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36 Jahre Konkret CD

36 Jahre Konkret CD


Heft 05 2008

Peter O. Chotjewitz

Aus Gegenwelten

Was verbindet den griechischen Stadtguerillero Savvas Xiros und den Schriftsteller Peter Weiss?

Peter Weiss, dessen Pariser Manuskript aus dem Spätherbst 1950 soeben erschienen ist, brauche ich nicht vorzustellen. Savvas Xiros, auch er Urheber eines Buches, Mitglied der griechischen Stadtguerilla 17N, sitzt seit 2002 im Gefängnis.

Am 29. Juni jenes Jahres wollte Xiros das Büro einer Schiffahrtsgesellschaft in die Luft sprengen. Die Bombe explodierte in seinen Händen. Mehr tot als lebendig wurde er von einer Geheimdiensteinheit entführt und in einem Krankenhaus versteckt gehalten. In dieser Zeit war er ununterbrochen mit Armen und Beinen ans Bett gefesselt und rechtlos, wie die Gefangenen in einem Knast der US-amerikanischen Administration - zum Beispiel Guantánamo.

Er erhielt keinen Anwalt. Kein Richter erließ einen Haftbefehl. Die auch in Griechenland üblichen Rechte von Zeugen und Beschuldigten waren außer Kraft gesetzt. Die Explosion wurde verschleiert, um die Presse nicht aufmerksam zu machen. Die Ärzte und das medizinische Personal handelten auf Anweisung seiner Bewacher.

Wer die Personen waren, die ihn zuweilen in großer Zahl umgaben und auszufragen versuchten, konnte er nur ahnen. Zu Gesicht bekam er sie nicht, denn seine Augen waren verbunden. Andererseits wurde alles, was man aus den wirren Aussagen des Schwerverletzten herauslas, protokolliert, in juristischen Text überführt und im Prozeß gegen die 17N verwertet.

Auch, welche Medikamente verabreicht wurden, ist unbekannt, so daß Xiros selber nicht weiß, worauf die alptraumhaften Zustände, die er in seinem Buch aus der Erinnerung beschreibt, zurückzuführen sind. Er ist sicher, daß man ihn intravenös unter Drogen setzte, um ihn zum Reden zu bringen, und daß auch andere Methoden der weißen Folter angewendet wurden. Als Xiros im September 2002 in die Realität des Hochsicherheitstrakts entlassen wurde, verkündeten die Massenmedien, daß der 17. November zerschlagen sei.

Sein Zustand war noch immer verheerend. Er hatte 25 Kilo abgenommnen und war so vollgepumpt mit Psychopharmaka, daß er kaum laufen konnte. Er hatte drei große Operationsnarben auf der Brust, die ihm keiner erklären konnte. Er sah nur trübe und verzerrt. Drei Finger der rechten Hand fehlen. Er hatte Schmerzen in der Brust. Lange danach wird man Rippenbrüche diagnostizieren. Er hat Kopfschmerzen und Schwindelgefühle. Später wird man feststellen, daß er ein Angiom im Gehirn hat, Klammern in der Schädeldecke und einen falsch zusammengefügten Schädelbruch. Er hat ein Aneurysma und eine Hepatitis, verursacht durch unsachgemäße Bluttransfusionen.

Das ist die Realität, auf der sein minutiöser Bericht über seine zwei Monate in einem griechischen Guantánamo beruht. Er schreibt über sein Auftauchen aus der Spurlosigkeit: "Aus der sterilen Intensivstation komme ich in eine unterirdische Toilettenzelle, in der immer wieder das Abwasser hochgedrückt wird. Ein psychisch toter Mensch. Eine unpersönliche Persönlichkeit, ein unbeständiger Charakter, ein ANDERER Mensch."

Heute ist Xiros fast taub und blind, dazu die übrigen Folgeschäden. Haftunfähig in Haft. Das ist die Realität, in der er seither leben muß.

