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36 Jahre Konkret CD

36 Jahre Konkret CD


Heft 11 2006

Günter Amendt

Folk ohne Lore

Wer hätte das gedacht? Bob Dylan ist nach dreißig Jahren wieder "Top of the Charts"

Nicht nur in den USA, in Kanada und in Australien, auch in Europa bewegt sich Dylans neue Platte "Modern Times" an der Spitze und zeitweise sogar auf Platz 1 der Album-Charts. Was immer das bedeuten mag am Plattenmarkt von heute, die Branche ist beeindruckt, denn man muß mehr als nur sein Stammpublikum mobilisiert haben, wenn man mit einem neuen Album in der Gunst der nationalen und internationalen Käuferschaft so hoch steigt.

Mein positiver Eindruck beim ersten Hören (KONKRET 9/06) hat sich beim wiederholten Hören bestätigt, auch wenn ich die fünf Sterne, die dem Album in der deutschsprachigen Ausgabe des "Rolling Stone" gegeben werden, für eine Übertreibung halte. Es ist eine Platte, die sich gut anhört, und es gibt einige Songs, die in die Kategorie "Großer-Dylan-Song" fallen. (Eine Korrektur meiner Vorbesprechung sei hier gestattet. Alles, was Dylan seit "Time Out Of Mind" in Angriff genommen habe, sei gelungen, hatte ich geschrieben. Alles, außer seine Auftritte als Filmschauspieler, wäre einschränkend hinzuzufügen.) Schon beim ersten Hören erschließt sich, was der Grund für den Erfolg von "Modern Times" ist. Es ist die stilistische Vielfalt und die Bandbreite an Emotionen, die das neue Album auslöst. "Rock Blues, country, pop charm" ("Mojo", 9/06), für jeden und jede etwas.

Dylan hat ein neues Publikum für sich gewonnen. Anders ist der Verkaufserfolg nicht zu erklären. Was das bedeutet, kann man nicht nur bei Konzerten erleben, sondern auch im Internet nachvollziehen - und zwar, je nach Stimmungslage, genervt oder amüsiert. Die Google-Generation gefällt sich in der Rolle von Klugscheißern. Mit detektivischem Eifer folgen Google-Aktivisten den Spuren der neuen Songs zurück in die Vergangenheit der Popgeschichte. Sie fördern zutage, daß Dylan sowohl textlich wie musikalisch Anleihen bei anderen Songwritern und Poeten genommen habe, ohne das in den Credits kenntlich zu machen: "Words and music by Bob Dylan. Copyright 2006 Special Rider Musik." Song für Song. Das regt einige Leute schrecklich auf. Sie wittern ein Eigentumsdelikt.

Da heißt es, Ruhe zu bewahren und zur Kenntnis zu nehmen, daß bestimmte Themen nie wirklich ausdiskutiert sind. Die ganze Auseinandersetzung über das Selbstverständnis des Künstlers in der Frage geistigen Eigentums, die sich schon an Bert Brecht entfacht hatte, muß erneut geführt werden. Wie auch die Tradition des Blues und der Folkmusik mit ihrer Vererbung und Weiterentwicklung von Generation zu Generation neu vermittelt werden muß. Es ist zum Verzweifeln, aber es ist nicht zu ändern.

Die Beobachtung trifft ja zu, Dylan greift mehr denn je auf den Fundus der amerikanischen Populärmusik zurück. Es stimmt, daß "Rollin' and Tumblin'" auf einem Blues von 1929 beruht, Hambone Willie Newbern's "Roll and Tumble Blues", den Muddy Waters dann anfangs der Fünfziger populär gemacht hatte. Es stimmt auch, daß "When the Deal Goes Down" - eine der herzerweichenden Schnulzen auf dem neuen Album - auf einen Song von 1931 zurückgeht. Bing Crosby hatte ihn populär gemacht. "Beyond the Horizon" - eine weitere Schnulze hart an der Grenze zum Kitsch - geht auf einen Song von Jim Kennedy zurück. "The Levee's Gonna Break" wurde 1929 Kansas Joe & Memphis Minnie zugeschrieben, und "Someday Baby" wurde, meist unter dem Titel "Worried Life Blues", vielfach gecovert, unter anderen von Muddy Waters, Chuck Berry, Eric Clapton, The Animals und Dylan himself. Das alles habe ich aus dem Internet, ohne zu wissen, was ich mit diesem Wissen anfangen soll.

