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Svenna Triebler
Evolutionslehre
Wie läßt sich das miserable Abschneiden der SPD bei der Bundestagswahl verstehen?
Eines der Ergebnisse der Bundestagswahl ist dieses: Während die SPD als Quittung für ihren Klassenkampf von oben die schwerste Wahlniederlage ihrer Geschichte kassierte, ist der große Sieger in Gestalt der FDP ausgerechnet diejenige Partei, die mit dem Versprechen antrat, den von Rotgrün begonnenen Sozialstaatsabriß konsequent zu Ende zu führen.
Dies könnte - nachfragende Schüler vorausgesetzt, von denen es aber dank moderner Bildungspolitik und Ritalin gottlob nur noch wenige gibt - so manchen Sozialkundelehrer in Erklärungsnöte in Sachen Sinn und Zweck der parlamentarischen Demokratie bringen. Glücklicherweise kann sich unser hypothetischer Pädagoge in diesem Fall den Trend zunutze machen, für jeden Vorgang im menschlichen Miteinander nach Parallelen in Flora und Fauna zu forschen; gerade im Darwin-Jahr läge es daher nahe, Zuflucht bei Erklärungsmustern aus der Evolutionsbiologie zu suchen.
Danach ließe sich das Wahlergebnis so interpretieren: Die Spezies SPD, aufgrund ihrer Entwicklungsgeschichte angepaßt an das Biotop "Sozialstaat", stellt unter den veränderten ökologischen (man setze: ökonomischen) Bedingungen ein Auslaufmodell dar und wurde nunmehr im Prozeß der natürlichen (man setze: parlamentaristischen) Auslese von der besser an die ökologische Nische des Haudraufkapitalismus angepaßten FDP verdrängt.
Aufsässige Schüler könnten nun einwenden, wenn man in diesem Bild bleiben wolle, habe die SPD die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage aber größtenteils sich selbst zuzuschreiben. Eine an aktuellen Diskursen geschulte Lehrkraft sollte sich durch solcherlei Genörgel aber nicht aus der Ruhe bringen oder gar zu der Bemerkung hinreißen lassen, daß dies ja dem gängigen Verhaltensrepertoire des Homo sapiens entspreche und somit völlig natürlich sei (denn das könnte Widerspruch herausfordern). Eine unbedenklichere Analogie findet sich nämlich in einem beruhigende zweieinhalb Milliarden Jahre zurückliegenden Abschnitt der Erdgeschichte.
Zu jener Zeit hatten einige Vertreter der damals die Erde besiedelnden Einzellergesellschaft ein revolutionäres Konzept entwickelt: die Nutzung der Sonnenenergie. Das Wort "Technikfolgenabschätzung" war dummerweise noch nicht erfunden, und so konnte niemand die verheerenden Folgen für die Umwelt erahnen - denn die neue Technologie setzte ein bis dahin unbekanntes, äußerst aggressives Zellgift in die Atmosphäre frei: Sauerstoff.
Beinahe wäre dies schon wieder das Ende des noch jungen Lebens auf der Erde gewesen, hätte die Evolution nicht gerade noch rechtzeitig einige der herkömmlichen Zellen mit der Fähigkeit ausgestattet, den Sauerstoff nicht nur zu neutralisieren, sondern ihn sogar für den eigenen Stoffwechsel zu nutzen, wobei lediglich das unschädliche Gas Kohlendioxid freiwurde.
Für unsere Unterrichtslektion interessant ist insbesondere die weitere Geschichte der an der grünen Färbung ihrer lichtabsorbierenden Moleküle erkennbaren Solarnutzer. Diese wurden nämlich zu einer beliebten Nahrung der Sauerstoffatmer - bis diese darauf kamen, daß sie als funktionsfähige Kraftwerke doch sehr viel nützlicher waren. Die Grünen wurden von da an zwar geschluckt, aber am Leben gelassen, und entwickelten sich zu sogenannten Endosymbionten, wobei sie im weiteren Verlauf der Evolution ihre Fähigkeit zum eigenständigen Überleben vollständig verloren. Heute kennt man sie als Chloroplasten, die in den Zellen unserer Grünpflanzen für die Photosynthese zuständig sind.
