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36 Jahre Konkret CD

36 Jahre Konkret CD


Heft 09 2006

Günter Amendt

For the first time

Eine Preview von Bob Dylans neuem Album "Modern Times"

Aus Angst vor Produktpiraterie und illegalen Veröffentlichungen im Internet ist die Plattenindustrie dazu übergegangen, zu listening sessions an ausgewählten Medienstandorten einzuladen. Den in kleiner Gruppe versammelten Musikjournalisten wird das jeweilige Produkt vorgestellt und vorgespielt. Einmal und nicht wieder. Sie dürfen auch die Lyrics mitlesen und sich Notizen machen. Am Ende der Sitzung werden alle Kopien eingesammelt. Selbstverständlich sind, davon ist auszugehen, auch die im Umlauf befindlichen Vorführ-CDs persönlich gekennzeichnet und mit einem Kopierschutz versehen. Die Weisungen aus den USA werden strikt befolgt.

Doch die Journalistinnen und Journalisten gehen mit leeren Händen nach Hause. Es mag unter ihnen welche geben, die sich nach einmaligem Hören in der Lage fühlen, ein neues Album zu besprechen. Ich kann das nicht, und ich will das nicht. Was ich hier mitzuteilen habe von der Hamburger Session zu Dylans neuem Album "Modern Times", das am 25. August bei Sony/BMG erscheint, ist ein erster Eindruck. Eine ausführliche Besprechung folgt im Oktoberheft.

"Modern Times" fährt ein. Vom ersten Takt an. Wie so oft sind Spuren des vorangegangenen Albums zu hören. Erinnerungen an den jazzig-swingenden Sound von "Love and Theft" werden wach. Doch ist die Stilvielfalt diesmal noch größer. Dylan hat das Album mit seiner Tourband produziert. Die Songs klingen rauh, unbearbeitet und lebendig. Kein Studioschnickschnack. Dylan singt, spielt die Harmonika, das Piano und die Gitarre. Hallo, er spielt die Gitarre. Das sollte all die selbsternannten Rheumatologen, die sich in den Medien Gedanken über den Zustand von Dylans Händen machten, endlich zum Schweigen bringen.

Die im Netz und in Fankreisen bereits genannten Favoriten sind auch mir sofort ins Ohr gesprungen: "Workingman's Blues # 2", "Nettie Moore" und "Ain't Talking". Die beiden ersten, wenn nicht alle drei, gehören in die Kategorie: Großer Dylansong. Aber auch zu den restlichen Songs gibt es einiges zu sagen.

Mir geht die Ballade von "Lost John sitting on a railroad track" nicht aus dem Kopf. In einer Art Talking-Blues erzählt Dylan die Geschichte eines Mannes, dem das Leben entglitten und die Liebe entschwunden ist. Dylans Stimme ist dunkel und düster. Sein Sprechgesang wird begleitet vom monotonen Herzschlagbeat einer Baßtrommel, die jeweils beim Chorus aussetzt. Die Klage, die der Sänger nun anstimmt, ist von einer bestürzenden Traurigkeit: "Oh, I miss you Nettie Moore / And my happiness is o'er / Winter's gone, the river's on the rise / I love you then and ever shall / But there's no one here that's left to tell / The world's gone black before my eyes."

Die Bezüge zu den beiden vorangegangen Alben sind unüberhörbar. "Modern Times" ist Teil einer Trilogie, die für eine hochproduktive Schaffensphase in Dylans Künstlerleben steht. Was dieser Mann seit "Time Out Of Mind" angefaßt und unternommen hat, ist ihm gelungen. Dylans Karriere ist absolut einmalig in der Geschichte des Rock 'n' Roll. Das neue Album ist ein weiterer Beleg dieser Einmaligkeit.

