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36 Jahre Konkret CD

36 Jahre Konkret CD


Heft 08 2008

Ralf Schröder

Am Anfang war der Wahn

20 Jahre ideelles Gesamtfeuilleton: Zum Jubiläum präsentiert sich die Kulturzeitschrift "Lettre International" sendungsbewußter denn je.

Alle drei Monate, sobald eine Ausgabe der Zeitschrift "Lettre International" fertig ist, verfaßt die Redaktion einen Newsletter, um ihr Erzeugnis anzupreisen. Das wichtigste Merkmal dieses Newsletters ist traditionell ein eindringlicher Tonfall, der den Adressaten offensichtlich vermitteln soll, der Erwerb der Publikation sei das höchste Zeichen intellektueller Noblesse. Als vor einigen Wochen der 20. Jahrestag der Gründung der deutschen Ausgabe begangen wurde, hatten die in Berlin ansässigen Macher ein extradickes Heft zusammengestellt, und dementsprechend atemlos klang die Vorankündigung. "Auch unsere Zeit der spannungsgeladenen Globalisierung ist von tiefgreifenden Transformationen und Konvulsionen begleitet. Wie gehen wir damit um? Können wir überschauen, was geschieht? Woran sollten wir arbeiten? Welche Illusionen müssen wir verabschieden? Worauf kommt es am meisten an? Welches Wissen, welche Moral, welche Kultur brauchen wir? Welche Möglichkeitsräume eröffnen Wissenschaft und Technik, Kunst, Literatur und Wissenschaft noch?"

Daß Chefredakteur Frank Berberich zu den Gründungsmitgliedern der "Taz" gehört, paßt ebenso zu diesem Jargon wie das journalistische Programm, das er seinem Blatt im Rückblick auf die vergangenen 20 Jahre attestiert: "Kosmopolitisch, interdisziplinär, vielstimmig, unabhängig. Jede Ausgabe ein Gesamtkunstwerk aus Ideen, Analysen, ästhetischen Interventionen, eine besondere Art grenzüberschreitender Exzellenzinitiative. Wie ein global operierendes Unternehmen, das Rohstoffe und Ressourcen, Kapital und Expertisen überall zu finden und zu optimieren sucht ..." Für die Jubiläumsausgabe, die unter dem Titel "So leben wir jetzt / The Way We Live Now" erschien, habe man "funkelnde Beiträge" angefordert, "getragen von Originalität, Überzeugungskraft, Wissen, Weisheit, Temperament, Gefühl, Schönheit und Prägnanz" - und nie stellt sich das Gefühl ein, die pausenlos demonstrierte Meisterschaft im Aufzählen sei auch nur ansatzweise selbstironisch gemeint.

Die "spannende, schöne und reiche Entdeckungsreise", auf die Berberich seine Leserschaft schicken möchte, führt bereits auf Seite 20 zu einem Text von Friedrich Dieckmann, der sich gut vorstellen könnte, den Übeln der Welt mit den Ratschlägen Immanuel Kants beizukommen, und der in diesem Zusammenhang der Europäischen Union bescheinigt, einen hoffnungsvollen ersten Schritt in diese Richtung gegangen zu sein. Die EU würde Kant, "dem in langen Zeiträumen denkenden Prognostiker, bei aller zutage liegenden Unzulänglichkeit als die Verwirklichung seiner Hoffnungen, seiner Voraussicht erschienen sein".

Das Funkeln dieser subversiven Gedanken wirkt noch nach, da fesselt auf Seite 36 ein äußerst lebendiger Text der Star-Reporterin Elizabeth Rubin den Leser: "Vandenberges Kleidung ist von Blut durchtränkt, die Schußwunde hat eine Arterie getroffen. Rice hat eine Kugel in den Magen gekriegt. Ein Soldat benutzt die Kochausrüstung seiner Fertigmahlzeit, um Vandenberge warmzuhalten, damit er nicht in einen Schockzustand verfällt." Die Szene spielt im nordöstlichen Afghanistan, wohin Frau Rubin durch folgende Frage getrieben worden ist: "Warum töten wir, trotz all unserer Technologie, so viele Zivilisten durch Luftangriffe?" Um das herauszufinden, zieht sie mit Kompanieführer Dan Kearney und seinen Leuten durch das Korengaltal, schaut ihnen beim Kämpfen zu und trinkt bisweilen einen "heißen Kakao im Verpflegungszelt". Als sie abreist, ist sie immer noch ratlos, weil sie nicht zu sehen vermag, daß eine Antwort auf ihre Frage im Tonfall jener Erkenntnis liegen könnte, die Specialist Giunta, einer der US-Kämpfer, formuliert hat: "Die reichste, am besten ausgebildete Armee der Welt wurde von ein paar Typen in Wickelhosen mit veralteten Maschinengewehren besiegt."

