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36 Jahre Konkret CD

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Heft 04 2002

Jens Hoffmann

Beyond Sobibor

Am 14. Oktober 1943 erschlugen die Häftlinge des Vernichtungslagers Sobibor ihre deutschen Aufseher und retteten ihr Leben. Claude Lanzmann, Autor von "Shoa", hat mit einem der Überlebenden einen Film gemacht

Im Herbst 1941 trafen zwei Deutsche auf einer Draisine am Bahnhof Sobibor ein. Die SS-Offiziere Thomalla und Moser inspizierten und vermaßen das Gelände in der Umgebung der Station und schauten sich im nahegelegenen Wald um. Die Männer waren bei der SS-Zentralbauleitung in Zamosc angestellt; Thomalla als Architekt, Moser als Bauaufsichtsleiter. Der Ortstermin in der dünn besiedelten, von Sumpfgebieten durchzogenen Region war Teil eines Auftrages, den die beiden ohne Einwände ausführten. Die Planung und der Bau eines Vernichtungslagers entsprachen der mörderischen Logik, nach der sie ihr Leben eingerichtet hatten. Es mangelte während dieser Zeit in Deutschland nicht an Männern und Frauen, die durch ihre tägliche Arbeit dafür sorgten, daß sich Thomalla und Moser beim Hantieren mit Meßgeräten und Schreibutensilien im Südosten Polens nicht für komplett irrsinnig halten mußten.

Das gemeinsame Ziel, die Ermordung der jüdischen Bevölkerung Europas, hatte den Erfindungsreichtum und das Organisationstalent der Deutschen geweckt. Sie brüteten über Registern und Kennzeichnungssystemen, entwarfen Fahrpläne, probten aufmunternde Begrüßungsreden hinter Stacheldraht und dachten über Finanzierungskonzepte nach. Sie erlernten die für den Schriftverkehr vorgesehenen Wörter und werteten Erfahrungen aus, die sie beim Töten gemacht hatten. Es wurde vorgeschlagen, den Erstickungsraum der Gaswagen mit einer Lampe und einem Abfluß auszustatten. In den fest installierten Gaskammern maßen Chemiker vor Beginn der Massentötungen das von Motoren produzierte Kohlenmonoxydvolumen und empfahlen die Einhaltung bestimmter Drehzahlwerte. Ferner hatte sich gezeigt, daß an einem Tatort, der ständig gereinigt wurde, weniger Störungen des Mordbetriebes vorkamen. Als Ergänzung zu ihren nüchternen Dienstplänen erhielten die Täter und Täterinnen Raum für Improvisation, Selbstbetäubung, Sentimentalität und Mordlust.

Anfang April 1942 kam Franz Stangl als Lagerkommandant nach Sobibor. Er informierte sich bei Christian Wirth, dem Kommandanten des Vernichtungslagers Belzec, nach dessen Vorbild Sobibor entworfen worden war, über die organisatorischen und technischen Einzelheiten des Vernichtungsprozesses und überwachte die aus jüdischen Männern der Umgebung zusammengestellten Arbeitskommandos, die das Lager fertigstellen mußten. Sobibor bestand aus fünf Abteilungen. Die Wohn- und Arbeitsbaracken der bis zu 450 jüdischen Häftlinge, die unter Aufsicht der etwa 30 deutschen Aufseher und 120 ukrainischen Wachleute arbeiten mußten, waren durch Stacheldraht von den Verwaltungsgebäuden, Magazinen, Stallungen und Unterkünften des Lagerpersonals getrennt worden. Zur Tarnung des Geländes wurden Zweige in die äußere Stacheldrahtumzäunung eingeflochten und zwei parallel zur Bahnlinie verlaufende Holzzäune aufgestellt, die verhindern sollten, daß vorbeifahrende Reisende ins Lager blicken konnten.

Der am strengsten bewachte Bereich war die "Lager 3" genannte Vernichtungszone mit den zunächst drei, ab Frühherbst 1942 neun Gaskammern, den Massengräbern und den Baracken der von bis zu 150 Häftlingen gebildeten Sonderkommandos, die die Leichen der Ermordeten aus den Gaskammern schaffen, nach Wertgegenständen absuchen und zu den Massengräbern bringen mußten. Diese Häftlinge wurden strikt von den übrigen Lagerinsassen getrennt; nur sehr selten gelang es ihnen, Nachrichten aus der Vernichtungszone herauszuschmuggeln. Im Unterschied zu den anderen Lagerbereichen, in denen Überleben trotz permanenter Todesdrohungen nicht gänzlich unmöglich war, hatten die Häftlinge im Lager 3 keine Chance. In unregelmäßigen Abständen wurden sie von den Deutschen ermordet und durch gerade im Lager angekommene Männer ersetzt. Aus diesen Kommandos gibt es keine Überlebenden.

