Freitag, 10. September 2010
   
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36 Jahre Konkret CD

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Heft 05 2007

Herrschaftszeiten

We don't need no education (1)
    21. März, "FAZ":
Die Berliner Polizei prüft einen antisemitischen Vorfall an ihrer Polizeischule. Es seien "Äußerungen einzelner Auszubildender gefallen, die auf nicht tolerierbare Fehleinstellungen schließen lassen", sagte Polizeipräsident Glietsch. Wie die "Berliner Zeitung" berichtete, hatte eine Klasse angehender Polizisten in einer Unterrichtsstunde über die Zeit des Nationalsozialismus erklärt, sie wollten "nicht dauernd an den Holocaust erinnert werden". Es sollen Äußerungen gefallen sein, daß Juden "reiche Leute" seien. Zeuge des Vorfalls Ende August war ein 83 Jahre alter Holocaust-Überlebender, der einen Vortrag vor der Klasse gehalten hatte.

Organisches Wachstum
    21. März, "Jungle World":
Im Bundesstaat South Carolina können sich manche Häftlinge möglicherweise bald auf eine frühzeitige Entlassung freuen. Allerdings werden sie das Gefängnis nicht ganz vollständig verlassen, denn die Voraussetzung für einen Strafnachlaß wäre, daß sie eine Niere oder Rückenmark spenden. Diese Regelung sieht ein Anfang März eingebrachter Gesetzesvorschlag vor. "Mit diesem Gesetz könnten wir Geld sparen, die Gesundheitspflege verbessern und Leben retten", meint Ralph Anderson, Senator und Hauptinitiator des Gesetzentwurfs. Schließlich warten etwa 95.300 Amerikaner auf eine Organtransplantation, und jährlich sterben über 6.700, bevor für sie ein passendes Organ gefunden wird. "Es ist nicht nur unethisch, sondern wahrscheinlich sogar rechtswidrig", gibt dagegen der Rechtswissenschaftler Lawrence Gostin zu bedenken. Die Bundesgesetze verbieten es, für Organspenden Gegenleistungen anzubieten. Der Senat von South Carolina hat deshalb die Debatte über den von seinem Komitee für Gefängnisverwaltung bereits genehmigten Entwurf verschoben.

We don´t need no education (2)
    21. März, "Tagesspiegel":
Polens Bildungsminister Roman Giertych hat seine eigenen Vorstellungen, wie die Jugend des Landes in den Schulen erzogen werden soll. Patriotische Haltung, Prügelstrafe und Schuluniformen sind Standardforderungen in seinem Programm. Doch in den vergangenen Tagen hat sich Giertych selbst übertroffen. Der konservative Politiker will die jungen Menschen vor "homosexueller Propaganda" schützen. Stimmt das Parlament dem Gesetzentwurf zu, werden alle Publikationen, inklusive Aufklärungsmaterial über homosexuelle Beziehungen, unter Strafe gestellt. Lehrer, die die Möglichkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen im Unterricht auch nur erwähnen, müssen damit rechnen, aus dem Schuldienst entlassen zu werden ... Giertych und sein Stellvertreter Miroslaw Orzechowski verstehen die Aufregung nicht. Sie berufen sich bei ihrer Initiative auf das Gesetz. "Die polnische Verfassung sagt, daß der Staat die Familien schützen soll. Schon deshalb sind wir zu diesem Schritt verpflichtet", erklärt Orzechowski. Und er kann sogar Beweise für "homosexuelle Propaganda" vorlegen. An einer Schule in Krakau war 2005 ein Anti-Aids-Projekt ins Leben gerufen worden, in dessen Rahmen eine schwul-lesbische Gruppe Broschüren zum Thema "Sicherer Sex" austeilte. Darin war auch ein Foto zweier sich küssender Männer zu sehen. Orzechowski: "Solche Bilder sprechen für sich."

