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36 Jahre Konkret CD

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Heft 04 2009

Amir Taheri

"Deutsche Kollaboration"

Ein Interview über 30 Jahre iranische Revolution, 30 Jahre Mullahdiktatur.

KONKRET: Was waren vor 30 Jahren die Gründe für die Revolution im Iran, und weshalb endete sie in der Mullah-Diktatur?

Taheri: Der Iran durchlief in den sechziger Jahren eine große wirtschaftliche und kulturelle Transformation. Die Wirtschaft boomte infolge der Öleinkommen und der Rückkehr vieler gebildeter Iraner aus dem Ausland. Doch die ökonomische brachte keine politische Transformation mit sich, die neu entstandene Bourgeoisie hatte im Iran nicht die gleiche politische Macht wie im Westen. Ich war Chefredakteur von "Kayhan", der größten Tageszeitung im Iran, und hatte somit eine sehr einflußreiche Position, aber die Regierung hätte mich jederzeit verhaften und entmachten können. Es wuchs also genau in der Klasse, die am meisten von der wirtschaftlichen und kulturellen Transformation des Iran profitiert hatte, ein Groll gegen das Schahregime.

Und dann gab es die exzessive Angst des Schahs vor der Linken und der benachbarten Sowjetunion. Um die Linke zu zerschlagen, förderte der Schah den Islam. Er ging etwa auf Pilgerreise, und im staatlichen iranischen Rundfunk wurden während zweier Monate im Jahr nur Predigten und Koranlesungen statt Musik gesendet. Nach dem Verbot aller politischen Parteien blieben nur noch die Moscheen als Versammlungsorte und nur noch die Mullahs als Anführer. Als dann gegen Ende des Regimes Inflation, Massenarbeitslosigkeit und der Fall des Ölpreises zu großen sozialen Spannungen führten, benutzte die Mittelklasse die Mullahs, um die Massen auf die Straße zu bringen, als Gegengewicht zur Armee des Schahs. Man wollte die Mullahs zur Beseitigung seines Regimes benutzen, und danach, dachte man, würde man sie schon wieder loswerden. Es zeigte sich jedoch, daß einzig die Mullahs organisiert genug waren, um das Machtvakuum zu füllen. Sie kannten sich, sie waren durch Heirat verbunden - auch heute sind die führenden Mullahs untereinander verwandt, Khamenei mit Khatami, die meisten mit Khomeini usw.; sie handelten also wie ein Stamm und gelangten so an die Macht.

KONKRET: Welche Zukunft sehen Sie für das Regime?

Taheri: Das Regime hat seine revolutionäre Legitimation verloren, es hat seine Versprechen nicht eingelöst. Ein großer Teil seiner Träger versucht gerade, sich von ihm zu lösen, und es gelingt ihm nicht, neue Unterstützung zu rekrutieren. Sein historischer Niedergang hat begonnen.

KONKRET: Was erwarten Sie von den Gesprächen, die der neue US-Präsident mit dem Iran führen will?

Taheri: Es gibt dabei eine Reihe praktischer Probleme. Erstens hat der UN-Sicherheitsrat einstimmig vier verpflichtende Resolutionen zum Iran verabschiedet. Obama kann sie nicht ignorieren, denn schließlich wurden sie hauptsächlich von den USA durchgesetzt. Es müßte also eine fünfte Resolution geben, welche die vorhergehenden aufhebt. Gespräche auf Grundlage der vier Resolutionen könnten nur nach Erfüllung von Vorbedingungen stattfinden, die der Iran bereits abgelehnt hat. Und dann muß Obama sich entscheiden, mit welchem Iran er sprechen will, denn es gibt den Iran der Revolution und den Iran als Staat. Mit dem Staat zu reden ist einfach, denn Staaten verfolgen rationale Ziele - Sicherheit, Handelsbeziehungen, Einfluß, Territorium usw. Gespräche über Pilgerfahrten in den Irak oder den Drogenschmuggel aus Afghanistan wären also möglich. Aber wenn es um die Ziele der islamischen Revolution geht, also darum, westliche Mächte und Kultur aus dem Nahen Osten hinauszutreiben, die islamische Revolution zu verbreiten oder Israel von der Landkarte zu wischen, sind Gespräche nicht so einfach.

