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36 Jahre Konkret CD

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Heft 11 2004

Joachim Rohloff

Deep Democracy

Naomi Klein ist genau das Idol, das die Antiglobalisierungsbewegung verdient

Die Arbeiterbewegung ist schon lange nicht mehr in den Charts, deshalb konnte man es den teils netten, teils wild gewordenen Jusos, die vor ein paar Jahren zwar nicht gerade den Kapitalismus, aber immerhin die Herrschaft der WHO, des IWF und der großen Konzerne zu bekämpfen begannen, indem sie in Göteborg, Seattle, Genua und andernorts teils friedlich demonstrierten, teils sich mit der Polizei prügelten, nicht verargen, daß sie die Kritik der politischen Ökonomie, die nicht einmal mehr als Hörbuch oder als Aboprämie an den Mann zu bringen war, beiseite legten und zu einem Buch griffen, das viel besser zu ihrem Bewußtseinszustand paßte. Eine Londoner Zeitung soll dieses Werk schon bald nach seinem Erscheinen "the ›Das Kapital‹ of the growing anti-corporate movement" genannt haben. Als seine Verfasserin, Naomi Klein, damals nach Deutschland kam, erschrak sie. Denn hier wird No Logo ausgerechnet vom Medienkonzern Bertelsmann angeboten, und zwar nicht als the "Das Kapital", sondern als die "The Bible" der Bewegung. "Ich glaube, es gerät außer Kontrolle. Es ist eine Art Hype-Spirale. Ich glaube nicht, daß sie mich vermarkten, sondern eher als Sprachrohr einer Bewegung präsentieren und das Buch als eine Art Bibel. Alles, was ich tun kann, ist zu sagen, ›nein, ich bin kein Sprachrohr‹. Ich werde eine Runde Interviews hier machen und dann aufhören." Dieses Versprechen hat sie leider nicht gehalten. Heute ist sie eine begehrte Kolumnistin, schreibt für "The Nation", den "Guardian", für "Facts" und den "Standard", und nur der Teufel und Stefan Aust wissen, für welche Blätter sonst noch und warum nicht auch für den "Spiegel".

No Logo erzählt die Geschichte einer dummen Göre, die zu einer gnadenlosen Gesellschaftskritikerin wird und zerstören will, was sie eben noch geliebt hat. Als Teenager glaubte Naomi Klein, ein Paar Turnschuhe mit dicken Plastiksohlen sei, wenn der Name "Nike" draufsteht, cool, hip, stylish, sexy, voll der Trend, öko, multikulti, community, family oder, je nach Bedarf, gay und vielleicht sogar transgender. Mit 25 Jahren merkte sie: alles gelogen! Vier Jahre lang recherchierte sie, dann teilte sie ihren Altersgenossen mit: Die Firma Nike ist böse, denn sie läßt ihren Ramsch in indonesischen "Sweatshops" herstellen und zahlt dafür Löhne, wie sie in Sindelfingen und Chicago nicht üblich sind. Dagegen müsse man etwas tun. Naomi Klein schlug vor, die Markenzeichen aller bösen Firmen zu "beschmutzen", indem man der Öffentlichkeit die Wahrheit sagt. Ihren größten Erfolg erlebte diese Idee, als jemand Turnschuhe mit der Aufschrift "Sweatshop" bestellte und die Firma Nike, obwohl sie versprochen hatte, jeden Wunsch zu erfüllen, sich unter allerhand Ausflüchten weigerte, ein solches Paar zu liefern. Tatsächlich gibt es keine Zeitung, die in ihrer Sonntagsbeilage nicht wenigstens einmal von diesem Fall berichtet hätte.

Aber Naomi Klein hat noch mehr entdeckt. "Unsere Industriekapitäne", so liest es sich jedenfalls in der Übersetzung aus dem Hause Bertelsmann, wollten sich neuerdings "nicht mehr mit ihrer Rolle als Schöpfer von Arbeitsplätzen identifizieren". Denn sie seien "von Arbeitgebern zu Geldvermehrern" geworden, so lautet die Zwischenüberschrift, und betrieben "die Zerstörung der Loyalität", so heißt das Kapitel. Wäre sie noch ein paar Tage länger in Deutschland geblieben, hätte Hans-Olaf Henkel ihr in irgendeiner Talkshow erklären können, daß die Unternehmer sich immer noch als Arbeitgeber verstehen, daß sie aber die Konkurrenz, die für viele bunte Smarties und noch mehr dumme Bücher sorgt, dazu zwingt, Arbeitsplätze abzuschaffen, die wir uns nicht mehr leisten können. Na gut, hätte Frau Klein vielleicht geantwortet, der Verlust eines Arbeitsplatzes sei ja auch "viel weniger schrecklich, wenn es wie Zufall wirkt, daß man ihn überhaupt bekommen hat. Diese Vertrautheit mit der Arbeitslosigkeit erzeugt eine Art Distanz, die der Abgrenzung der Konzerne zu den Beschäftigten entspricht. Die Arbeiter distanzieren sich von der Vorstellung, daß sie von einem festen Arbeitsplatz abhängig sein könnten." Und wenn sie sich auch noch von dem lächerlichen Vorurteil distanzierten, vom Geld abhängig zu sein, dann könnte "eine Generation qualifizierter Arbeiter, die sich nicht mehr lebenslang an ein Unternehmen gebunden fühlt, zu einer Renaissance an Kreativität und zu einer Wiederbelebung der Zivilgesellschaft führen, zwei sehr verheißungsvolle Aussichten. Eines aber ist sicher, ihre Existenz führt schon jetzt zu einer konzernkritischen Politik."

