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36 Jahre Konkret CD

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Heft 08 2007

Kendra Briken

Familie wird gemacht

Es geht voran - Ursula von der Leyen, Silvana Koch-Mehrin und andere Schwestern Eva Hermans haben den "konservativen Feminismus" für sich entdeckt

Nachhaltige Familienpolitik im Interesse einer aktiven Bevölkerungspolitik" ist so neu nicht. Schon 2003 veröffentlichte das zuständige Ministerium zur Überwachung und Sicherung des Deutschen Volkes so betiteltes Gutachten. In ihrem Vorwort betonte die damalige Familienministerin Renate Schmidt, daß "der Charme einer Familie" für jeden einzelnen von uns "keiner Begründung" bedürfe. "Das Neuartige" des Berichts aber sei, daß er den "ökonomischen Charme" der Familie belege. Eine "Allianz für Familie" zu initiieren, die zum Ziel hat, "Familienfreundlichkeit zum Markenzeichen deutscher Unternehmen" zu machen, war da nur folgerichtig. Der 2005 erschienene siebte Familienbericht schließlich wird noch deutlicher: Fortpflanzung nutzt der Gesellschaft, denn "in familialer Solidarität erbrachte Unterstützungs- und Pflegeleistungen entlasten die sozialen Sicherungssysteme".

Die Sache hat allerdings einen Haken. Familie ist, wo Kinder sind. Ein Blick auf das Volksgebiet zeigt freilich: Viele Kinder gibt es nur in Gegenden, die nach Meinung der Volksvertreter ihrem Volk so gar nicht nutzen. Sie wachsen darüber hinaus in Familien auf, deren Reproduktionsleistungen sich zunehmend der staatlichen Kontrolle entziehen. Auch sind Alleinerziehende, Unterschichtler/innen oder Patchworknetzwerke in dieser Perspektive schlicht nicht leistungsfähig genug. Schlechte Voraussetzungen also, um Familien als Leistungsträger zu ökonomisieren und die reformgeschwächten Sicherungssysteme zu entlasten.

Was für Rotgrün politisch-konzeptionell nicht (mehr) zu lösen war, geht die Übermutter der Nation, Familienministerin von der Leyen, mit klaren Vorstellungen an. Das Private ist politisch? Aber sicher - also macht von der Leyen sich selbst zum Rollenmodell ihrer Politik. Eingebettet ist ihr Programm in einen hegemonialen Diskurs, der noch in seinen vermeintlichen Differenzen als gemeinsamen Nenner rechtskonservative, neoliberale und nationalistische Ideen verfolgt. So sind etwa die selbsternannten Retter Deutschlands, die neokonservativen Publizisten Schirrmacher, Matussek, di Fabio, Kirchhof und Eva Herman, mit der Idee der Förderung von Frauen und Frauenerwerbstätigkeit durchaus nicht einverstanden. Einig sind sie sich aber mit von der Leyen darin, daß Familie, Nation und Kirche wiederbelebt werden müssen. Das Ideal einer "neuen Bürgerlichkeit", geboren aus "Nationalgefühl, Treue, Ehre, Glaube, Familienglück auf Grundlage der Ehe", leitet das "Biedermeier-Komplott" an, wie die Kölner Publizistin Claudia Pinl zutreffend befand - und verstärkt damit die Akzeptanz der aktuellen Familienpolitik. Denn ohne einen starken konservativen Moraldiskurs, der das Volk in die individuelle soziale Verantwortung nimmt und den Staat weitgehend aus ihr entläßt, ist diese kaum praktikabel. Neben Antiraucher- und "Fit statt fett"-Kampagnen wird auch die moralische Stärkung der Familien durch ein "Bündnis für Erziehung" zentrale Staatsaufgabe: "Werte wie Respekt, Verläßlichkeit, Vertrauen und Aufrichtigkeit sind Leitplanken, die unseren Kindern helfen, ihren Weg ins Leben zu finden", sagt Ursula von der Leyen in der Begründung des Programms (2006).

