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36 Jahre Konkret CD

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Heft 01 2005

Martin Krauß

Dynamo Deutschland

Kapital und Regierung planen zusammen für die Fußballweltmeisterschaft 2006

Da hat das Ausland uns mal wieder unterschätzt. Wir, die Deutschen, freuen uns nämlich ganz unbändig auf die Fußballweltmeisterschaft, die 2006 in Deutschland stattfindet. Und das Ausland, diesmal in Gestalt des Weltfußballverbandes Fifa und seiner Rechteagentur Infront, hat bislang nur an die üblichen Vermarktungswege gedacht: Verkauf der Fernsehrechte, Sponsorenakquise, Ticketverkauf etc. Aber nicht daran, wie herrlich fußballverrückt wir Deutschen doch sind. "Bürgermeister und Minister warten seit Monaten auf Preise und Regularien für die Lizenzvergabe für das sogenannte Public viewing", schreibt die "Frankfurter Allgemeine". Es geht nämlich um Fußballübertragungen auf Marktplätzen, in Shopping-Malls und größeren Hallen. Es geht also um das Gemeinschaftsgefühl, das uns heimsuchen soll, wenn Klinsmanns Jungs Tore erzielen (wir jubeln), wenn sie böse gefoult werden (wir schimpfen) oder wenn sie knapp vorbei schießen (wir leiden). "Der politische Wille hat sich längst formiert zur Übertragung des Fußballs in die Tiefe des öffentlichen Raums", heißt es weiter in der "FAZ". "Bund, Länder und Gemeinden wollen die Aufmerksamkeit der Welt zu einer Standortkampagne nutzen."

Es ist so, wie es dargestellt wird: Der Staat überlegt sich, wie die Gesellschaft wohl am besten zusammenrückt, damit sie sich wohlfühlt. Das Ergebnis soll sein, daß die rotgrüne Bundesregierung vier Jahre weitermachen darf, denn 2006, zehn Wochen nach Beginn der Fußball-WM, ist Bundestagswahl. Und außerdem soll, so heißt es zumindest, das Ausland uns wieder liebhaben.

"1. FC Deutschland 06" heißt die Kampagne, zu deren Konzeption Gerhard Schröder und der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Michael Rogowski, ins Kanzleramt eingeladen hatten. Es kamen ein paar Konzernchefs, die finanzielle Unterstützung versprachen. Von dem Geld soll der Regisseur Sönke Wortmann, der schon mit dem "Wunder von Bern" gezeigt hat, wie sehr er die Gemeinschaftsbildung durch Fußballweltmeisterschaften begriffen hat, einen "bildgewaltigen Werbefilm" ("Bild") drehen, der das "Wirtschaftswunder von Berlin" ("FAZ") visualisiert. Schließlich geht es um "die ganz große Deutschland-PR" ("FAZ").

Nur, wie wirbt man für den Standort Deutschland? Zumal, wenn "das Land in all seinen Facetten dargestellt werden" soll, wie ein Sprecher des beteiligten Tui-Konzerns erklärt?

Immerhin ist Sepp Blatter schon begeistert, und der Schweizer ist ja Fifa-Präsident. "Bundeskanzler Schröder und sein Innenminister Schily treiben die Vorbereitungen für die WM 2006 mit fast noch größerer Intensität voran als die anstehenden politischen Reformen", freut er sich in der "Neuen Zürcher Zeitung". Aber vielleicht hat Blatter ja das 60seitige Papier, das in des Kanzlers und des BDI-Chefs geselliger Runde diskutiert wurde, nicht zu Ende gelesen. "Die Rede ist von ›Schuhplattler-Events‹ im Ausland, deutschen Trachtengruppen als Botschaftern, Rundschreiben an ausländische Medien, Veranstaltungen und Einladungen", schüttelt sich sogar die "Welt am Sonntag", "mit denen die ausländische Öffentlichkeit mit Deutschland vertraut gemacht wird." Und natürlich noch ein Sönke-Wortmann-Film. Eine Beraterfirma empfiehlt "eine typisch deutsche Herangehensweise als Differenzierungsfaktor im globalen Wettbewerb". Die mag man sich besser nicht vorstellen.

Einige Herren aus jenem Bereich der deutschen Industrie, der besonders in den Weltmarkt integriert ist, fehlten denn auch im Kanzleramt. Jürgen Schrempp von Daimler-Chrysler ebenso wie seine Kollegen von Lufthansa, BMW oder der lustige Wendelin Wiedeking von Porsche. Daß so das Image des deutschen Standorts im Ausland nicht gerade korrigiert wird, dürfte diesen Herren schon klargeworden sein, und vielleicht wissen das sogar Rogowski und sein Schröder.