"Zur Ethik des Krieges" ist dann ein Aufsatz von Rafael Sanchez Ferlosio überschrieben. Der Text führt in extremer Langatmigkeit Beispiele dafür an, daß man in früheren Zeiten und anders als heute "die Frage nach ›Recht‹ oder ›Unrecht‹ eines Krieges ausschließlich nach dem Kriterium der Beachtung eines ursprünglich religiösen Prinzips von genau festgelegten rituellen Konventionen" entschied. Mag sein, aber was Ferlosios Aufsatz wirklich bemerkenswert macht, ist die prahlerische Demonstration bildungsbürgerlicher Belesenheit, die hier - wie in vielen der anderen Beiträgen - den Ton prägt: "Das wie stets bei solchen Gelegenheiten zu Rate gezogene Vademekum, der Baedeker für alle Lebenslagen: das Werk Ciceros, wird auch in diesem Fall von Nutzen sein ..."

Der Philosoph Tzvetan Todorov hat sich eine neue Weltkarte "politischer Passionen" ausgedacht, auf der Länder des "Appetits" (Indien, China, Brasilien etc.), Länder des "Ressentiments" (islamische Staaten) und Ländern der "Furcht" (der Westen) zu sehen sind. Interessanter ist aber eine einleitende Bemerkung seines Aufsatzes: "Vielleicht erklärt das die Freude, die ich empfand, als um 1990 die kommunistischen Regimes in Europa zusammenbrachen. Es gab keinen Grund mehr für einen Ost-West-Gegensatz oder für eine Konkurrenz um die Weltherrschaft, alle Hoffnungen waren erlaubt. Endlich würden sich die alten Träume der großen liberalen Denker erfüllen, an die Stelle der Kriege würden Verhandlungen treten, eine neue Weltordnung, harmonischer als die Welt des Kalten Krieges, könnte sich durchsetzen."

Ohne das zu beabsichtigen, beschreibt diese Passage exakt die Stimmung, die zur Zeit der der Gründung von "Lettre" unter jenen Leuten vorherrschte, die solche Blätter bis heute herstellen und konsumieren. Nicht zufällig wurde Berberichs Zeitschrift erstmals im Mai 1988 auf einem Schriftstellerkongreß in Berlin präsentiert, der unter dem Titel "Ein Traum von Europa" und unter Federführung von Hans Christoph Buch und Peter Schneider darüber nachsann, wie man die Ordnung von Jalta überwinden könne.

Die Sache verhielt sich damals etwa so: Kaum hatte Gorbatschow seine Kapitulationspolitik begonnen, krakeelten "Dissidenten" und "Intellektuelle" innerhalb des Sowjetblocks immer lauter für Freiheit und Menschenrechte - fast durchweg Gestalten, die sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs so rasch wie möglich und meist für kleines Geld in die kulturelle und sozialwissenschaftliche Entourage des EU-Imperialismus eingegliedert haben. Im Westen drängten zur gleichen Zeit die grünen Bürgerkinder ins Establishment, die noch einige Jahre zuvor Friedensbewegung und Öko-Opposition gespielt hatten. Hier setzte sich rasend schnell die Einsicht durch, daß ein Sieg über Lenins abgehalfterte Erben einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz hervorbringen werde - eine Denkfigur, die im Begriff "Friedensdividende" ihren bündigsten Ausdruck fand. Im Kern übernahmen also sowohl die östlichen Dissidenten als auch die westlichen Konvertiten das zentrale Dogma der Antikommunisten, das besagte, jeglicher Unfrieden auf dem Planeten sei dem Sozialismus und dessen Expansionsstreben zu verdanken.

Im (oft vergeblichen) Bemühen, dem drohenden Schicksal der Lumpenbourgeoisie zu entgehen, machte sich damit in Ost und West ausgerechnet jenes Milieu, das sich selbst für den Hort der kritischen Vernunft hielt, die reaktionärste und primitivste der nach 1945 in Umlauf befindlichen weltpolitischen Wahnvorstellungen zu eigen. Wie diese Entscheidung zustande kam und welche Rolle sie für die weitere Entwicklung jener Aufklärung spielte, in deren Namen die alternativen Antikommunisten aktiv waren und sind, ist weder von innen noch von außen je untersucht worden. Oder kennt jemand eine Expertise aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung, die Antwort auf die Frage gäbe, wie sich eine so blöde und vernunftfeindliche Vorstellung wie die von der "Friedensdividende" unter den hiesigen Ökoliberalen und Sozialdemokraten durchsetzen konnte?

