Sonntag, 1. August 2010
   
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36 Jahre Konkret CD

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Aus aktuellem Anlaß

Steven V. Selthoffer

"'Sprechen Sie deutsch!'"

Der in Bonn lebende US-Bürger Steven V. Selthoffer ist ein international bekannter Sportjournalist. Am 31. Mai wurde er in einem Bonner Café mit einem Gegenstand auf den Kopf geschlagen und schwer verletzt, als er zusammen mit anderen eine Gruppe antiisraelischer Demonstranten beruhigen wollte - und englisch sprach.

konkret: Was ist am 31. Mai im Bonner "Starbuck's Café" passiert?

Selthoffer: Als ich da etwa 20 Minuten gesessen hatte, rief plötzlich jemand von der Tür her, alle sollten still sein. Es war ein Deutscher, der das Café gerade betreten hatte, der Anführer einer Gruppe von Demonstranten. Er hatte Dreadlocks, die er mit einem Haarnetz zusammengebunden hatte. Ein ziemlich großer Typ, fast zwei Meter.

Er hat also einen einschüchternden Eindruck gemacht?

Oh ja, auf jeden Fall. Er schrie: "Achtung! Ruhe!" Er schrie so lange, bis wirklich alle still waren. Er sprach die Leute einzeln an und verlangte volle Aufmerksamkeit. Auch zu mir sagte er das, obwohl ich ohnehin nicht gesprochen habe, sondern mit einer neuen iPhone-Application beschäftigt war. Dann hielt er eine Ansprache. Ich habe nicht zugehört, aber als er eine englischsprachige Nachricht zitierte, bekam ich mit, daß es um Israel und Gaza ging. Er machte auf die Demonstration aufmerksam, die draußen stattfand. Die Gäste haben versucht, ihn niederzubrüllen, er solle abhauen. Aber er hörte nicht auf, sondern wurde immer lauter. So ging das etwa vier oder fünf Minuten, schätze ich. Als er dann einige junge Mädchen neben ihm richtig niederbrüllte, sagte ich einige Sätze auf Deutsch: "Ruhe bitte!" und "Raus!" Aber es war so laut, daß mich niemand gehört hat. Als er die Mädchen weiter anschrie und seine Rede fortsetzte, haben andere Gäste ihm gesagt, er solle gehen. Jetzt stand auch ich auf und sprach ihn auf Englisch an. Ich sagte etwas wie: "This is not a political forum. Take it outside, let us drink our coffee in peace." Ich sagte das ziemlich laut. Daraufhin wandten sich etliche Leute, die in der Zwischenzeit reingekommen waren, zu mir und ließen zahlreiche antiamerikanische Beleidigungen gegen mich los. Zu diesem Zeitpunkt wußte ich weder etwas von den Gaza-Vorfällen und den Toten, die es dabei gegeben hatte - mit Ausnahme dessen, was der Anführer dieser Leute erzählte - noch Genaueres über die Proteste auf der Straße.

Die hatten Sie nicht bemerkt?

Nein, von meinem Platz aus konnte ich sie nicht sehen, und auf der Straße hatte ich sie auch nicht bemerkt, da ich aus einer anderen Richtung gekommen war.

Aber als Sie später das Café verließen, haben Sie die Demonstration gesehen?

Auf dem Weg zur Polizei sah ich eine Demo und drei oder vier palästinensische Fahnen. Die Polizei sagte mir, daß es etwa 200 oder 300 Leute waren.

Was passierte, nachdem Sie sich geäußert hatten?

Ich habe mich wieder hingesetzt. Ein Deutscher klopfte mir von hinten auf die Schulter und schrie: "Sprechen Sie deutsch!" Ich antwortete auf Deutsch, daß mein Deutsch nicht sehr gut sei. Dann drehte ich ihm wieder den Rücken zu. Er klopfte mir erneut auf die Schulter und schrie so, daß ich seine Spucke fühlen konnte: "Sprechen Sie deutsch!" Ich drehte ihm wieder den Rücken zu. Kurze Zeit später wurde mir von hinten ein Gegenstand mit voller Wucht auf den Kopf geschlagen.

Was für einer?

Ich habe keine Ahnung, was das für ein Gegenstand war - aber es tat sehr weh, und ich verlor wohl für zwei, drei, vier Sekunden das Bewußtsein. Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, daß ich stand. Als Fernsehjournalist war ich in Sarajewo, Zimbabwe und in Südafrika während der Übergangsperiode. Ich weiß, was eine Leben-oder-Tod-Situation ist - dies war eine.

Wie haben die Starbucks-Angestellten reagiert?

Selthoffer: Sie blieben die ganze Zeit untätig. Nachdem ich den Schlag auf den Kopf bekommen hatte, habe ich mich an den Manager gewandt und gesagt: "Man hat mir von hinten auf den Kopf geschlagen, ich habe Schmerzen. Rufen Sie die Polizei." Er sagte grinsend "Nö" und ging weg. Ich habe das drei- oder viermal wiederholt. Doch die Leute von Starbucks wollten einfach nicht die Polizei rufen und ließen den Täter und auch den Anführer ihrer Wege gehen. Der Starbucks-Manager wollte mir nicht einmal seinen eigenen Namen sagen.

- Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Stefan Frank -

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Literatur Konkret Nr. 34