Je länger man sich nämlich den ganzen Sums anguckt, der zur Fußball-WM 2006 gehört, desto mehr gelangt man zur Überzeugung, daß das unmöglich für den Export bestimmt sein kann. Das an Smarties erinnernde Logo, der in etlichen Großstädten aufgebaute Globus für das kaum angenommene Kulturprogramm oder das eine Kreuzung aus Löwe, Giraffe und Teddybär darstellende Maskottchen, das "sprechen, tanzen, interaktiv werden kann" (Franz Beckenbauer). All diese Sachen sind für den deutschen Markt konzipiert, also für deutsche Marktplätze.

Des Kanzlers Berater haben die Tatsache, daß ihr Chef unter dem Kampfnamen "Acker" einmal gefürchteter Mittelstürmer des TuS Talle war, immer noch nicht genügend in die PR einfließen lassen. Im Jahr 2006, gerade wenn Angela Merkel die Herausforderin sein sollte, steckt hier das Potential für den Wahlsieg. Alles was man sonst Schlechtes über Schröder und seine gleichermaßen brutalen wie gescheiterten Reformen sagen kann, ist ja richtig. Und dennoch hat der Kanzler gegenüber Frau Merkel die größere Fußballkompetenz.

Außerdem, so denkt man sich das in den Kreisen, die bei Kanzlers bestimmt Strategiezirkel heißen, gewinnt man mit einem Fußballerfolg Wahlen: Nach der WM 1954 gewann Adenauer die absolute Mehrheit, 1972 zur EM wurde Brandt gewählt, nach der WM 1974 durfte Schmidt Kanzler bleiben, und der WM-Sieg 1990 nutzte Kohl.

So bastelt man sich aus der richtigen Erkenntnis, daß der Fußball nicht vom Himmel fiel, sondern ein durch und durch vergesellschaftetes Phänomen ist, in dem sich politische und gesellschaftliche Strömungen zeigen, zum Teil abbilden, zum Teil sogar auf die Gesellschaft einwirken, seine eigene kleine Welt: Fußball ist einfach, denkt man sich, da sagen wir dem Klinsmann, daß er Weltmeister werden soll, dann drückt der Gerhard den Klinsi an die Brust, und schon wählen die Leute ihn.

Bei der Fußball-WM 1954 saß kein Adenauer und kein Heuss auf der Tribüne. Vielleicht wirkte der WM-Erfolg von 1954 ja gerade deshalb als "Gründung der Bundesrepublik im Wankdorf-Stadion zu Bern", wie der Historiker Arthur Heinrich es formulierte, weil Kanzler, Präsident und Minister da, wo "Deutschland, Deutschland über alles" gesungen wurde, Staatsferne für angeratener hielten.

Aber die doofen Sozialdemokraten verhalten sich wie weiland Erich Mielke oder Elena Ceausescu: Diese beiden Führer der Arbeiterbewegung hielten sich nämlich auch ihre eigenen Fußballvereine, BFC Dynamo Berlin und Dynamo Bukarest, und sorgten mit der Macht, die einem Staatsapparat zur Verfügung steht, dafür, daß diese Vereine auch genügend oft gewannen, in der Annahme, daß die Leute dann zufrieden wären, besser arbeiteten und richtiger wählten.

In der DDR und in Rumänien ist das Konzept, daß aus fußballerischen Erfolgen Zustimmung zum System erwachse, nicht aufgegangen. Und im Ausland fehlten die fußballerischen Erfolge der zwei Dynamo-Klubs sogar ganz. So kann's gehen.

Dann wird womöglich sogar das Bild Schaden nehmen, an das doch auch die CDU glaubt: daß der Kanzler ein fußballverständiger Mann ist und angeblich kein schlechter Mittelstürmer war. "Um es in der Fußballsprache zu sagen", versucht sich Schröders Kanzleramtskollege Rogowski: "Es wäre doch Wahnsinn, wenn jeder seinen eigenen Ball durch die Gegend kickt. So schießt man den Ball nicht ins richtige Tor."

Auf diesen Rogowski geht die Idee vom "1. FC Deutschland 06" zurück, und nicht nur durch die dümmliche Verwendung von Fußballmetaphern läßt er erkennen, daß man hierzulande nicht weiß, was Fußball wirklich ist. Egal, wie unbändig man sich freut.

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Literatur Konkret Nr. 36