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36 Jahre Konkret CD

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Heft 06 2006

Georg Fülberth

Die Antwort des Jakobiners

Warum ein Buch, das in den USA, England, Frankreich, Italien und Spanien ohne Probleme erscheinen konnte, in Deutschland

nicht gern gesehen ist.

Man erinnert sich: Im November 2005 weigerte sich der Verlag C. H. Beck, das Buch Kurze Geschichte der Demokratie von Luciano Canfora zu veröffentlichen, obwohl er sich vorher dazu vertraglich verpflichtet und auch die Übersetzung schon anfertigen lassen hatte (KONKRET 1/06). In Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien und den USA dagegen konnte es ohne Auflagen erscheinen. Der Cheflektor von Beck, Dr. Detlef Felken, berief sich auf ein Gutachten des Bielefelder Historikers Hans-Ulrich Wehler. Dieser wandte sich gegen Canfora, da er den Stalinismus beschönige und die Bundesrepublik herabsetze. Felken bot noch weitere vier Gutachter auf, die er aber nicht namentlich nannte und die sich bislang ihrerseits auch nicht zu erkennen gegeben haben.

Die liberale Presse stimmte Wehler fast unisono zu, obwohl die autorisierte Übersetzung noch gar nicht vorlag. Es gab eine merkwürdige Ausnahme: die "Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland" ("FAZ").

Der Papyrossa Verlag hat nunmehr Canforas Buch übernommen. Eine Zensur fand nicht statt. Alles scheint wieder gut.

Luciano Canfora sieht dies allerdings nicht so. Er hat eine kleine Schrift verfaßt, in der er seine Kritiker - Wehler und die vier Unbekannten (er nennt sie "Die Fünf") - sowie Dr. Felken widerlegt.

Man könnte fragen, ob das sein muß und ob er das nötig hat. Daß Canfora und Wehler in verschiedenen Welten leben, ist ohnehin klar. Die Auffassung, es gebe eine wissenschaftliche Ökumene, in der man dennoch Argumente austauschen kann, mag im allgemeinen richtig sein, in der Bundesrepublik ist sie, wenn es um bestimmte Themen geht, naiv.

Doch gerade für diese nicht Welt-, wohl aber Deutschlandfremdheit muß man Canfora dankbar sein. Indem er seinen Verleumdern (denn darum handelt es sich) antwortet, lernen wir ein wenig über sie (das ist nicht so wichtig), vor allem aber über eine bestimmte ideologiepolitische Konstellation. Versuchshalber soll sie der "post›totalitäre‹ Sonderweg" heißen.

Doch nun der Reihe nach. Canfora ist Philologe und quält uns deshalb mit Flohknackereien. Dabei kommt heraus, daß "Die Fünf" und Dr. Felken offenbar das Buch gar nicht gelesen, sondern nur nach "Stellen" gesucht haben. Diese haben sie auch gefunden: nicht im Original, aber in der deutschen Übersetzung.

Dr. Felken nennt in seinem Scheidebrief an Canfora jeweils eine Seitenzahl aus der italienischen Fassung, sein Tadel aber bezieht sich auf die deutsche. Für einen solchen Täuschungsversuch, der Quellennähe vorspiegelt, gibt es im Proseminar einen dicken roten Strich, im Wiederholungsfall vielleicht sogar einen Ausschluß vom weiteren Studium.

Aufgeflogen ist die Sache deshalb, weil die Übersetzung fehlerhaft ist, und zwar gerade an den "Stellen". Auch das hat Canfora herausgefunden.

Hier bietet sich ein kleiner Exkurs an. Es gibt in Deutschland sehr viele junge Germanist(inn)en und Medienwissenschaftler/innen, die ein Thema für ihre Doktorarbeit suchen. Hier wäre eines: "Die Übersetzungspraxis großer geisteswissenschaftlicher Fachverlage". Diese beschäftigen in der Regel qualifizierte, gewissenhafte und erfahrene Philolog(inn)en. Sie verstehen ihr Handwerk, allerdings auch nur dieses. Wenn sie einen Auftrag erhalten, müssen sie auf den Termin achten. Dennoch besorgen sie sich Fachliteratur und konsultieren Nachschlagewerke. Die Bezahlung ist mäßig. Das Ergebnis ist fast immer ordentlich, allerdings immer nur im ganzen, fast nie im Detail. Wenn es um Einzelheiten geht, wird deren Spezifik oft gar nicht erst wahrgenommen. Sie werden aus einem Kontext heraus erschlossen, zuweilen fast erraten. Dadurch wird das Buch in sich stimmig.