Auch die Häftlinge der Sonderkommandos aus dem Vernichtungslager Belzec, die gezwungen wurden, die Leichen der 600.000 dort Ermordeten auszugraben und zu verbrennen, sind nach Auflösung des Lagers im Frühjahr 1943 nach Sobibor gebracht und erschossen worden. Da die Deutschen eine Revolte fürchteten, erließen sie eine Ausgangssperre für alle Häftlinge und töteten die Männer aus Belzec direkt auf der Rampe des Lagers.

Die systematische Ermordung von jüdischen Männern, Frauen und Kindern im Lager Sobibor wurde von den Deutschen Anfang Mai 1942 begonnen und dauerte zunächst bis Ende Juli desselben Jahres an. Die Transporte kamen aus dem Distrikt Lublin, aus der Tschechoslowakei, aus Deutschland und Österreich. Während dieses Zeitraums wurden mindestens 90.000 Menschen in den Gaskammern mit Kohlenmonoxyd erstickt. Zwischen August und Oktober 1942 sind keine Todeszüge nach Sobibor geleitet worden. Wegen des sumpfigen Untergrundes war ein Teil der Bahnstrecke Chelm-Wlodawa, an der die Station Sobibor lag, abgesackt und mußte erst wieder für die Zwecke der Deutschen hergerichtet werden.

Zwei Monate vor Beginn der zweiten Vernichtungsphase im Oktober 1942 wurde Franz Stangl als Kommandant in das Vernichtungslager Treblinka versetzt. Die Leitung von Sobibor übernahm Franz Reichleitner, der wie die Mehrheit des Personals der Todeslager von Belzec, Treblinka und Sobibor vorher an den "Aktion T4" genannten Massenmorden in deutschen und österreichischen Heil- und Pflegeanstalten beteiligt war. Unter Reichleitners Kommando wurden die Leichen der in den Gaskammern Getöteten auf einem aus Eisenbahnschienen errichteten Rost verbrannt. Um Spuren der Verbrechen zu verwischen und die Qualität des eigenen Trinkwassers zu sichern, befahl er ferner die Exhumierung und Verbrennung der während der ersten Vernichtungsphase Getöteten.

Bis Oktober 1943 wurden Juden aus Ostgalizien, aus dem Distrikt Lublin, aus der Slowakei, aus den Niederlanden und aus den Ghettos von Wilna, Minsk und Lida nach Sobibor geschafft. Die Zahl der in der zweiten Vernichtungsphase Ermordeten wird auf mindestens 150.000 geschätzt. Allerdings gelang es den deutschen Organisatoren der "Aktion Reinhard" genannten Massenmorde in Belzec, Treblinka und Sobibor nicht, ihre Tat wie geplant mit der Ermordung aller Zeuginnen und Zeugen zu beenden. Am 14. Oktober 1943 erhoben sich die im Lager übriggebliebenen Häftlinge von Sobibor gegen die Mörder und töteten einige von ihnen. Etwa 320 Menschen konnten zunächst aus dem Lager entkommen; mindestens elf deutsche Aufseher bezahlten für ihr Tun mit ihrem Leben.

In Claude Lanzmanns jüngstem Film "Sobibor, 14 octobre 1943, 16 heures" ist Yehuda Lerner, einer der am Aufstand Beteiligten, im Interview mit dem Regisseur zu sehen. Lanzmann filmte das Gespräch 1979 in Jerusalem während der Dreharbeiten zu "Shoah". Über die Entstehungsgeschichte von "Sobibor" sagte Lanzmann im Interview mit Feli Reuschling und mir: "Der Film ist nicht verbunden oder verknüpft mit irgendeiner Art von Aktualität. Ich wußte immer, daß dieses Interview sehr stark ist. Aber ich habe lange Zeit nicht daran gedacht, daraus einen Film zu machen, denn die Herstellung eines Films ist für mich eine sehr komplexe und schwierige Unternehmung. Außerdem mochte ich nicht gern nach Polen, nach Sobibor zurückkehren. Man fährt da nicht zum Spaß hin. Ich hätte das Interview mit Lerner gern ungeschnitten, im Rohzustand, an einen Fernsehsender weitergegeben, ich wollte zunächst nicht daran arbeiten. Aber wegen der Länge des Interview-Materials war das unmöglich. Zufällig fand ich dann einen Produzenten, der, ohne eine Sekunde des Interviews gesehen zu haben, wollte, daß ich den Film mache."