Im Zentrum der Leyenschen Politik steht allerdings die beruflich erfolgreiche deutsche Frau mit Kindern. Davon gibt es ihrer Ansicht nach zu wenige. "Wir müssen unser Land für die Frauen verändern", lautet deshalb die jüngste Betreuungsanleitung. In einem Gespräch mit Maria von Welser, das jüngst in Buchform erschien, argumentiert die Gralshüterin der deutschen Familie in bekannter Manier mit einem Mix aus Privatheit ("Meine Kindheit war wie eine Insel") und vermeintlicher Streitbarkeit ("Unser Steuersystem ist ungerecht zu Frauen"). Von der Abtreibung über die Bulimie bis zur "Zeitsensibilität" - für jeden Geschmack finden sich da ein paar Seiten Empörung, Empathie und Entschlossenheit. So suggeriert das Buch, es richte sich an "alle Frauen", meint doch aber immer nur die eine: Karrieremutter mit Mutterkarriere.

Das dahinterstehende Familienmodell bewahrt, wenig überraschend, das Bild der bürgerlichen Familie. Sie erscheint insofern modernisiert, als Papa und Mama sich nun "auf Augenhöhe" begegnen sollen. Für die "gebildete Mittel- und Oberschicht" heißt dies: Die Reproduktionsarbeit wird so weit wie möglich ausgelagert. Diese Entlastung muß man sich leisten können, und so basiert die Idee des "gleichberechtigten Paars", das voneinander unabhängig, aber durch die Kinder möglichst lebenslang verbunden ist, vor allem auf dem Verkauf der eigenen und dem Zukauf fremder Arbeitskraft.

Diese horizontale Umverteilung ist beispielhaft für das Leyensche Reformmodell: Familien sollen gegenüber Paaren ohne Kindern gleichgestellt werden, Frauen gegenüber Männern, ohne daß dabei die Wohlhabenden den Ärmeren etwas abgeben müßten. Und so wird die prekäre soziale Lage Alleinerziehender in den 18 Dialogen des Buchs zwar thematisiert, der Empörung über die Situation folgt freilich rasch eine beinah schon zynische Programmatik: Frauen sollen ihren Job nicht aufgeben, denn sie sollen in der Lage sein, entweder die Arbeitslosigkeit des Mannes zu kompensieren oder nach einer Scheidung auf eigenen Beinen zu stehen. Wunderbar, da lohnt sich Leistung wieder, und die sozialen Sicherungssysteme werden auch entlastet. Schicker Nebeneffekt: Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit und der Organisation der eigenen familiären Reproduktionssphäre werden nahezu unmöglich.

Ähnliches vertritt auch die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin, die in ihrem komplett irreführend betitelten Buch "Schwestern. Eine Streitschrift für einen neuen Feminismus" zeigen möchte, "wie lohnend es ist, sich für die Lebensqualität der Frauen" zu engagieren. Auch hier ist Frau gleichbedeutend mit der Autorin selbst, das politische Programm dementsprechend ganz liberal.

"Cherrypicking" heißt ihre Zauberformel, und im pluralis majestatis fordert sie: "Wir wollen" Kleinkindbetreuung aus Schweden, Ganztagsschulen aus Frankreich, private Elitefrauencolleges, Männerquoten und vieles mehr. Schade, daß Weihnachten noch weit ist. Aber was hat das mit Feminismus zu tun? Ähnlich wie bei von der Leyen (aber auch bei Thea Dorn und anderen) wird ein vermeintlich neuer Feminismus den Vertreterinnen des "alten Feminismus" gegenübergestellt. Der Clou der Argumentation liegt darin, daß man damit ein neues Ordnungssystem erstellt. Frauenpolitische Forderungen, die zumeist aus den siebziger Jahren stammen (oder sogar noch älter sind) und die immer schon Teil feministischer Bewegungen wie Theorien sind, können auf diese Weise in konservative Modelle eingefügt werden. "Feminismus ist heute richtig, wenn es um das Aufbrechen überkommener Rollenklischees geht, die Männer und Frauen daran hindern, so zu leben, wie sie es sich wünschen", sagt von der Leyen; Koch-Mehrin will "keinen Feminismus der Frauen gegen die Männer", sondern "mit den Männern" - auf die soll man sich endlich mal verlassen können. "Konservativer Feminismus" ("FAZ") wird dann ein Konzept, auf das sich von der Leyen, obwohl sie sich nicht für eine Feministin hält, einlassen kann. Bleibt abzuwarten, ob durch diese verbale Volte der Feminismus endgültig (und nicht nur durch Alice Schwarzer) hegemonial eingehegt und demnächst Eva Herman auf Wikipedia als "Feministin, konservative" geführt wird. Vielleicht aber sind bald, wenn von der Leyen ein bißchen feministisch wird, auch wieder mehr Frauen ein bißchen schwanger.

