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36 Jahre Konkret CD

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Heft 08 2005

Tjark Kunstreich

Befreiung vom "Judenknacks"

Erfolgreiche Propaganda der Tat: Mit einem Anschlag der Tupamaros Westberlin auf das Berliner Jüdische Gemeindehaus begann 1969 die Karriere der Gleichsetzung von Juden und Nazis.

Am 9. November 1969 legt ein Mitglied der Tupamaros Westberlin einen Trenchcoat, in dem eine Bombe versteckt war, im Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße ab. In der folgenden Nacht werden antifaschistische Denkmäler in der Stadt mit den Worten "Schalom Napalm Al Fatah" beschmiert. Einen Tag später findet eine Reinemachefrau den Trenchcoat, in dem es tickt - die Bombe war nicht hochgegangen. (Ob das vom Verfassungsschutzagenten Urbach gelieferte Päckchen vielleicht gar nicht explodieren konnte oder sollte, weil soweit auch der VS nicht gegangen wäre, ist nicht von Belang.) Gleichwohl verlautbaren die Attentäter wenige Tage später: "Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus hat gezündet. Berlin dreht durch, die Linke stutzt. Springer, Senat und Galinskis wollen uns ihren Judenknacks verkaufen. In das Geschäft steigen wir nicht ein."

Mit unverhohlener Freude geben sie ihrer Befriedigung darüber Ausdruck, daß die Bombe auch ohne Detonation gezündet hat: Die Öffentlichkeit steht Kopf und die Linke gerät erstmals in einen Distanzierungsnotstand. Die infantile Geste des Tabubruchs kommt in den Worten der Attentäter ebenso zum Vorschein wie eine enorme Erleichterung: als sei ihnen ein Stein vom Herzen gefallen. Sie haben sich nämlich, im Gegensatz zu den anderen Linken, mit ihrer Tat vom "Judenknacks" befreit. In einem anderen Zustand kämen selbst deutsche Linke wohl kaum auf die Idee, am 31. Jahrestag des Novemberpogroms eine Bombe in einer jüdischen Einrichtung zünden zu wollen, zumal wenn 250 Menschen anwesend sind, unter ihnen zahlreiche Überlebende, um des Jahrestages zu gedenken.

Aber sie sind auf die Idee gekommen, und sie waren sich ihrer Handlungen, soweit es der Drogenkonsum zuließ, auch bewußt. Die Abrechnung mit dem sogenannten "Philosemitismus" der ersten zwanzig Nachkriegsjahre war ihnen dabei ebenso wichtig wie die Solidarität mit dem "Kampf des palästinensischen Volkes", die die vordergründige Legitimation des Anschlags lieferte. War dieser Anschlag ein "Ausrutscher", in dem sich ein weitreichendes, aber aufklärbares Mißverständnis des Begriffs der postfaschistischen Gesellschaft äußerte? Oder waren die Ereignisse die "Urszene" des bewaffneten Kampfes in der Bundesrepublik, in der die folgende Entwicklung sich spiegelt, die sie zugleich vorwegnimmt? In dem Buch Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus hat jetzt Wolfgang Kraushaar die Ergebnisse seiner diesbezüglichen Recherche veröffentlicht. Der Autor, Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, bemüht sich seit einigen Jahren um die Historisierung der Apo; zuletzt erregte er die Gemüter mit einem Aufsatz über Rudi Dutschke, in dem dieser als Vordenker der Stadtguerilla dargestellt wird. Kraushaars Kritikern geht sein buchhalterischer, an Manierismus grenzender Objektivismus auf die Nerven, weil er auf der Faktenebene, in die die Linken genauso verliebt sind wie er, nicht zu widerlegen ist.

Kraushaar ist kein radikaler Linker - was immer das sein mag -, er doziert über die Studentenbewegung vom Standpunkt der Normen und Werte der heutigen Politikwissenschaft, anders ausgedrückt: Er möchte Antje Vollmers Diktum von der zivilisierenden Kraft der Achtundsechziger wissenschaftlich beweisen. Selbstverständlich ist sein Thema für dieses Vorhaben sehr geeignet: Kaum ein Linker würde heute öffentlich die Bombe im Gemeindehaus verteidigen (am Kneipentisch sieht's manchmal noch anders aus), der bewaffnete Kampf ist Geschichte (abgesehen von den noch einsitzenden Gefangenen der RAF). Und selbstverständlich ist heute allein schon der Gedanke an Umsturz oder Revolution so fremdartig, daß die damaligen Versuche dazu nur abstrus anmuten. Das sind aber keine Argumente gegen Kraushaar, im Gegenteil, angesichts dieser realen Historisierung - daß die Verhältnisse von damals mit denen von heute nicht viel zu tun haben, weil dazwischen 1989 liegt - ist die Frage angebracht, weshalb Kraushaar überhaupt noch meint, nachhelfen zu müssen. Für Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus ist aber auch das nicht relevant, die Quellen, die Kraushaar präsentiert, sprechen zum Großteil für sich.