Und dann ist da noch die Geschichte mit Henry Timrod. Losgetreten wurde sie von der in South Carolina erscheinenden Zeitung "The State". Timrod lebte in South Carolina. Er war Herausgeber einer Tageszeitung, er hatte Tuberkulose, und er starb 1867 im Alter von 39 Jahren. Während der Schreckenszeit des Bürgerkriegs soll er als der Südstaatenpoet gegolten haben. Nun hat ein Google-Sucher herausgefunden, daß sich Dylan in "Modern Times" mindestens zehnmal bei Timrod bedient habe: "Many of the lyrics on that album bear some strong echoes of the poems of Timrod." Diese Enthüllung hat nicht nur eine Plagiatsdiskussion im Internet entfacht, es wurde auch die Frage erörtert, was denn im Sinne der politischen Korrektheit davon zu halten sei, daß Dylan sich ausgerechnet auf einen Poeten der Konföderierten - also der Sklavenhalter - beziehe. Eine saudumme Frage, wie jeder weiß, der die Chronicles gelesen hat, denn die Frontlinien des amerikanischen Bürgerkrieges verliefen in Dylans Wahrnehmung nicht einfach nur zwischen den Nord- und den Südstaaten - die Guten im Norden, die Bösen im Süden. Ach, übrigens: Melodie und Refrain von "Nettie Moore" gehen auf eine Vorlage aus dem Jahr 1857 zurück. Das habe ich von Martin Schäfer beziehungsweise aus der "Neuen Zürcher Zeitung". Aber muß ich das haben? Muß man das wissen?

Mit den Alten hatte doch alles begonnen. Ihre Lieder hatte Dylan sich auf eine vom ersten Moment an unverwechselbare Weise angeeignet. Erst nachdem er diese Schule durchlaufen hatte, fand er zu seinen eigenen Songs, die ihn schließlich auf jenen Olymp beförderten, den er nun gemeinsam bewohnt mit den großen Alten des Blues, der Folk- und der Countrymusik. Nun, wo er seinen Beitrag zum Ganzen geleistet hat, kehrt er zurück zu den alten Standards. Das begann mit den bluesgetränkten Alben von "World Gone Wrong" und "Good As I Been To You". Dann kamen Swing-Jazz-Elemente hinzu, eine Prise Rockabilly und einige Schnulzen im Broadway-Format. Das Album "Love and Theft", dessen Titel alle Diebstahlsbeschuldigungen, denen das nachfolgende Album ausgesetzt sein sollte, ahnungsvoll vorwegnimmt, lebt von den vielen Rückgriffen auf den Sound der 1920er, 30er, 40er und 50er Jahre. Das neue Album verstärkt dieses Konzept noch einmal, sicherlich auch, weil Dylan, seit er an seiner Radio-Show zu arbeiten begann, auf die Musik dieser Jahre fokussiert ist. Das sieht auch Daniel Kothenschulte in der "Frankfurter Rundschau" so: "Dylan zieht es zurück an die Wiege des klassischen amerikanischen Songwriting, deren letzter Großmeister er zugleich ist."

Man kann diese Rückbesinnung auf die Tradition durchaus in einen politischen Kontext stellen. Während sich die Neokonservativen in den USA auf den Kampf der Kulturen im globalen Maßstab einstimmen, ist der Kampf um Kultur an der Heimatfront längst entbrannt. Selbst in der traditionell konservativen Countryszene werden Themen besprochen und besungen, die den Rahmen der Countrytradition sprengen: "Country music has become a cultural battleground", registriert die "New York Times". Viele US-Bürger, die sich dem fundamentalistisch-republikanischen Mainstream nicht zurechnen, beginnen sich unter dem Eindruck der globalen Abwertung, die ihr Land erfährt, zu fragen: Was heißt es eigentlich heute, Amerikaner oder Amerikanerin zu sein? Eine tief verunsicherte Bevölkerung ist auf der Suche nach Selbstvergewisserung: "Shame on your greed, shame on your wicked schemes/ I'll say this, I don't give a damn about your dreams", singt Dylan in "Thunder on the Mountain", dem, nebenbei gesagt, besten Eröffnungssong seit langem. Es geht um die Überprüfung von Traditionen. Die neue Platte, wie auch die Radio-Show, kann man als einen Beitrag zu dieser Rückbesinnung, die mit Nostalgie nichts zu tun hat, sehen beziehungsweise hören.