In den konservativen Konsens reiht sich auch Iris Radisch, die sich bereits im vergangenen Jahr mit der "Zeit" auf die Suche nach einem neuen Feminismus gemacht hatte. Fündig geworden ist sie offensichtlich nicht - jedenfalls nicht da, wo sie gesucht hat: in ihrer eigenen Biographie. In ihrem Buch "Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden" geht sie - ebenso wie die Neokonservativen - zunächst von einem Untergangsszenario aus: Die Deutschen sterben aus, und Kinder bekommen die Falschen. Das führt dazu, daß immer mehr familiäre Notfallkliniken entstehen, das heißt Lebensformen jenseits der bürgerlichen Familie. Schuld ist die Pille, die aber zugleich auch Frau Radisch eine ausführliche Heidegger-, Hegel- und Schelling-Lektüre erlaubt hat. Nun geht es darum, die Familie zu retten - weil es draußen in der Welt schon bös genug zugeht und die Familie der einzige Ort in der Gesellschaft ist, wo nicht nach Kosten-Nutzen gerechnet wird. Das Problem: "Die Doppelernährerfamilie hat kein Familienleben." Zwar folgert Radisch durchaus richtig, daß von der sogenannten Vereinbarkeit von Beruf und Familie nur die Arbeitswelt profitiert. Zugleich fehlt ihr aber ein politischer Ansatz, der ihr erlaubte, über ein diffuses Unbehagen und Appelle à la "Liebe, Arbeit und Kinder werden sich nicht länger ausschließen" hinauszukommen.

Ob nun ein "Spiegel Special" "Sehnsucht nach Familie - Rückkehr eines Lebensmodells" titelt oder Kinder in der Werbung verkünden, daß sie später Spießer werden wollen; ob die "Zeit" feststellt, daß gegen die Natur der Gene bei der Kindererziehung nicht anzukommen ist oder die selbsternannte RTL-Dschungelqueen Désirée Nick "Eva go home" fordert: Manchen Beteiligten scheint angesichts der teils ja durchaus berechtigten Forderungen, etwa der nach einer verbesserten Infrastruktur der Kinderbetreuung, zu entgehen, daß gerade das Kinderthema Bestandteil eines Diskurses ist, der konservative Vorstellungen von Familie und Geschlechterbeziehungen revitalisiert. Die neue Moral wendet sich direkt an die Subjekte und verspricht ihnen die Möglichkeit, den Umbau der Gesellschaft und die damit verbundenen Friktionen zu handhaben (etwa: Familiengründung). Kapitalistische, rassistische und reaktionär-ideologische Interessen vermischen sich, ihnen gemeinsam ist, daß sie Macht- und Interessenkonflikte leugnen und von der sozialen Realität ablenken. Zugleich werden Ideologeme wiederbelebt wie "Mütter gehören zu ihren Kindern", "Die Frauenemanzipation ist am Geburtenrückgang schuld" oder "Ich bin stolz, Deutsche(r) zu sein". Claudia Pinl resümiert: "Der Stammtisch lebt, und er ist dabei, die Lufthoheit über den Rest der Republik zu erobern."

Claudia Pinl: "Das Biedermeier-Komplott. Wie Neokonservative Deutschland retten wollen" Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2007, 176 Seiten, 15 Euro

Silvana Koch-Mehrin: "Schwestern. Streitschrift für einen neuen Feminismus" Econ, Berlin 2007, 224 Seiten, 18 Euro

Iris Radisch: "Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden" DVA, München 2007, 192 Seiten, 14,95 Euro

Maria von Welser/Ursula von der Leyen: "Wir müssen unser Land für die Frauen verändern" C. Bertelsmann, München 2007, 224 Seiten, 16 Euro

Désirée Nick: "Eva go home" Fischer, Frankfurt a. M. 2007, 176 Seiten, 7,95 Euro

Kendra Briken schrieb in KONKRET 12/06 über führende Frauenversteher

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Literatur Konkret Nr. 36