Das Attentat war kein "Ausrutscher". Genauso, wie es sowohl in der bürgerlichen Öffentlichkeit als auch in der antiautoritären Bewegung wahrgenommen wurde, war es gemeint. Es war kein Mißverständnis, sondern Resultat einer Melange aus antisemitischer Motivation und terroristischem Furor. Es ist daher kein Wunder, daß die Stadtguerilla diese Bombe nicht als "Startschuß" ihres Unternehmens reklamiert(e), denn sie hinterließ dem ganzen Unternehmen einen Makel, der sie bis zu ihrem Ende begleitet hat. Dennoch war, das weist Kraushaar nach, der 9. November 1969 ihre Geburtsstunde, denn in dem versuchten Attentat kulminierten verschiedene Entwicklungen. Wo in den vergangenen Jahren von diesem Anschlag die Rede war, stand das Ereignis als solches im Vordergrund, als Beleg für die antisemitische Tradition des Antiimperialismus. Kaum je war die Rede von den Tätern und ihrer Motivation, kaum je sprach man vom politischen und organisatorischen Hintergrund der Akteure oder von der Reaktion auf die Tat. Kraushaar unternimmt den Versuch, diese Zusammenhänge zu rekonstruieren, so, als reichte nicht schon die Tat selbst her, um alles andere zu diskreditieren; und richtig: Es geht immer noch eine Spur fürchterlicher, dümmer und unverzeihlicher.

Folgt man dem Autor, so war die Gruppe, die unter anderem als "Tupamaros Westberlin" firmierte, ein Spaltprodukt der Kommune 1, die mit dem Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus die Konsequenz eines Aufenthalts bei der Al Fatah in Jordanien zog. Die Palästinenser sollten gewissermaßen die Vietnamesen ersetzen, oder in den Worten von Dieter Kunzelmann: "Palästina ist für die BRD und Europa das, was für die Amis Vietnam ist. Die Linken haben das noch nicht begriffen. Warum? Der Judenknax. ›Wir haben 6 Millionen Juden vergast. Die Juden heißen heute Israelis. Wer den Faschismus bekämpft, ist für Israel.‹ So einfach ist das, und doch stimmt es hinten vorne nicht. Wenn wir endlich gelernt haben, die faschistische Ideologie ›Zionismus‹ zu begreifen, werden wir nicht mehr zögern, unseren simplen Philosemitismus zu ersetzen durch eine eindeutige Solidarität mit Al Fatah, die im Nahen Osten den Kampf gegen das Dritte Reich von Gestern und Heute und seine Folgen aufgenommen hat." Der drei Wochen nach dem Anschlag in der Szenepostille "Agit 883" erschienene "Brief aus Amman", Kunzelmanns Erfahrungsbericht von der Front ("Hier ist alles ganz einfach"), brachte die Neuorientierung auf den Punkt: Die Überwindung des "Judenknackses" ist die Voraussetzung, die Wirklichkeit zu begreifen und den Kampf aufzunehmen: "Daß die Politmasken vom Palästinakomitee die Bombenchance nicht genutzt haben, um eine Kampagne zu starten, zeigt nur ihr rein theoretisches Verhältnis zu politischer Arbeit und die Vorherrschaft des Judenkomplexes bei allen Fragestellungen." Mit der "Bombenchance" ist offenbar das Attentat gemeint.

Kraushaar zitiert Albert Fichter, der erklärt, die Bombe deponiert zu haben, und der Kunzelmann bezichtigt, die Idee zu der Aktion gehabt zu haben. Ob das nun stimmt oder nicht - Kunzelmann befleißigte sich der gleichen Wortwahl wie die Attentäter. Kraushaar will schließlich nicht nur die Zusammenhänge, sondern auch die Täter ausfindig machen. Die Behauptung, Kunzelmann habe sich an Tilman Fichter, dem damaligen SDS-Vorsitzenden, rächen wollen und deswegen dessen Bruder mit dem Attentat beauftragt, trägt beinahe verschwörungstheoretische Züge, was aber nicht zuletzt der Selbstinszenierung Kunzelmanns zu verdanken ist, der jenen "Brief aus Amman" in seine Memoiren faksimilieren ließ und zugleich über den Anschlag schrieb: "Jedem Linken hätte eigentlich klar sein müssen, daß eine derartige Aktion keinerlei Sympathien für die legitimen Anliegen der Palästinenser zu wecken vermochte; ganz zu schweigen davon, daß sie sich angesichts der deutschen Vergangenheit von selbst verbietet." Das schreibt der Erfinder des "Judenknackses", ohne auch nur einen Gedanken an seine zumindest publizistische Beteiligung an der antisemitischen Enthemmung zu verschwenden.