In dieser Tradition steht auch "Working Man's Blues #2". Musikalisch ein starkes Stück. Wie überhaupt auf dieser Platte mehr denn je das Musikalische dominiert, während die Lyrics erst verspätet ihre Bedeutung entfalten. "Working Man's Blues #2" ist einer von den drei Songs, die herausragen. Ich muß gestehen, daß ich noch nicht so richtig verstanden habe, worum es eigentlich geht. Es handelt sich wohl um zwei, wenn nicht gar drei Songs in einem. Nur die Zeilen, die sich auf den Songtitel beziehen, erzählen eine Geschichte, die eindeutig ist. Dylan befaßt sich mal wieder mit Fragen der politischen Ökonomie. Das hat er explizit zuletzt 1983 in seinem Song "Union Sundown" auf "Infidels" getan.

Zwei Grundannahmen prägen Dylans Wahrnehmung der politisch-ökonomischen Verhältnisse. Erstens: "Democracy don't rule the world." Zweitens: "Capitalism is above the law." Das ist keine schlechte Arbeitsgrundlage für einen, der sich ein paar Platten zuvor noch gebrüstet hatte: "I don't care about economy."

"Union Sundown" war das Klagelied eines frustrierten Konsumbürgers, der Mitte der 1980er Jahre die Folgen der Globalisierung zu bemerken beginnt, ohne jedoch die Mechanismen der entfesselten Ökonomie zu begreifen: Alles, was er kaufe oder zu kaufen beabsichtige, sei überall sonst, nur nicht in den USA hergestellt, lamentierte der Sänger. Die Taschenlampe sei "made in Taiwan", das Tischtuch "made in Malaysia", sein Hemd sei auf den Philippinen genäht und sein Chevrolet in Argentinien zusammengebaut worden.

Nun, in "Working Man's Blues #2", wendet er sich von den Produkten ab und den Produzenten zu: "The buying power of the proletariat's gone down / Money's getting shallow and weak." stellt er fest. Und was ist der Grund? "They say low wages are a reality / If we want to compete abroad." Der Mann ist gut informiert. Doch er begnügt sich nicht mit der Beschreibung der polit-ökonomischen Realität. Er beklagt nicht nur den Kaufkraftverlust des Proletariats, er betrauert auch den Untergang einer Kultur, der Blue-Collar-Kultur. "Some people never worked a day in their life / Don't know what work even means." Dabei verhehlt der Sänger nicht, bei wem seine Sympathien sind. Ein Protestsong? Ein politisch Lied? Dylan würde das heftig bestreiten. Es ist ein klassischer Folksong. Ein Song in der Tradition von Woody Guthrie, Cisco, Dave Van Ronk und vielen anderen: Folk ohne Lore.

Der Schlußsong, "Ain't Talkin'", steht in der Gunst der Kritiker am höchsten. Das überrascht, denn Dylans apokalyptische Visionen lösen gewöhnlich bei Kritikern Abwehrreaktionen aus. Doch diesmal sind sie bereit, dem deprimierenden Gang in "the mystic garden" zu folgen. Der Song zieht runter. "I'm trying to love my neighbor and do good unto others / But, oh mother, things ain't going well." Mit Tränen in den Augen torkelt der Sänger "heart burning, still yearnin'/ In the last outback, at the world's end." Kurt Vonnegut, dessen apokalyptische Weltsicht die Dylans noch übertrifft, kennt nur ein spezifisches "Heilmittel für die weltweite Epidemie der Depression": den Blues ("Rolling Stone", 9/06). "Man muß sich klarmachen", sagt er, "daß das unbezahlbare musikalische Geschenk, das uns die Afro-Amerikaner gegeben haben, inzwischen fast der einzige Grund ist, weshalb uns manche Ausländer immer noch tolerieren." Da ist was dran.

Bob Dylan: Modern Times. Sony/BMG

Günter Amendt schrieb in KONKRET 9/06 über Bob Dylans Radio-Show

KONKRET Text 56


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Literatur Konkret Nr. 36