Unsere Lehrkraft könnte diesen kleinen Exkurs zu zweierlei nutzen: Zum einen ließe sich daraus die Moral ziehen, daß Revolutionen eine riskante Sache sind, von der man besser die Finger läßt, und daß man, wenn man es dennoch versucht, sich stets die Option offenhalten sollte, wieder bei den Etablierten unterzukriechen. Zum zweiten bietet es sich an, als Hausaufgabe nach Parallelen in der heutigen Parteienlandschaft suchen zu lassen.
Aber zurück zum Ausgangsthema der Unterrichtsstunde. Wir haben es bei der SPD also mit einer bedrohten Spezies zu tun. Hier ließe sich nun die Frage erörtern, ob ihr ein Platz im Washingtoner Artenschutzabkommen gebührt oder ob man es mit ihr halten sollte wie mit der Stechmücke - wäre die gefährdet, würde das ja auch keinen noch so engagierten Artenschützer aus dem Sessel reißen.
Die restlichen 15 Minuten bis zum Pausengong lassen sich mit einer Diskussion darüber füllen, ob beziehungsweise unter welchen Bedingungen die SPD auch ohne äußere Eingriffe dem Aussterben entgehen könnte. Dagegen spricht, daß ihre ursprüngliche ökologische Nische inzwischen fast vollständig verschwunden und deren trauriger Restbestand mittlerweile von der eng verwandten Art Die Linke (Sinistra lafontainii) besiedelt ist. Allerdings wäre noch zu klären, ob es sich tatsächlich um verschiedene Arten oder aber lediglich Unterarten der gleichen Spezies handelt, denn dieser Unterschied könnte über die Zukunft der deutschen Sozialdemokratie entscheiden.
Zur Verdeutlichung auch hier wieder ein Beispiel aus der Biologie: Der gewöhnliche Giraffenforscher (Giraffologicus vulgaris) beschäftigt sich damit, sein Untersuchungsobjekt in verschiedene Unterarten einzuteilen und über deren Zahl mit seinen Kollegen zu streiten - die Bandbreite reicht von drei bis elf -, der Zoologe David M. Brown hingegen postulierte vor einigen Jahren, es handele sich bei den Giraffen um (insgesamt sechs) voneinander getrennte Arten.
Man könnte diese Diskussion achselzuckend zur Kenntnis nehmen, denn die feinen Unterschiede, feststellbar an leicht voneinander abweichenden Fleckenmustern, sind ohnehin nur für Giraffen und die für sie zuständigen Experten erkennbar und von Belang. Allerdings geht es für letztere dabei immerhin um ihr wissenschaftliches und für erstere gar um ihr physisches Überleben, und außerdem verhält es sich mit der SPD und den auf sie spezialisierten Parteienforschern ganz ähnlich - wer sonst wäre schließlich in der Lage, markante Unterschiede zwischen dem linken und dem rechten SPD-Flügel auszumachen?
Wenn es sich bei den verschiedenen Giraffenpopulationen lediglich um Unterarten handelt, wären sie in der Lage, gemeinsam fruchtbare Nachkommen in die Welt zu setzen; im Fall voneinander getrennter Arten wäre dies nicht oder zumindest nur schwer möglich, was die Überlebensaussichten der Giraffen insgesamt natürlich schmälern würde.
Langen Giraffenhalses kurzer Sinn: Relevant für die Sozialdemokratie ist die Frage, wie eng die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen ihren Arten oder aber Unterarten SPD (mit den Subspezies linker und rechter Flügel) und Die Linke sind. Falls die beiden sich als miteinander paarungsfähig (und -willig) erweisen, brauchen sich Artenschützer vorerst keine Sorgen zu machen, und Evolutionsbiologen können getrost prognostizieren, daß sich das Erscheinungsbild der Art in Richtung des Subtypus lafontainii homogenisieren wird. Im anderen Fall hat wohl allein letzterer eine Chance im Kampf ums Dasein - vielleicht mit den Resten des linken SPD-Flügels als Endosymbionten. Also als so etwas wie die Chloroplasten in den Zellen des Gummibaums auf unserer Fensterbank.
Und nächstes Mal erklären wir an dieser Stelle anhand der Newtonschen Gesetze, warum Geld immer nach oben fällt.
Svenna Triebler schrieb in KONKRET 9/09 über den Ernst des Wahlkampfs
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