Es gibt von Peter Weiss einen Satz über sich selber, der seine Situation beschreibt: "Ich bin nichts als Leere, in der die Brocken eines riesigen Schiffbruchs herumwirbeln. Das einzige, was mich noch zusammenhält und meine Hand führt, ist der absurde Wunsch, sich doch noch bemerkbar zu machen, doch noch eine Verbindung zu anderen Lebewesen herzustellen." Der Wunsch, "doch noch eine Verbindung zu anderen Lebewesen herzustellen", war es, der auch Xiros half, seine lange Agonie zu überstehen und seine Erfahrungen aufzuzeichnen.

Keine Frage: Die Willkür, von der das Buch von Peter Weiss handelt, geht nicht dermaßen kompakt und zielstrebig vom Staat aus, doch spielt diese übelste aller menschlichen Erfindungen auch in der Vorgeschichte seines Buches eine nicht unerhebliche Rolle. Sein Vater war nach deutscher Auffassung Jude, mußte 1938 nach Schweden emigrieren, und wie so viele Emigranten wurde auch der damals 22jährige Peter Weiss mit einem Schlag heimatlos, eine Art Ahasverus, begabt mit dem gnadenlosen Blick des verfolgten Außenseiters und einer surrealistischen Phantasie, einem Vaterkomplex und einer Mutterphobie, geplagt von Geldsorgen, Sexualneurosen, Selbstzweifeln und Überheblichkeiten, Identitätskrisen, ratlosen Analytikern. Ein Sammelsurium, das er in seinem Pariser Manuskript auf ein Dutzend Figuren verteilt - allesamt Facetten seines unfaßbaren Ich, das ihn lähmt und zum Scheitern verurteilt.

Er ist, damals noch, misogyn und sexbesessen zugleich, gierig nach Erfolgen als Maler, Filmemacher und Schriftsteller, denen er fast zwanzig Jahre lang, bis 1960 erfolglos, nachhechelt. Ihn als "ulysseshaft" zu bezeichnen, wie die Verlagswerbung es tut, um ein unpassendes Wort für seinen expressionistischen Stil zu finden, ist falsch. Verglichen mit dem frühen Weiss ist Joyce ein kerngesunder Wonneproppen.

Die von Axel Schmolke (siehe auch Axel Schmolke: "Das fortwährende Wirken von einer Situation zur anderen". Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 2006) edierte und kommentierte Ausgabe besteht aus vier aufeinander bezogenen Textfeldern, die durch editorische Notizen, einen Kommentar und ein Literaturverzeichnis ergänzt werden. Das zweite Textfeld, die "Traumprotokolle und -analysen" (23. Oktober bis 8. November 1950), steht chronologisch und inhaltlich an falscher Stelle, aber das stört nicht. Sie hat Weiss im Gepäck, als er am 8. November 1950 zum ersten Mal nach Paris reist, wo er bis Dezember in schwedischer Sprache die "Pariser Manuskripte", die allesamt fragmentarisch und nicht endredigiert sind, zu Papier bringt, wie man damals noch sagen konnte.

Die Traumprotokolle, die von Weiss sicher literarisch überformt wurden, bezeugen die seelische und materielle Situation, die ihn zum Aufbruch zwingt. Er muß aus allem raus, rein in die existentielle Randerfahrung, nur so ist eine neue Geburt möglich. "Daß er die Sprache nicht verstand, verstärkte sein Außenstehen." Auch Xiros leidet darunter, daß er infolge seiner Taubheit nicht versteht, was mit ihm gemacht wird. Aber Sprache verstehen ist nicht nur ein Zugang zum Ich. Als Weiss in Schweden die (deutsche) Sprache seiner Kindheit aufgeben muß, liegt darin auch eine Befreiung, und als er schwedisch spricht, akzeptiert er seine Losgerissenheit. "Ich habe den Emigranten überwunden."

Den Träumen schließt sich in der vorliegenden Ausgabe das im November entstandene "Pariser Typoscript" an, das an zweiter Stelle stehen sollte, da es mit den Worten beginnt: "Dies also ist Paris, dachte der Reisende, als die schmutzigen Vororte im diesigen Sonnenlicht auftauchten", wie der ganze Text die Situationen der Ankunft behandelt, bis auf den letzten Absatz, wo "der Reisende" am Tag seiner Abreise eine Katze sieht: "Er ging zu ihr hin und stumm betrachteten sie einander. Die Augen des statuenhaft sitzenden Tieres trafen das Animalische und Elementare in ihm."