Eine Generation, die sich über solche Bücher beugt, führt jedoch zu einem Mittelalter an Verblödung. Naomi Klein will sich mit dem Ursprünglichen, Gewachsenen und Authentischen, mit den Ausgebeuteten und Unterdrückten verbünden. Sie spricht von "deep democracy" und von "close-up democracy on the ground". Auf deutsch müßte man wohl sagen: Wir sind das Volk. Die Ausbeutung scheint aber erst dann zu beginnen, wenn die amerikanischen Konzerne kommen, und die schlimmste Unterdrückung folgt dem Einmarsch der amerikanischen Armee. "Millions of Iraqis live under the humiliation and brutality of occupation", zum Glück aber haben sich einige Aufrechte der Basisdemokratie angenommen. Es sind Muqtada al-Sadr und seine Mahdi-Armee. Zwar bestreitet Naomi Klein nicht, daß Sadr ein gefährlicher Islamist ist; trotzdem verfiel sie auf die abscheuliche Idee, seinen Widerstand in den USA fortzusetzen. "Bring Najaf to New York", forderte sie in einem Artikel, der gleichzeitig in "The Nation" und im "Guardian" erschien. Ihren Kritikern erteilte sie eine staatsphilosophische Lektion: "Sadr's calls for fair elections and an end to occupation demand our unequivocal support - not because we are blind to the threat he would pose if he were actually elected but because believing in self-determination means admitting that the outcome of democracy is not ours to control."* Nun weiß man zwar immer noch nicht, was Naomi Klein eigentlich in der Schule gelernt hat, aber man hat doch eine deutliche Ahnung dessen, was sie unter "deep democracy" versteht: bei ungünstigem Wahlausgang den Terror der Mehrheit, der die Minderheit unter die Scharia zwingt.

Vor zwei Jahren rief sie ihre Anhänger zur Ordnung und wies sie darauf hin, daß man bei aller Solidarität mit dem palästinensischen Volk keine antisemitischen Naziparolen übernehmen dürfe. Dem Antisemitismus müsse man schon deshalb widersprechen, weil er sich von Ariel Scharon so leicht zu imperialistischen Zwecken mißbrauchen lasse. Inzwischen ist sie wieder etwas schlauer. Was Scharon, Bush und Putin in Palästina, in Tschetschenien, in Afghanistan und im Irak treiben, nennt sie in einem Kommentar für den Wiener "Standard" "die Likudisierung der Welt". Da sie nun einmal beschlossen hat, der Terror sei eine Antwort auf die Besatzung, und nicht umgekehrt, macht es ihr keine Mühe mehr, den perfiden Trick des Likudismus zu durchschauen: Man überfällt ein wehrloses Land und benutzt den entstehenden Widerstand, der manchmal ziemlich grausam aussieht, zum Vorwand, um die Fremdherrschaft zu verewigen. "Scharon sagt, daß der Terrorismus eine Seuche ist, die weder Grenzen noch Zäune kennt. Aber so ist es nicht. Der Terrorismus gedeiht innerhalb der illegitimen Grenzen von Besatzung und Diktatur. Und er überschreitet diese Grenzen, um innerhalb jener Länder zu explodieren, die für Besatzung und diktatorische Herrschaft verantwortlich sind." Goebbels sagte, die Juden seien unser Unglück. Aber so ist es nicht. Unser Unglück ist es, daß die mächtigsten Staatsmänner die Verbrechen der Juden auf der ganzen Welt wiederholen.

Naomi Klein ist der the Karl Marx of the 21. Jahrhundert. Hoffentlich ist es bald vorbei!

* "Sadr's Forderung nach freien Wahlen und einem Ende der Besatzung fordert unsere ungeteilte Unterstützung - nicht weil wir blind für die Drohung sind, die von ihm nach seiner Wahl ausgehen würde, sondern weil wir glauben, daß Selbstbestimmung bedeutet, daß es nicht unsere Aufgabe ist, das Ergebnis eines demokratischen Prozesses zu kontrollieren."

Joachim Rohloff schrieb in KONKRET 7/04 über den Fall Kaplan

KONKRET Text 56


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Literatur Konkret Nr. 36