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36 Jahre Konkret CD

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Heft 08 2007

Kay Sokolowsky

Bendlerblockheads

Der amerikanische Regisseur Bryan Singer arbeitet zur Zeit an einem Film namens "Valkyrie". Es geht darin um die "Operation Walküre", jene Verschwörung mehrerer Wehrmachtsoffiziere und NS-Staatsfunktionäre zum Zweck der Beseitigung Adolf Hitlers. Den Oberst Claus Stauffenberg, der seinen höchsten Dienstherrn in Stücke sprengen wollte, um anschließend mit seinen Kameraden eine Militärdiktatur zu errichten, spielt Tom Cruise. Von "Valkyrie" würde vor der Premiere im Jahr 2008 hierzulande niemand Notiz genommen haben, hätte die Produktion nicht um Drehgenehmigung im Bendlerblock ersucht, jenem Ort, der die Operationszentrale der Verschwörer und wenige Stunden nach dem mißglückten Attentat Schauplatz ihrer Ermordung war. Einen vernünftigen Grund, die Drehgenehmigung zu verweigern, gab es nicht. Dennoch darf "Valkyrie" nicht in den Originalkulissen gefilmt werden.

Veranlaßt hat dies die CDU-Bundestagsabgeordnete Antje Blumenthal, eine Hinterbänklerin, wie sie im Sauregurkenbuch steht. Blumenthal nennt auf ihrer Homepage als "Arbeitsschwerpunkte" neben "Familie, Senioren, Frauen und Jugend" auch "Sektenpolitik". Sie ließ die Dreharbeiten verhindern, weil Tom Cruise bekennender Scientologe ist. Ihn im Bendlerblock filmen zu lassen, "wäre einer bundespolitischen Anerkennung gleichgekommen", behauptet Blumenthal und fügt hinzu: "Gerade Kinder und Jugendliche hätten ein solches Signal falsch verstehen und die Gefahr, die von Scientology ausgeht, unterschätzen können." Das hat Verteidigungsminister Jung, zuständig für die Gedenkstätte, und Peer Steinbrück, Chef des Bundesfinanzministeriums, dem die Immobilie gehört, umgehend eingeleuchtet.

Es hat gegen die Entscheidung des Bundes, den Kindergefährder Cruise aus dem Bendlerblock fernzuhalten, im hiesigen Feuilleton viele, auch gut begründete Empörung gegeben. Allerdings trieb die Kritiker vor allem die Furcht, man würde vor dem Ausland jetzt so bigott und antiamerikanisch dastehen, wie man in der Tat ist. Auch der widerlichste Journalist der Republik, Franz Josef Wagner, versuchte in "Bild", die Sache zu retten: "Ich freue mich auf Graf Stauffenberg, der endlich weltweit ein Held wird. Dank Tom Cruise."

Der Schmierbriefschreiber soll sich nicht zu früh freuen: Bryan Singer ist ein kluger Regisseur, Tom Cruise kein Idiot, und sowohl sie als auch ihre Drehbuchautoren könnten wissen, was hierzulande von Sektenpolitikerin bis hinauf zum Schirrmacher niemand erwähnen mag - daß Stauffenberg und seine Verbündeten zu "Helden" erst dann werden wollten, als die Rote Armee ihnen gar keine andere Wahl mehr ließ als diese: Hitler zu opfern, um die eigene Macht zu retten. Sollte "Valkyrie" die nicht eben rühmlichen Motive der Verschwörer vom 20. Juli vorführen, wird, da darf man wetten, auch bei denen, die jetzt für Cruise Partei ergreifen, Scientology an allem schuld sein.

Kay Sokolowsky

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Literatur Konkret Nr. 36