bei Buchhändlern zu unterzeichnen?" fragt das US-Magazin "Time" mit Blick auf Amazon Encore. Das Blatt hält es für realistisch, daß Schriftsteller sich dann ähnlich verhalten wie etwa Madonna, die keinen Vertrag mit einem Label mehr hat, sondern mit Live Nation, dem weltweit größten Konzertveranstalter.

Durch Amazon Encore ist die Marktmacht Amazon weiter gewachsen: Der Konzern mischt im Buchhandel (auch der Hörbuch-Downloadshop Audible und die Second-Hand-Plattform Abebooks gehören Amazon), an der Technologieanbieterfront (Kindle) und neuerdings eben im Verlagswesen mit. Kürzlich konnte das Unternehmen gegenüber dem zum Bertelsmann-Reich gehörenden Verlagsriesen Random House gar den Standardpreis von 9,99 Dollar (7 Euro) für die Kindle-Version des neuen Dan-Brown-Gassenhauers ("The Lost Symbol") durchsetzen. Random House drückt schon mal vorsorglich auf die Tränendrüse: Daß die digitale Version rund 40 Prozent günstiger ist, könnte Folgen für den Absatz der Hardcoverausgabe haben.

Wenn die Verlage an die Leser denken würden, hätten sie sich zumindest schon mal eine Idee abgeschaut, die Musiklabel seit einiger Zeit umsetzen: Wer eine Vinylplatte kauft, erhält mittlerweile oft einen Code, mit dem er sich auf der Website des Labels die digitale Fassung besorgen kann. Vergleichbares ist beim Kauf eines klassischen Buchs denkbar: Möglicherweise für einem geringen Aufpreis bekäme man zugleich ein Passwort, mit dem sich das E-Book herunterladen läßt. Eine andere Entwicklung aus dem Musikgeschäft dürfte sich bei elektronischen Büchern allemal wiederholen: So wie es im digitalen Tonträgerhandel statt Alben auch einzelne Songs gibt, dürfte es bald ebenfalls möglich sein, einzelne Abschnitte eines E-Book-Werks zu kaufen, Bei Romanen drängt sich das weniger auf, bei Sachbüchern und Anthologien schon.

Nicht zuletzt vermarkten sich die E-Book-Anbieter eifrig als Umweltengel. Die Unternehmensberatungsfirma Cleantech stellte dieser Tage die (bedingt aussagekräftige) Studie "The environmental impact of Amazon's Kindle" vor. Demnach können E-Book-Lesegeräte den CO2-Ausstoß beträchtlich verringern, die Verlagsindustrie sei schließlich einer "der umweltschädlichsten Sektoren weltweit".

Von René Martens ist gerade eine Neuauflage des herkömmlich gedruckten Buches "Wunder gibt es immer wieder. Die Geschichte des FC St. Pauli" (Die Werkstatt) erschienen

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Literatur Konkret Nr. 36