Den Abschluß des Bandes bildet das ausführliche Nachwort Schmolkes, von dem auch alle Übersetzungen stammen. Auch diesen Text habe ich genossen, da ich wenig über den frühen Peter Weiss weiß.

Worin bestehen nun die Parallelen zwischen den Texten von Weiss und Savvas? Es sind die physischen, in Sprache und Bilder umgesetzten Emanationen der Existenzkrise. Bei Xiros wird sie durch Drogen erzeugt, Weiss ist sie immanent.

Es gibt viele Eigenheiten, die beide Texte über den hochgelobten Einheitsbrei dieser Tage erheben. Es ist der Verzicht auf "Handlung" und "Plot", es sind die short cuts, die aufblitzenden und sofort wieder verschwindenden Bilder, die beide Texte so faszinierend machen. Bei Xiros provozieren die Drogen und der Wechsel von Reizentzug und Reizüberflutung die Desorientierung, die schnell wechselnden Stimmungen, Halluzinationen, Ängste, Hoffnungen und Versuche, so etwas wie Realität zu definieren und festzuhalten. Eine große Rolle spielt die Furcht, die Genossen draußen ungewollt zu verraten und mit seinen Peinigern zu kollaborieren.

Bei Weiss sind die Bilder und Anekdoten so fragmentiert und verschnitten, daß der Text an Eisenstein und Peter Kubalkes Experimentalfilme erinnert, manches - der surrealistische Blick - auch an Filme von Buñuel und Cocteau ("Das Blut eines Dichters" und "Orpheus" vor allem). Es sind, während die Bilder von Xiros in der Krankenstation bleiben und die Ereignisse zwar akustisch und optisch nur verschwommen wahrgenommen werden, jedoch einen "Film in einer Einstellung" ergeben, bei Weiss die rasch wechselnden konkreten Szenen des Alltags in Bars, Stundenzimmern und Polizeistationen, auf Straßen, Plätzen und Märkten, die den Erzählstil bestimmen. Die Situationen sind aufgeladen mit den Emotionen und psychotischen Irritationen der Personen, deren Wege sich kreuzen, so daß der Eindruck einer großen Authentizität einer Figur entsteht, die als Figur des Autors entschlüsselt werden kann - der Maler, der Lebensgefährte, der Sohn, der Freier, der Tagebuchschreiber, der Reisende.

Wie artifiziell beide Texte sind, ist schwer auszumachen. Xiros hat seine Erlebnisse lange nach der Tortur aufgezeichnet. Weiss hat alles zwischen Ende Oktober und Dezember 1950 geschrieben, zum größten Teil in Paris vor Ort. Aber beschreiben die Autoren "Erlebnisse"? Zumindest bei Weiss ist es fraglich. Er hat Miller gelesen, das merkt man an den Sexszenen. Er schätzt Kafka, das merkt man an den parabelhaften Sequenzen, vor allem in der Auseinandersetzung mit dem Vater. Er kennt Joyce, den Surrealismus, die psychoanalytische Literatur freudianischer Provenienz. Das ist kein Manko, wenn einer zu schreiben anfängt.

Daß Xiros Vorbilder hatte, glaube ich nicht. Seine Sprache ist naturwüchsig und wurde unter der Folter freigelegt. Das mindert den literarischen Stellenwert seiner Aufzeichnungen nicht, die durch wenige politische Verlautbarungen nur gelegentlich pamphletisiert werden. Auch er stellt sich, als er ganz desorientiert ist, die Frage, die viele kennen: Der Schatten neben mir, ist das der Schatten meines Bewußtseins im Traum?

Peter Weiss: "'Füreinander sind wir Chiffren' Das Pariser Manuskript". Rotbuch, Berlin 2008, 194 Seiten, 19,90 Euro

Savvas Xiros: "Guantánamo auf griechisch. Zeitgenössische Folter im Rechtsstaat". Pahl-Rugenstein, Bonn 2007, 134 Seiten, 13,90 Euro

Peter O. Chotjewitz wagte in KONKRET 3/08 einen Ausblick auf die Wahlen in Italien

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Literatur Konkret Nr. 36