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36 Jahre Konkret CD

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Heft 04 2009

Erwin Riess

EIN TOTER GEHT VORAN

Kärnten bleibt Kärnten, auch ohne Haider.

1. März 2009. Landtagswahlen in Kärnten. Korrespondenten aus der ganzen Welt werden akkreditiert. Wird die rechtsradikale Abspaltung von der rechtsextremen FPÖ, das "Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ)", nach dem Tod seines Anführers Jörg Haider zerfallen? Übernehmen die Sozialdemokraten, die das Land vier Jahrzehnte lang regierten, wieder die Macht?

Bei den letzten Landtagswahlen hatte Haider 42 Prozent der Stimmen erreicht, die SPÖ lag bei 39. Der Wahlkampf des Jahres 2009 geriet zu einer bislang in Österreich unerreichten Materialschlacht. Von jedem Straßenbaum grinsten die drei Freunde des größten Kärntners aller Zeiten. Allgegenwärtig die Anrufung des im heroischen Abwehrkampf gegen 1,8 Promille und eine verbrecherische Betonmauer unterlegenen Führers. "Wir passen auf dein Kärnten auf. Garantiert!" Auf dem Wahlzettel stand: "Liste 1. Die Freiheitlichen in Kärnten. Liste Jörg Haider. BZÖ". Tote gehen voran. Die Schuldigen für den Unfall sind rasch gefunden: Freimaurer, Slowenen, der Mossad. Die Notärztin, die den toten Haider vorfindet, wird, da früher mit einem Juden verheiratet, mit Morddrohungen bedacht. Autobahnbrücken und Stadtparks tragen nun den Namen Jörg Haider. Der Unfallort wird zur Kärntner Walhalla ausgebaut, das Wrack von Haiders VW-Phaeton kommt in ein Museum. Ein bizarrer Totenkult treibt täglich neue Blüten.

Seit zwei Jahren gibt es in Kärnten keinen gültigen Haushalt. Industriebetriebe entlassen Hundertschaften von Mitarbeitern. Die Landesbank muß vom Staat aufgefangen werden. Jugendliche mit Abitur flüchten schockweise nach Laibach, München, Salzburg, Graz und Wien. Im Wahlkampf war von alldem keine Rede. Statt dessen wurden tschetschenische Asylbewerber zum Schutz der Volksgenossen "in einer Sonderanstalt in den Bergen konzentriert" (O-Ton Landeshauptmann Dörfler). Der Mann versprühte Negerwitze, Slowenenhetze ("eine Sprache ohne Sinn") und aggressiven Provinzialismus ("die Kärntner Bevölkerung ist mir wichtiger als der Rechtsstaat").

Ach ja, das Wahlergebnis: BZÖ 45 Prozent, SPÖ 28, eine Zertrümmerung der Partei. Der dröge Apparatschik Reinhart Rohr, der seinen Wahlkampf mit dem Slogan "Volles Rohr" bestritt und sich vehement gegen zweisprachige Ortstafeln aussprach, hat jetzt die Hosen voll. Aus diesem Grund wird er von der glorreichen Landespartei bestätigt. O-Ton: "Ein Rohr läuft nicht davon, sondern wird zukünftige Chancen optimieren."

Die Rechten halten Mehrheiten bei Arbeitern (rund 90 Prozent), Jungwählern, Pensionisten und Frauen. Die Grünen übersprangen mit Mühe die Fünf-Prozent-Hürde und dürfen wie die ÖVP weiterhin Feigenblatt für ein Land im Ausnahmezustand spielen. Haider lebt, hieß es in der Weltpresse. Das ist falsch. Ein lebender Haider hätte im Kärnten des Jahres 2009 die Zweidrittelmehrheit erreicht.

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Literatur Konkret Nr. 36