Günter Amendt

Das wilde Denken

Warum die Dylanologie, wenn sie denn eine Wissenschaft wäre, eine ironische Wissenschaft sein müßte. Anmerkungen zum Bob-Dylan-Kongreß, zur neusten Sekundärliteratur und zu einem Filmporträt seiner Fans. Bonustrack für die Onlineausgabe von KONKRET

Um Dylans Stimme ging es auch bei dem im Mai 2006 in Frankfurt am Main veranstalteten Internationalen Bob Dylan-Kongreß. Das Frankfurter Institut für Sozialforschung, die Freiburger Gesellschaft für Musik und Ästhetik und der Hessische Rundfunk versuchten, so ihre Absichtserklärung im Programmheft, "eine Brücke zwischen Universität und Lebenswelt, zwischen strenger Wissenschaft, Popkultur und Medien zu schlagen". Das ist ihnen nicht gelungen, sieht man einmal vom Brückenschlag zu den Medien ab. Selten bei vergleichbaren Ereignissen war die Diskrepanz zwischen Medienecho und Publikumsinteresse größer. Nun sagt das geringe Publikumsinteresse noch nichts aus über die Qualität eines Kongresses. Bleibt also die Frage: Haben die, die weggeblieben sind, etwas versäumt? Eher nicht.

Was der Hessische Rundfunk ausstrahlte - HR 2 hatte Dylan für eine Woche zum Schwerpunkt seines Radioprogramms gemacht - konnte sich hören lassen zu Hause oder im Autoradio. In den USA sind Formate, wie Dylans XM-Radio-Show (siehe KONKRET 9/06), nur im Pay-Radio möglich. Hierzulande, darauf kann man gar nicht oft genug hinweisen, sind sie im öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem möglich - oft und immer häufiger aber auch hier erst nach Überwindung von Widerständen "im Hause".

Am Hessischen Rundfunk beziehungsweise an den Machern von HR 2 lag es jedenfalls nicht, daß der Kongreß alles in allem so unergiebig war und streckenweise auch unerfreulich verlief. Natürlich gab es interessante Vorträge. Das versteht sich beim Blick in die Referentenliste fast von selbst. Trotzdem, das ganze Unternehmen hatte etwas Beliebiges. Der Kongreß hatte kein Thema. Auch hätte man sich aus dem Umfeld des Instituts für Sozialforschung den einen oder anderen Beitrag gewünscht, der nicht nur die philosophisch-literarische, sondern auch die empirisch-soziale Dimension von Dylans Werk und Wirken beleuchtet. Denn wer als "strenger Wissenschaftler" das Terrain der Popkultur betritt und verstehen will, was sich da abspielt, muß die Lebenswelt des Publikums und das mediale Umfeld in seine Analyse einbeziehen. Mit dem Studium von Partituren und der Exegese von Texten ist es nicht getan, schon gar nicht, wenn man sich als soziologisches Institut auf das Thema einläßt.

Schade, daß den Veranstaltern bei der Kongreßvorbereitung Jos de Putters im Frühjahr 2006 gestarteter Dokumentarfilm "How Many Roads" entgangen ist. Der Film hätte das Blickfeld der Kongreßteilnehmer erweitern können. Mit seinen zwölf Portraits von US-amerikanischen Dylan-Fans liefert der holländische Filmemacher einen beachtlichen Beitrag zur Soziologie des Publikums. Kein großer Film, aber ein genauer. Zwölf Portraits von gewöhnlichen Leuten. Keine Glamourtypen, eher schräge Figuren. Man hat den Eindruck, ihnen schon einmal begegnet zu sein. Man kennt sie. Einige von ihnen haben sich gerade wieder in Frankfurt am Main versammelt. Dylan beziehungsweise sein Werk spielt in ihrem Leben eine zentrale Rolle. Bei einigen bis an die Grenze der Besessenheit. Verschieden durch Herkunft, Alter, Geschlecht und Lebenssituation sind sie alle auf der Suche nach Trost und Orientierung. Das ist ein durchaus legitimes Motiv bei der Beschäftigung mit Kunstwerken, solange es sich auf das Werk des Künstlers und nicht auf seine Person bezieht.

In Frankfurt trafen die beiden Hauptströmungen der Dylan-Deutung aufeinander. Unversöhnt ging man wieder auseinander. Die Vertreter der einen Strömung lassen einen Dylan-Song auf sich zukommen, auf sich einwirken und durch sich hindurchgehen, bevor sie anfangen über das Gehörte zu reflektieren und zu räsonieren. Die Vertreter der anderen Strömung beginnen schon beim ersten Ton, Schubladen zu öffnen, Labels zu verteilen und Etiketten zu kleben.