Schaut auf diese Stadt
    21. März, "Tagesspiegel":
In Berlin ist die Zahl rechtsextremer Straftaten im vergangenen Jahr erneut stark gestiegen. Fast 2.000 Fälle zählte die Polizei - 23 Prozent mehr als 2005. Allein die Propagandadelikte und Gewalttaten rechter Schläger haben sich auf 110 Delikte mehr als verdoppelt, heißt es in der am Montag vom Innensenator vorgestellten Kriminalstatistik für 2006. Die Berliner Opferberatungsstelle "Reach Out" widerspricht dieser Statistik. Die Vereinigung hat für 2006 noch mehr Gewalttaten als der Senat gezählt und kommt auf 155 Angriffe mit rechtsradikalem Hintergrund. In diesem Jahr sei damit seit 2002 die höchste Zahl an Angriffen und Bedrohungen bekannt geworden. In 50 Fällen wurden Menschen aus rassistischen Motiven überfallen. Gegen vermeintliche Linke richteten sich laut "Reach Out" 30, gegen Homosexuelle acht Übergriffe.Friedrichshain ist mit 50 Gewalttaten auch im Jahr 2006 der Stadtteil mit der höchsten Zahl der Angriffe. Im Vergleich zum Vorjahr gab es dort doppelt so viele Übergriffe, teilte die Opferberatungsstelle mit. Eine Erklärung dafür könnten die Verkehrsknoten im Süden des Stadtteils sein, sagte Bianca Klose von der "Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus". Gerade an den Bahnhöfen Ostkreuz und Warschauer Straße träfen regelmäßig Täter und potentielle Opfer aufeinander. Der Senat hat für die erste Jahreshälfte 2006 ermittelt, daß nur jeder dritte rechtsextreme Täter im eigenen Kiez zuschlägt. Klose geht davon aus, daß insbesondere Überfälle auf vermeintliche Linke zugenommen haben. Insgesamt könne aber auch die erhöhte Wachsamkeit innerhalb der Bevölkerung dazu geführt haben, daß mehr rechte Straftaten angezeigt worden sind.

"Der Klimawandel ist doch für die Industrie nichts Negatives, sondern eine faszinierende Herausforderung"

Klaus Töpfer (CDU), ehemaliger Umweltminister

A Kind of Magic
    22. März, "FAZ":
Stephan Lamm, der Leiter des Kepler-Gymnasiums, hat persönlich zwar nichts gegen den Magier in Ausbildung. Aber weil sich zwei Elternpaare in ihren christlichen Gefühlen verletzt sehen, wird der erste Band der Reihe (Harry Potter und der Stein der Weisen) nicht wie geplant im Unterricht behandelt. Zuvor hatte es laut Lamm während eines Elternabends eine sehr emotionale Diskussion gegeben, in der sich schließlich eine Mehrheit dafür ausgesprochen habe, Potter doch weiterhin im Unterricht zu behandeln. Lamm will dennoch die religiösen Gefühle der Potter-Kritiker respektieren. Er weiß dabei den Lehrplan auf seiner Seite. Darin sind "Märchen- und Zaubergeschichten" fest verankert, aber Potter ist nur eine von vielen möglichen Leseempfehlungen, wie eine Sprecherin des sächsischen Kultusministeriums bestätigte. Scharfe Kritik an den Potter-Romanen hatte im Jahr 2003 der damalige Kardinal Ratzinger geübt. Der heutige Papst Benedikt XVI. erkannte darin "subtile Verführungen, die unmerklich und gerade dadurch tief wirken und das Christentum in der Seele zersetzen".

We don´t need no education (3)
    23. März, "Welt":
Muslimische Schüler in Nigeria haben ihre christliche Lehrerin wegen einer angeblichen Beleidigung des Korans zu Tode geprügelt. Die Jugendlichen einer Schule im Bundesstaat Gombe im mehrheitlich muslimischen Norden des Landes hätten außerdem mehrere Klassenräume in Brand gesetzt und den Schuldirektor zusammengeschlagen, berichtete die nigerianische Zeitung "This Day". Die Lehrerin habe eine schriftliche Prüfung im Fach islamische Religionslehre beaufsichtigt und einen Schüler des Schummelns verdächtigt. Sie habe ihm seine Bücher abgenommen, unter anderem auch einen Koran. Dies habe die Schüler in Rage gebracht. Die Polizei nahm zwölf Verdächtige fest.