Dies alles ist in der Regel nicht schlimm, denn die fachlich interessierten Leser/innen haben sozusagen ein plastisches Auge: Es korrigiert Schnitzer fast automatisch, weil man weiß, daß man es mit einer Übersetzung zu tun hat.

Hier handelt es sich nicht um ein Problem von C. H. Beck allein. Bei Hanser zum Beispiel war in der ersten deutschen Auflage von Eric Hobsbawms Zeitalter der Extreme - anders als im englischen Original - davon die Rede, daß am 30. Januar 1933 Hitler zum Kanzler "gewählt" worden sei. (Das wurde später verbessert.) Und vor Jahrzehnten las man in einer deutschen Übersetzung von Isaac Deutschers Stalin-Biographie (bei Kohlhammer) von einer "primitiven Anhäufung". Gemeint war die ursprüngliche Akkumulation.

Das mit dem plastischen Auge ist allerdings so eine Sache. Es funktioniert, weil die Leser/innen ein Vorverständnis haben, welches darauf aus ist, etwas von der Sache, die im Text behandelt wird, zu verstehen. Man kann sich umgekehrt gut vorstellen, was passiert, wenn jemand sozusagen den bösen Blick hat, ein Buch partout für fehlerhaft halten will und nach Belegen dafür sucht. Dann liefern die Unschärfen der Übersetzung Vorwände die Menge. Die haben sich Wehler, Felken et alii gut schmecken lassen.

Luciano Canfora krittelt nicht an seiner Übersetzerin herum. Es ist dieselbe wie bei seinem Caesar-Buch. Damals allerdings konnte sie sich auf das Normalverfahren verlassen: Leser wollten etwas über den Untergang der römischen Republik erfahren und suchten keine Stellen.

Weil das so ist, hält sich Canfora also nicht lange bei der Übersetzung auf und wendet sich der Hauptsache zu: den Meinungsunterschieden zwischen seinen Kritikern und ihm, die jene aber nicht als Differenzen der Sichtweise gelten lassen wollen, sondern als Fehler des Autors bezeichnen. In einem Werk von 450 Seiten, das einen Zeitraum von 2.400 Jahren und ganz Europa sowie Nordamerika behandelt, interessieren sie sich nur für zwei Themen: den Kommunismus und die deutschen Dinge. Hier allein sehen sie sich offenbar für kompetent an, und sie lassen sich von einem Hergelaufenen nichts sagen. Pech für sie ist, daß er, wie seine Schrift Das Auge des Zeus belegt, in jedem einzelnen Punkt gegen sie recht behält. Man kann das jetzt nachlesen.

Canforas Mitgliedschaft in einer kommunistischen Gruppe hat seine Gegner so hypnotisiert, daß sie die Grundargumentation seines Buches gar nicht erkannt haben: Sie ist nicht erkennbar marxistisch. Von Politischer Ökonomie scheint dieser Autor nicht stark berührt, er ist wohl eher normativer Idealist als Historischer Materialist. Politisch bedeutet das: Er ist ein Jakobiner. Wenn Liberale einem solchen begegnen, fassen sie sich an den Hals.

Stellen wir uns zur Abwechslung einmal vor, die Einwände, die gegen Canfora vorgebracht wurden, seien zutreffend gewesen. Es sind, soweit sie bislang dokumentiert wurden, 21 angebliche Fehler. Was passiert dort, wo sie in einem dicken Werk tatsächlich vorkommen? Der Verlag wendet sich an den Autor, fragt nach, schlägt vor. Wer jemals ein Buch verfaßt hat, bekam vom Lektorat allemal mehr als solche 21 Hinweise. Im Fall Canfora aber paßte die ganze Richtung nicht. Dr. Felken erzählt, er habe dem Autor zwar Abänderungen vorgeschlagen, sei aber von Anfang an davon ausgegangen, daß man nicht zusammenkommen könne.