Der "forcierte Akademismus", mit dem Richard Klein, einer der drei Veranstalter, seine Thesen und Geschmacksurteile vortrug, ging vielen Kongreßteilnehmern auf die Nerven. Sie wollten den Ton nicht akzeptieren, den Klein in seinen Diskussionsbeiträgen aber auch und in geballter Form in seinem rechtzeitig zu Kongreßbeginn veröffentlichten Buch "My Name It Is Nothin'" anschlug. Wer bei einem Dylan-Kongreß mit dem Anspruch antritt, "die erste kritische Gesamtinterpretation von Bob Dylans Werk in deutscher Sprache" geleistet zu haben, muß enttäuscht sein, wenn sein Dominanzanspruch bei der Besetzung von Themen nicht akzeptiert wird. Man kann das bedauern, denn Kleins Buch vermittelt durchaus Erkenntnisse und Einsichten, die zu diskutieren sich lohnte. Aber der Ton. Er ist nicht zu ertragen. Es ist der Ton eines Erweckungspredigers. Klein, der sich als Musikologe auf Adorno und Wagner spezialisiert hatte, erzählt gern die Geschichte, wie ihn Dylans Performance auf einem mittelalterlichen Marktplatz im Süden der Republik existentiell ergriffen, ja, erschüttert hatte. Seitdem arbeitet er nun an und über Dylan. Es drängt ihn, seine Erkenntnisse hinauszutragen in die akademische Welt und Jünger um sich zu scharen. Sein Problem: Auf so einen hatte in Frankfurt niemand gewartet.

Thomas Gross, der Kleins Buch in der "Zeit" rezensiert hat, kritisiert nicht nur dessen "forcierten Akademismus", in kluger Voraussicht nennt er auch die Gründe für das Unbehagen, das Kleins Auftritt bei vielen Kongreßteilnehmern auslöste. "Bislang handelte es sich bei der sogenannten Dylanologie nämlich um eine Kraut-und-Rüben-Wissenschaft. Eine erkennbare Orthodoxie hat sich in diesem weiten Feld dies- wie jenseits des Atlantiks bislang nur in Ansätzen herausbilden können." So ist es, und es ist gut, daß es so ist. "Was an Aussagen um das Kraftzentrum 'Dylan' herum entstanden ist, gehorcht den Gesetzen des wilden Denkens. Jeder kann, jeder darf, viele wollen." So soll es bleiben. Denn die Dylanologie, wenn sie denn eine Wissenschaft wäre, ist eine ironische Wissenschaft. Dylan lebt. Er produziert. Er ist erfolgreich. Warum sollte jemand, der das Glück und das Privileg hat, Dylans Zeitgenosse zu sein, auf wissenschaftliche Distanz zu ihm gehen und sich einem "forcierten Akademismus" unterwerfen, wie Klein ihn rechthaberisch und ohne einen Hauch von Humor in Wort und Schrift betreibt?

Man mag darüber streiten, ob es sinnvoll ist, einen hochproduktiven Künstler, der mit seiner Musik und seinem Gesang unentwegt rund um den Globus zieht und der die Öffentlichkeit mit ständig neuen, höchst erfolgreichen Werken und Projekten überrascht, zum Gegenstand eines wissenschaftlichen Kongresses zu machen. Das hat etwas von Killing him softly. Doch das Bedürfnis, sich über Dylan auszutauschen, ist groß. Und so finden denn von Zeit zu Zeit einschlägige Tagungen statt. In bester Erinnerung habe ich den Anfang der 1990er Jahre im norditalienschen Villadeati veranstalteten Kongreß der Société Anonyme Dylanologique (SAD). Das Thema damals: "Dylan und die Frauen". Auch in Frankfurt hatte man ein Streitgespräch zu diesem Thema anberaumt. Ein Witz. Klaus Theweleit las aus seinem Buch vor, und Kerstin Grether hatte dem nicht viel entgegenzusetzen. Von wegen Streitgespräch. Das war anders in Italien. Da wurde gestritten. Trotzdem war das Kongreßklima sehr viel angenehmer. Und außerdem war das Essen besser.

"How Many Roads", Dokumentarfilm von Jos de Putter, NL 2005, 75 Minuten, DVD

Richard Klein: My Name It Is Nothin'. Bob Dylan. Nicht Pop, nicht Kunst. Lukas Verlag, Berlin 2006, 396 Seiten, 24,90 Euro

Günter Amendt schrieb in KONKRET 9/06 über Dylans Radioshow. Seine ausführliche Exegese der neuen Platte folgt in KONKRET 11/06

KONKRET Text 56


KONKRET Text 55


Literatur Konkret Nr. 36