Wie sehr die Wahnvorstellung vom Ende der Geschichte zur Existenzbedingung für die ehemaligen intellektuellen Gorbatschow-Fans wurde, zeigt sich nicht zuletzt darin, daß man sie bis heute geradezu liebevoll pflegt. Chefredakteur Berberich schildert die tragische Romantik jener Jahre im Editorial der Jubiläumsausgabe so: "Der verheißungsvollen Perestroika folgte 1989 der Fall der Berliner Mauer, das sowjetische Imperium löste sich auf ...", jedoch: "Die Flitterwochen einer postideologischen Globalisierung in universeller Freiheit wichen bald der Ernüchterung angesichts der Wiederkehr vergangen geglaubter Konflikttypen. In Europa wurde wieder Krieg geführt, Minderheiten wurden vertrieben, und der Kontinent stand hilflos vor diesem Geschehen."

Inzwischen vieltausendfach formuliert, bemühen sich solche Erinnerungen mit ihrer falschen Melancholie regelmäßig um den Eindruck, die kritische Intelligenz habe 1988 ff. beim besten Willen nicht absehen können, daß außer dem Sowjetblock auf der Welt noch andere Übel existierten, die eine Ausbreitung der Frieden und Wohlfahrt garantierenden Marktwirtschaft behindern könnten. Den Vorwurf, die politischen Konfliktpotentiale seinerzeit ungenügend analysiert zu haben, nimmt das Milieu in diesem Zusammenhang geradezu freudig an - denn genau diese Selbstkritik läßt die offensive Bekennerfreude, mit der man vor 20 Jahren begann, Warenproduktion, freie Konkurrenz und privates Unternehmertum als Paradigmen einer glorreichen globalen Zukunft abzufeiern, bis heute vollkommen unberührt.

Mit diesem ideologischen Hintergrund präsentiert sich "Lettre" als ein buntes Feuilleton für ökodemokratische Bildungsbürger, die gern auch einmal eine exotische Geschichte vom Rande der zivilisierten Welt lesen. Und es ist vollkommen logisch, daß die Redaktion vom Klimawandel bis zur Nanotechnologie die brennenden Fragen der Zeit ohne Scheu anpackt, darunter auch die, welche Ethik beim Bau von Robotern zu beachten sei. Angesichts der Fülle drängender Zukunftsthemen war es natürlich von Vorteil, daß bereits entschieden ist, auf welche Weise die Menschheit auch künftig die Erzeugung von Gütern und Lebensmitteln organisieren wird - für diesen Komplex mußte man glücklicherweise in der Jubiläumsausgabe nur vier der knapp 250 Seiten reservieren. Sergio Benvenuto nutzt sie, um die zentrale Mythologie des Milieus noch einmal abzufeiern: "Alle großen Ideologien mit Massenwirkung - Nationalismus, religiöser Konfessionalismus, Populismus - sind Spielarten des gleichen Widerstandes gegen die liberale, offene Gesellschaft des Kapitalismus."

Angesichts dieser Komposition verwundert es kaum, daß die Kolleginnen und Kollegen Berberichs Angeberblatt durchweg in höchsten Tönen loben. Die Verwandtschaft aus der"Taz"-Redaktion spricht von einer "geradezu unglaublichen Ausnahmeerscheinung auf dem Zeitschriftenmarkt: sperriges Format, anspruchsvoller Inhalt, sehr viel Text." Die "Zeit" sieht in den Urhebern der Beiträge "die künstlerische und intellektuelle Avantgarde des 21. Jahrhunderts". Arno Widmann, früher "Taz", heute "FR", benotet die Arbeit der Redaktion als "wahrscheinlich die beste Aufklärung über die globalisierte Welt, die der Markt der Printmedien - weltweit - zu bieten" habe. "›Lettre International‹ wirkt mal als ein scharfes Skalpell, das Sein und Schein voneinander löst, mal als ein Rammbock, der die von der Propaganda errichteten Mauern zum Einsturz bringt." Nur diese? Wo waren Berberich und seine Crew eigentlich am 9. November 1989?

Ralf Schröder schrieb in KONKRET 7/08 über die "Kultur des Aufstiegs" in der Bundesrepublik

KONKRET Text 56


KONKRET Text 55


Literatur Konkret Nr. 36