Zugestanden: Es gibt das eine oder andere Thema, wo es nicht um falsch oder richtig geht, sondern wo eben Meinung gegen Meinung steht. Am deutlichsten wird es bei der Behandlung des Reichstagsbrands von 1933. Das von Willi Münzenberg initiierte antifaschistische Braunbuch ging davon aus, daß die Nazis das Parlament angezündet haben. Dies ließ sich nicht beweisen. Dagegen spricht, daß am Tatort der Einzeltäter Marinus van der Lubbe in flagranti verhaftet wurde. In der bisherigen Diskussion haben sich danach drei Positionen herausgebildet. Die Vertreter der einen halten die Nazis für unschuldig in der Brandangelegenheit, werfen ihnen aber vor, daß sie sie sich zunutze machten. Andere sind der Meinung, van der Lubbe sei nur eine zündelnde Nebenfigur gewesen, während der Anschlag in der Hauptsache von der faschistischen Führung geplant und veranlaßt wurde. Dritte: Nichts Genaues weiß man nicht. Canfora vertritt die zweite Position und befindet sich damit in der Minderheit. Das passiert ihm mit anderen Thesen ja auch und gehört zur Spezifik seines Buches. Felken und "Die Fünf" dagegen behaupten, er sei im Unrecht, und aufgrund dieser Festlegung liegen sie dann - wenngleich mit einer anderen, von ihnen verabsolutierten These - ebenso wie er falsch oder richtig.

Damit sind wir an dem Punkt angekommen, an dem wir uns Canforas Kritiker ein wenig ansehen sollten.

Mit Hans-Ulrich Wehler wollen wir es gnädig machen, mehr noch: Wir sollten ihn zunächst kräftig loben. Er kann sich auf eine Lebensleistung stützen: die Durchsetzung der Strukturgeschichte in der Bundesrepublik. Mag sein, daß er es damit am Anfang nicht immer leicht hatte gegen die alten Kameraden von der reinen Geistes- und Politikhistorie. Als er es aber dann geschafft hatte, identifizierte er seinen Erfolg mit dessen Begleitumständen: Aufstieg und zeitweilige Selbstbehauptung der sozialliberalen Koalition. Das ist nun auch schon wieder vorbei. Wehlers Strukturgeschichte wird von neokonservativen und postmodernen Auffassungen herausgefordert, und er hätte guten Anlaß, sich gegen diese zu verteidigen. Das gelingt ihm immer schlechter. Er schlägt nur noch reflexartig um sich und richtet seine Tritte meist nach links. 1981 fiel er über Jürgen Kuczynskis Geschichte des Alltags des deutschen Volkes her und wollte bei dieser Gelegenheit gleich die Geschichtswerkstätten mit erledigen. Als herauskam, daß sein Lehrer, Theodor Schieder, ein Kopflanger der Nazis gewesen ist, verteidigte er ihn in einem langen Aufsatz. Dabei mogelte er sich um eine einfache Frage herum: Was wußte er, immerhin ein Historiker, davon, und hat er seinen Doktorvater denn einmal danach gefragt? Wahrscheinlich wäre letzteres ein Fehler gewesen, denn die Karriere hätte sich erledigt. Also war es gar nicht dumm, wenn Wehler damals, als er von Schieder abhängig war, den Mund hielt. Das hätte er ruhig zugeben können. Aber es mußte eben ein großer und verlogener Grundsatzartikel her.

Der Entdecker des Schieder-Delikts, Götz Aly, pflegt seine Aufklärung mit einer vergifteten antiaufklärerischen Spitze zu versehen: Im Verhalten professionell versiert arbeitender Sozialwissenschaftler und -historiker sieht er eine Konsequenz moderner Rationalität. Damit ist eine Orientierung angegriffen, zu der Wehler selbst sich bekennt. Aber er ist nicht mehr imstande, den Angriff abzuwehren.

Ähnlich hilflos-aggressiv verhielt er sich zu Alys Buch Hitlers Volksstaat. Dessen empirische und konzeptionelle Schwächen konnten kritisiert werden: Thomas Kuczynski und Wolfgang Wippermann haben das getan. Wehler aber fand, die von Aly benutzten Quellen seien längst ausgewertet, er bringe in der Sache nichts Neues. Das gab diesem die Gelegenheit zu der gleichermaßen billigen wie zutreffenden Bemerkung, der Herr Kollege könne das gar nicht beurteilen, da er bekanntermaßen Archive schon seit langem meide.

Jetzt also Canfora. Ilse Staff hat in der Zeitschrift des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte darauf hingewiesen, daß in dieser Angelegenheit "Wehler kein Gutachten präsentiert, das in Form und Inhalt wissenschaftlichen Standards entspricht, sondern aus einer ungegliederten Aneinanderreihung von Behauptungen besteht".