Ich denke, daß voraussetzungslose Gespräche mit dem Regime paradoxerweise zum Krieg führen könnten. Denn solange man nicht direkt miteinander redet, kann man den Streitpunkten ausweichen und alle möglichen Taktiken und Mittel ausprobieren. Aber was bleibt, wenn der Iran direkt alle Forderungen ablehnt? Auch 1991 hatte ich einen Krieg vorausgesagt, als James Baker den irakischen Außenminister Tariq Aziz traf und dieser den Rückzug aus Kuwait ablehnte. Gorbatschow und Mitterrand hatten eine Vermittlung angeboten, und über sie hätte man die Angelegenheit vielleicht ohne Gesichtsverlust für den Irak und die USA mit einem Kompromiß hinbiegen können. Aber Gespräche zwischen einer Supermacht und einem schwächeren Staat sind immer gefährlich, denn für die Supermacht steht ihre Rolle auf dem Spiel. Je direkter und schneller Gespräche geführt werden, desto eher könnte es danach nur noch die letzte Option geben.

KONKRET: Statt für einen Deal mit dem Regime plädieren Sie für einen Regimewechsel. Wie könnte der anders als militärisch bewerkstelligt werden?

Taheri: Die westlichen Staaten sollten dem Regime keine Legitimität verleihen, die es im Inneren längst verloren hat. Die Kräfte, die den Iran als Staat und nicht als Revolution repräsentieren, sollten gefördert werden. Regimevertreter, die für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind, sollten benannt und juristisch verfolgt werden, auch in Abwesenheit. Die Botschaft sollte sein, daß eine solche Herrschaft nicht akzeptiert und respektiert wird. Dies hätte eine gewaltige Wirkung, denn für Iraner ist es von sehr großer Bedeutung, wie sie von der Außenwelt gesehen werden. Selbst unter der revolutionären Elite wäre die Wirkung groß, denn sie alle gehen in Paris, London und Berlin shoppen. Sie wollen dafür nicht nach Riad, Kairo oder Istanbul, da sie es als unter ihrer Würde ansehen, sich mit Arabern oder Türken einzulassen.

KONKRET: Gibt es noch eine Chance, die nukleare Bewaffnung des Irans zu verhindern?

Taheri: Ja, denn noch ist das Regime nur in der Lage, die Voraussetzungen zu schaffen, mit der eine Bombe gebaut werden könnte, was dann wiederum nicht so leicht wäre. Ich glaube nicht, daß die endgültige Entscheidung in Teheran darüber schon gefallen ist. Man könnte den internationalen Druck so weit erhöhen, daß der Schaden den potentiellen Nutzen überwiegt, sogar für die revolutionären Kräfte des Regimes.

Ein Problem ist, daß Deutschland seinen großen politischen und kulturellen Einfluß, den es als einzige bedeutende Macht ohne historisch belastete Beziehungen mit dem Iran hat, nicht in diesem Sinne nutzt. Vor einigen Monaten wurde der British Council im Iran wegen Spionagevorwürfen geschlossen. Aus Solidarität schloß Frankreich die Alliance Française, aber das Goethe-Institut blieb geöffnet. Statt eines Zeichens europäischer Geschlossenheit war dies deutsche Kollaboration durch Stillschweigen. In den Kommentaren hieß es dann, daß schon etwas an den Vorwürfen gegen den British Council dran gewesen sein müsse, sonst hätte Deutschland ja protestiert.

KONKRET: Was ist von den anstehenden Präsidentschaftswahlen im Iran zu erwarten?

Taheri: Nun, jede Wahl ist besser als gar keine, auch wenn es sich natürlich um eine Wahl innerhalb einer Partei handelt und nur Khomeini-treue Kandidaten zugelassen werden. Der Wahlkampf ist bereits sehr interessant, eine Menge schmutziger Wäsche wird öffentlich gewaschen, und es beginnt eine Debatte um den Kurs des Landes. Das Ergebnis der Wahl wird meiner Meinung nach arrangiert werden, denn es gibt keine unabhängige Wahlkontrolle. Wenn Ahmadinedschad antritt, wird er gewählt werden. Alles andere würde ja heißen, daß ein Präsident aus dem Amt geworfen werden kann, und das wäre nicht akzeptabel.

Amir Taheri, geboren 1942, war Chefredakteur der größten iranischen Tageszeitung "Kayhan" und ist seit 1979 als Autor und Journalist im Exil tätig. Gerade ist von ihm "The Persian Night. Iran Under the Khomeinist Revolution" erschienen.

- Das Gespräch führte Jonathan Weckerle. -

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Literatur Konkret Nr. 36