In wenigen Sätzen berichtet der 1926 in Warschau geborene Lerner im Interview von der Deportation und Ermordung seiner Familie durch die Deutschen, die ihn im Frühjahr 1942 als Sklavenarbeiter auswählten und in ein Arbeitslager bei Smolensk brachten. Lerner gelang in den folgenden sechs Monaten die Flucht aus acht verschiedenen Arbeitslagern, bis er im Sommer 1942 in das zum Hauptghetto von Minsk gehörende Arbeitslager in der Sekorastraße geschafft wurde. Dort fand er Anschluß an eine hauptsächlich aus sowjetischen Juden bestehende Gruppe von Kriegsgefangenen, die trotz der Verhältnisse im Lager über Fluchtpläne berieten und sich der Ordnung der Deutschen widersetzten.

Als ihren Anführer betrachteten die Gefangenen den 1909 geborenen, Sascha genannten Alexander Petscherski. Vor Beginn des Krieges war er in Rostow als Buchhalter angestellt und engagierte sich in verschiedenen Musik- und Theatergruppen. Der KP gehörte er nicht an. Im September 1941 wurde Petscherski von Soldaten der Wehrmacht gefangengenommen. Nach einem mißglückten Fluchtversuch trennten die Deutschen ihn von den nichtjüdischen Mitgefangenen und schafften ihn nach Minsk in die Sekorastraße. Bevor allerdings die Gruppe um Petscherski und Lerner ihre Fluchtpläne realisieren konnte, wurden sie von den Deutschen aus Minsk abtransportiert. Nach vier Tagen Fahrt kam der Deportationszug mit 1.750 Menschen am Abend des 22. September 1943 in Sobibor an. Da die Deutschen Tischler und Zimmerleute für den Ausbau des Lagerabschnitts 4 benötigten, wählten sie 80 Männer aus, zu denen auch Petscherski und Lerner gehörten. Die übrigen Menschen dieses Transportes wurden in den Gaskammern ermordet.

Während Yehuda Lerner in Lanzmanns Film von diesen Lebensstationen berichtet, ist seine Stimme hauptsächlich im Off zu hören. Das Publikum sieht dazu Bildsequenzen, die Lanzmann an den Orten von Lerners Geschichte aufgenommen hat. Er zeigt den "Umschlagplatz" genannten Ausgangsort der Deportationszüge aus dem Warschauer Ghetto und die Reste des Arbeitslagers in der Umgebung von Smolensk. Lanzmann läßt die Kamera synchron zu Lerners Ausbruchsgeschichte durch Gestrüpp hasten und hinter einem Baum ausruhen. Lerners erneute Gefangennahme durch die Deutschen hört das Publikum zu Bildern, die aus einem über eine Forstpiste rasenden Auto aufgenommen worden sind.

Zu seiner Entscheidung, die Anfangssequenzen von "Sobibor" in dieser Weise zu gestalten, bemerkte Lanzmann: "Es ging für mich nicht nur darum, etwas zum Aufstand in Sobibor zu machen, sondern auch zu zeigen, was vorher mit Yehuda Lerner geschehen ist, was für ein merkwürdiger und außergewöhnlicher Mann er ist, der riskierte, so oft aus Lagern der Deutschen auszubrechen. Es wäre ungerecht gewesen, diese Vorgeschichte zu unterschlagen. Und ohne sie hätte der Film nicht dieselbe Kraft. So wurde es notwendig, aus dem Interview einen wirklichen Film zu machen. Natürlich hat die Möglichkeit, nach Polen zurückkehren und drehen zu können, den Blick und den Aufbau des Films verändert. Ich war nun in der Lage, eine Form des Erzählens für Lerners Vorgeschichte zu entwickeln. Die ganze Reise von Minsk bis zum Bahnhof Sobibor ist da. Wir sehen Minsk, wir sehen Majdanek, wir sehen den Bahnhof von Chelm - da ist eine ständig zunehmende Spannung. ›Sobibor‹ ist ein Film mit einem großen Spannungsbogen."