Albert Fichter war, wie so viele andere Studentenbewegte, wegen des Sechs-Tage-Kriegs 1967 von Israel enttäuscht: Plötzlich begriffen sie, daß ihr sozialarbeiterisches Mitleid nicht gefragt war, und fühlten sich zurückgestoßen, weil die Militanz des Judenstaates dem deutschen Moralpazifismus widersprach, den sie für die für alle verbindliche Konsequenz aus Auschwitz gehalten hatten. Fichter berichtet, daß er nach dem Krieg in Israel gewesen sei und das Land nun mit ganz anderen Augen wahrgenommen habe. Die Entschuldigung des nun abermals Geläuterten gerät ihm jedoch zur Mahnung: "Diese Stelle ist auf jeden Fall der richtige Augenblick, um bei der Berliner Jüdischen Gemeinde für diese üble Tat um Vergebung zu bitten. Gewalt löst keine Probleme, sie schafft nur neue." An wen ist das gerichtet? Später zitiert er die südafrikanischen Wahrheitskommissionen als beispielhafte Einrichtung für "Vergebung und Empathie" und meint, "israelisch-palästinensische Vereine für Angehörige von Terroropfern" seien ein "erster Anfang". Die diskrete Parallelisierung von Opfern impliziert die Parallelisierung des Terrors. Klingt es nicht so, als wolle er den Juden den Weg zu "Vergebung und Empathie" weisen? Fichter möchte nicht nur um Vergebung bitten: "Und dann habe ich dieser Veröffentlichung vor allem aus einem Verantwortungsgefühl der jüngeren Generation gegenüber zugestimmt. Ich möchte damit zeigen, wie leicht man in etwas hineinrutschen und zum Spielball einer eskalierenden Entwicklung werden kann, die kaum noch von einem selbst zu beeinflussen ist." Genau deshalb übrigens sind seine Anschuldigungen gegen Kunzelmann nur bedingt glaubhaft; wer sich als Spielball sieht, macht andere auch fürs eigene Tun verantwortlich. Zugleich ist in dieser Formulierung schon das ganze deutsche Elend aufgehoben - so spricht es seit Jahrzehnten aus willigen Vollstreckern.

Fichters Bericht belegt, daß der "Philosemitismus", den die Attentäter der Gesellschaft austreiben wollten, in Wirklichkeit die Projektion ihres eigenen Philosemitismus war - eine Reaktionsbildung gegen den Antisemitismus der Eltern, der überflüssig wurde, als man eine andere Projektionsfläche fand, die Palästinenser, die zudem eine politische Rationalisierung des latenten Antisemitismus erlaubten. Insofern war das Attentat ganz sicher eine Form des Exorzismus, und es hatte eine symbolische Wirkung bis weit in die Linke hinein. Kraushaar möchte den linken Antisemitismus als Phänomen der militanten, antiimperialistischen Gruppen verstanden wissen, als "kontinuitätsstiftendes Konstituens" der RAF, es sei nicht verallgemeinerbar. Dabei hat doch, wie er dokumentiert, der gesamte SDS die antizionistische Wende 1967 mitgetragen - und von dem Attentat distanzierte man sich damals auch nur, weil man es für kontraproduktiv hielt, nicht etwa für antisemitisch. Insofern halten Kraushaars Quellen nicht, was er verspricht, sie widersprechen seiner Intention, und hier wird deutlich, was ihn umtreibt: die Rettung der antiautoritären Revolte. Wenn er den Antisemitismus in einer abgefallenen Fraktion verorten kann, ist er zugleich exterritorialisiert aus der 68er Geschichte. So einfach kann Kraushaar es sich machen, und trotzdem ist etwas Wahres daran.

Ohne Zweifel nämlich gibt es diese Kontinuität, die sich nach 1969 von der Erklärung Ulrike Meinhofs zum palästinensischen Anschlag auf die Olympischen Spiele in München 1972 - die fatal an die Logik der Berliner Attentäter erinnert -, über die Selektion jüdischer Passagiere durch deutsche Flugzeugentführer 1976 bis zum versuchten Massenmord an sowjetischen Juden in Ungarn 1991 zieht. Die Frage ist, ob die Geschichte des bewaffneten Kampfes darin aufgeht bzw. untergehen muß. Gerade der Antizionismus unterschied die militanten nicht von den anderen linken Gruppen, der antiimperialistische Duktus ebensowenig. Von der Befreiung vom "Judenknacks" haben, wie sich Jahrzehnte später gezeigt hat, nicht nur die damaligen Militanten geträumt. Mit der Parallelisierung von Nazis und Juden und der Gleichsetzung von Israel und Nazideutschland haben sie allerdings etwas Originäres und Bleibendes geschaffen, bei dem sich heute von Norbert Blüm bis zur "Jungen Welt" alle bedienen, die, wie man so schön sagt, Israel kritisieren wollen. Sogar international hat diese rhetorische Figur eine wunderbare Karriere hinter sich - erst kürzlich bezeichnete der Autor und UN-Berichterstatter Jean Ziegler den Gaza-Streifen als "Vernichtungslager".

Literatur: Wolfgang Kraushaar: "Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus". Hamburger Edition, Hamburg 2005, 300 Seiten, 20 Euro

Tjark Kunstreich schrieb in KONKRET 7/05 über die Einheit der Naziverfolgten

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Literatur Konkret Nr. 36