Der Verfall eines Gelehrten, der bessere Tage gesehen hat, verdient alle Nachsicht, die auch wir anderen eines Tages werden in Anspruch nehmen müssen. Über die vier weiteren angeblichen Gutachter ließe sich wahrscheinlich ebenfalls das eine oder andere Positive bemerken, aber wir kennen sie ja nicht. Sollte Wehlers junger Mann Paul Nolte darunter sein, erübrigt sich allerdings eine weitere Würdigung: Ebermann/Trampert haben dazu das Nötige schon gesagt.*

Daß die liberalen Journalisten, die der Entscheidung von C. H. Beck applaudierten, Canforas Buch mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht gelesen haben, ist ihnen nicht vorzuwerfen. Auch eine Lektüre hätte nichts an ihrem Urteil geändert. Einige nennen Canfora einen "Eurokommunisten" und werfen ihm zugleich Verharmlosung Stalins vor. Offenbar sind sie noch recht frisch im Geschäft. Sonst wüßten sie, daß Kritik am Stalinismus eine der Spezialitäten des Eurokommunismus der siebziger Jahre (so lang ist das schon her) war.

Canforas Kritiker haben nicht irgendeine neue Position in den politischen Ideenhaushalt der BRD eingebracht, sondern haben sich einem schon lange vorher vorhandenen Konsens angeschlossen. Er ist ein internationales Phänomen. Im Januar 2006 nahm der Europarat eine Entschließung über die "Notwendigkeit einer Verurteilung der Verbrechen kommunistischer totalitärer Regime" mit 99 zu 42 Stimmen an. Da es auch Enthaltungen gab, wurde eine Zweidrittelmehrheit, die zu daraus folgenden Handlungsanweisungen geführt hätte, verfehlt. Besonders Delegierte aus Osteuropa begeisterten sich für diese Resolution: Sie wollten sich von der Vergangenheit ihrer Länder trennen. Ihr liberales Anliegen ist zugleich westliches Erbe. Dort kämpft man immer aufs neue gegen 1789 - unter Berufung auf die englische Revolution von 1688 und die nordamerikanische von 1776 ff. In Frankreich selbst speiste das antijakobinische Ressentiment die zweite große politische Strömung neben der radikalrepublikanischen. Zu den Resultaten gehören der Dreyfus-Prozeß, Vichy und André Glucksmann.

Diese mittlerweile fast schon global dominante Ideologie und Praxis beruft sich auch auf theoretische Legitimationen: von Locke bis Montesquieu, sogar zurückweisend auf Aristoteles. Immer wieder wird zwischen linke und rechte Extreme (Anarchie, zuweilen auch Demokratie genannt, auf der einen Seite - Despotie auf der anderen) die allein zu empfehlende Mitte geschoben. Diese politische Lehre bildete sich allmählich heraus, nachdem die Ungleichheitsgesellschaften des "Westens" begonnen hatten, über sich nachzudenken. Jakobiner und Kommunisten gehören nicht dazu und wundern sich darüber vernünftigerweise nicht.

Der Umgang mit ihnen ist im Detail aber unterschiedlich. Am Beispiel Canfora: In Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien und den USA (wo sein Buch anstandslos gedruckt wurde) meint man wohl, in der Vergangenheit auf die eine oder andere Weise mit der kommunistischen Bedrohung aus eigener Kraft fertig geworden zu sein, weshalb der Umgang mit ihren letzten (oder ersten, wer weiß?) Mohikanern dort eine andere Praxis nahelegt als in Osteuropa.

Einen Sonderweg haben wir wieder einmal in Deutschland. Da ist nicht nur die Bürgerrechtlermentalität Ostelbiens zu berücksichtigen, sondern im Westen auch der Stolz auf eine seit 1945 allmählich gelungene liberale Normalisierung. Canfora war so taktlos, auf eine Voraussetzung dieses Erfolgs hinzuweisen: nicht nur Bruch, sondern auch Kontinuität. Ihm ist aufgefallen, daß Globkes Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen 1936 bei Beck erschienen ist.

Wir aber sollten diesem Verlag und Hans-Ulrich Wehler dankbar für ihren plumpen Griff zur Bremse sein. Sie haben damit Canforas glänzende Replik provoziert und uns auch sonst in dieser Angelegenheit viel Freude bereitet.

Luciano Canfora: Eine kurze Geschichte der Demokratie. Von Athen bis zur Europäischen Union. Papyrossa, Köln 2006, 404 Seiten, 24,90 Euro

Der Text ist eine gekürzte Fassung des Vorworts aus dem neuen konkret-texte-Band 43, Luciano Canfora: Das Auge des Zeus (96 Seiten, 10 Euro).

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Literatur Konkret Nr. 36