Die eindrücklichste Sequenz in Lanzmanns Film ist jene, in der Lerner von seiner Aufgabe während des Aufstandes erzählt. Nachdem mehrere Fluchtpläne verworfen worden waren, hatte sich die Gruppe um Petscherski entschieden, einzelne für die Aufrechterhaltung der Lagerordnung wichtige Deutsche zu töten und die Konfusion der führungslosen Aufseher und ukrainischen Wachleute für einen Ausbruch der Häftlinge aus dem Lager zu nutzen. Um den Aufstand nicht bereits im Vorfeld zu gefährden, waren nur etwa 50 Juden über den Plan informiert worden. Die Gruppe hoffte, möglichst viele Lagerinsassen spontan zum Ausbruch bewegen zu können. Ihnen war allerdings auch bewußt, daß es keine Möglichkeit gab, die streng isolierten Häftlinge aus der Vernichtungszone von Sobibor mit in den Aufstand einzubeziehen.

Es war geplant, die Deutschen unter einem bestimmten Vorwand in verschiedene Baracken der Lagerhandwerker zu bestellen, sie dort einzeln und möglichst lautlos mit organisierten Äxten und Messern zu töten und ihre Schußwaffen an sich zu nehmen. Danach sollte mit Hilfe zweier Kapos ein Lagerappell für alle Häftlinge vorgetäuscht und der Lagerzaun an der einzigen unverminten Stelle durchbrochen werden. Notwendige Voraussetzung für das Gelingen des Planes war die Berechenbarkeit und Verläßlichkeit der Deutschen, deren Gewohnheiten die Aufständischen genau studiert hatten. Um sie möglichst unauffällig töten zu können, mußten die Deutschen pünktlich sein und sich locken lassen durch die Aussicht auf eine perfekt sitzende Uniform oder einen wertvollen Gegenstand aus dem Besitz ermordeter Juden. Die Deutschen kamen pünktlich.

Yehuda Lerners Aufgabe war es, zusammen mit einem im Film nicht namentlich genannten sowjetischen Soldaten (wahrscheinlich Arkadij Wajspapir; J. H.) den Chef der ukrainischen Wachleute, Siegfried Graetschus, und seinen Stellvertreter Klatt mit Äxten zu töten. Lerner ist während des Interviews der Stolz darüber anzusehen, daß Petscherski bei dieser schwierigen Aufgabe an ihn gedacht hat. Er beschreibt seine Aufregung vor der Tat und führt die Geste des Zuschlagens aus. Auch die offensichtlich sehr genau auf die Situation vorbereitete Kamera schlägt ein bißchen mit. Das Ereignis ist so gegenwärtig für ihn, daß er, der vorher keinen Menschen getötet hat, noch den Laut nachmachen kann, mit dem der getroffene Graetschus zu Boden sank. Das Töten des Mörders wird von Lerner als der Moment beschrieben, an dem er die Existenz des namenlosen Lager-Nichts in Freiheit verlassen konnte. Lanzmann, der "Sobibor" auch als "mythologischen Film" bezeichnete, sagte zu der Szene: "Es ist David gegen Goliath. Lerner beschreibt Graetschus als eine Art King Kong. Das klingt wie ein Märchen. Lerner ist wie ein Kind, als er Greatschus beschreibt."

In gewisser Weise ist "Sobibor" auch gegen ein Foto gemacht, das Lanzmann zu Beginn seines Films zeigt. Aller Wahrscheinlichkeit nach stammt es von einem Deutschen, der es während der Beerdigung der getöteten Wachleute aufnahm. Ein uniformierter Deutscher hat sich vor einem Sarg aufgebaut und ehrt den gerichteten, treuen Mörder mit dem Hitlergruß. "Es war mir sehr wichtig, dieses Foto zu zeigen. Ich fand es im Museum von Sobibor. Als ich an ›Shoah‹ arbeitete, kannte ich dieses Foto noch nicht. Vielleicht zeigt es den Sarg von Graetschus, wer weiß. Ich mag den Anfang von ›Sobibor‹ sehr gern, denn man sieht, daß die Nazis getötet worden sind, und unmittelbar danach sieht man das vollständig ruhige Gesicht von Yehuda Lerner; zunächst könnte man es für eine Fotografie halten. Doch plötzlich entdeckt man, daß da ein lebendiger Mensch sitzt."

Wie in "Shoah" berühren Lanzmanns Fragen an Yehuda Lerner nicht das gegenwärtige Leben dieses Akteurs und Zeugen einer exemplarischen Tat. Das Interview endet mit Lerners Stimme im Off. Er erzählt, wie er während des Aufstands aus dem Lager rannte und schließlich am Rand eines Waldes erschöpft einschlief. Doch "Sobibor" endet nicht mit diesem auch vom Regisseur als "schön" bezeichneten Bild. Gegen die naheliegende Identifikation des Publikums mit dem Darsteller und gegen den zu erwartenden Happy-End-Applaus im Kinosaal wendet sich Lanzmann mit einem Wechsel der Wahrnehmungsperspektive. Er verliest die Daten der Todestransporte, die zwischen Mai 1942 und September 1943 in Sobibor endeten. Wo die Zahl der Deportierten und Ermordeten nicht rekonstruiert werden konnte, sieht das Publikum einen kleinen Strich auf der Leinwand, hört Lanzmanns "figure unknown" und "unknown".

"Ich habe nicht versucht, eine Rekonstruktion des Aufstands von Sobibor herzustellen", antwortete Claude Lanzmann auf die Frage nach seiner eigenen Bewertung des Kunstwerkes "Sobibor", "aber es ist ein merkwürdiger Film geworden. Ein Film mit einem Darsteller, einer Person, der Stimme und der Landschaft; meiner Meinung nach war das, mit allem, was Lerner berichtet, genug."

Zu Ereignissen und Personen, die in "Sobibor" keine Erwähnung fanden, sind in den letzten Jahren zahlreiche Veröffentlichungen erschienen. Die bislang umfangreichste Studie zu dem Vernichtungslager stammt von Jules Schelvis, der als einziger seiner von Westerbork nach Sobibor deportierten Familie die Inhaftierungen in deutschen Arbeits- und Konzentrationslagern überlebte. Ausführlich dokumentiert er die Aussagen von Zeugen und die verschiedenen Prozesse, die gegen Angehörige des Lagerpersonals geführt worden sind. Schelvis war in den 80er Jahren auch an der Produktion von Video-Interviews mit Sobibor-Überlebenden beteiligt.

1982 erschien in den USA Richard Rashkes sorgfältig recherchierter Roman "Escape from Sobibor", in dessen letztem Kapitel der Autor vom weiteren Leben einiger aus Sobibor entkommener Männer und Frauen erzählt. Nach Rashkes Roman ist auch der Fernsehfilm "Escape from Sobibor" (USA 1987) produziert worden. Unter dem Titel "From the Ashes of Sobibor" veröffentlichte der 1927 im polnischen Izbica geborene und heute in Santa Barbara lebende Thomas T. Blatt 1997 die Erinnerungen an seine Jugend. Ende April 1943 schafften ihn die Deutschen nach Sobibor. Seine Eltern und sein Bruder wurden in den Gaskammern getötet. Blatt überlebte die Selektion, die anschließende Zeit als Lagerhäftling und nahm am Aufstand teil.

In ihrer Erzählung "Porträt mit Kinnladensteckschuß" begleitet Hanna Krall Blatt auf dessen Reise an die von Todesgefahr, Verrat und seltener Hilfe bestimmten Orte seiner Kindheit. Nach Blatts Recherchen wurden 150 der zunächst 320 aus Sobibor entkommenen Männer und Frauen von den Deutschen gefangen und exekutiert. Fünf starben im Kampf mit Partisanen oder der Armee, 92 wurden von örtlichen Feinden in Verstecken getötet. Blatt nennt die Namen von 53 Männern und Frauen, die den Aufstand überlebten und durch die Rote Armee befreit wurden.

Sobibor, 14 octobre 1943, 16 heures

Regie: Claude Lanzmann; 95 Minuten; Frankreich 2001

Alle Zitate Claude Lanzmanns stammen aus einem Interview, das Feli Reuschling und Jens Hoffmann am 15.2.2002 mit dem Regisseur geführt haben.

Literatur:

Thomas T. Blatt: Nur die Schatten bleiben - Der Aufstand im Vernichtungslager Sobibor. Aufbau, Berlin 2001, 335 Seiten, 8,95 Euro

Israel Gutman (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. Piper, München 1995, 282 Seiten, 9,90 Euro

Hanna Krall: "Porträt mit Kinnladensteckschuß"; in: Hanna Krall: "Tanz auf fremder Hochzeit". Erzählungen. BTB, München 1997, 219 Seiten, 7,50 Euro

Richard Rashke: Flucht aus Sobibor. Roman. Bleicher Verlag, Gerlingen 1998, 442 Seiten, 23 Euro

Jules Schelvis: Vernichtungslager Sobibor. Metropol Verlag, Berlin 1998, leider vergriffen

Jens Hoffmann schrieb in KONKRET 1/02 über Gerhart Riegners Erinnerungen

KONKRET Text 56


KONKRET Text 55


Literatur Konkret Nr. 36