Bürger in Uniform
    28. März, "Berliner Morgenpost":
Im Prozeß um die Mißhandlung von Bundeswehrrekruten hat ein Ausbilder die Folterung eines Soldaten mit Stromstößen gestanden. Er habe dem Rekruten bei einer fingierten Geiselnahme zwei Kabel an die Wade gehalten, und ein anderer Soldat habe den Stromerzeuger bedient, sagte der Angeklagte am Mittwoch vor dem Landgericht Münster. Dabei habe er die Drähte noch mit den Fingerspitzen berührt, um die Stromstärke zu kontrollieren. Er bedauere die Ereignisse heute sehr. "Es war die größte Dummheit meines Lebens", sagte der vom Dienst suspendierte Soldat. Der frühere Oberfeldwebel war erst der zweite der insgesamt 18 Angeklagten, der vor Gericht ein Fehlverhalten einräumte. Er bestritt allerdings gleichzeitig, daß die mitangeklagten vorgesetzten Zugführer von den Mißhandlungen gewußt hätten. "Sie waren nicht anwesend, und wenn sie davon gewußt hätten, dann wären sie eingeschritten", meinte er. Der Vorsitzende Richter Manfred Mattonet ließ nach dem Bericht des Ausbilders das Gerät, mit dem die Stromstöße verabreicht wurden, im Gerichtssaal aufbauen und testete es an sich selbst. "Das fühlt sich an, wie wenn man in einen Weidezaun greift", sagte der Richter. Zwei weitere Angeklagte bestritten dagegen, an Mißhandlungen beteiligt gewesen zu seien. Einer der Ausbilder berichtete, er sei im Gegenteil bei einer der fingierten Geiselnahmen selbst verletzt worden. Während der letzten Geiselnahmeübung hätte sich eine Gruppe von Rekruten stark gewehrt, erklärte er. "Einer der Rekruten hielt beim Zugriff ein Taschenmesser in der Hand. Ich trug eine leichte Schnittverletzung davon, und wir haben die Sache daraufhin abgebrochen." Vor der 8. Großen Strafkammer des Münsteraner Landgerichts müssen sich der Kompaniechef und 17 Ausbilder des Instandsetzungsbataillons Coesfeld verantworten. Ihnen wird Mißhandlung und Entwürdigung von 163 Rekruten bei insgesamt vier simulierten Geiselnahmen im Sommer 2004 vorgeworfen. Dabei sollen die Rekruten nicht nur mit Stromstößen aus einem Feldfernsprecher traktiert worden sein. Laut Anklage wurden sie auch mit Tritten und Schlägen bearbeitet und beschimpft. In der vorangegangenen Verhandlung hatte bereits ein Angeklagter berichtet, den Rekruten sei mit einer sogenannten Kübelpumpe Wasser in Mund, Nacken und Hose gepumpt worden. Der Richter hatte in diesem Zusammenhang von Folter gesprochen. Die Soldaten selbst hatten einige der Mißhandlungen auf "Erinnerungsfotos" festgehalten. Man habe sich durch die vorgesetzten Zugführer ermuntert gefühlt, einige Rekruten "härter ranzunehmen", hatte ein Angeklagter berichtet.

We don't need no education (4)
    11. April, "Hamburger Abendblatt":
Eine Studie der renommierten britischen Historical Association im Auftrag der Regierung Blair hat ein alarmierendes Ergebnis erbracht. Die gemeinnützige Vereinigung aus 6.000 Historikern, Geschichtslehrern und anderen Experten ermittelte, daß britische Schulen zunehmend kontroverse Themen wie den Holocaust, die Kreuzzüge oder die Sklaverei vom Lehrplan absetzen - aus Angst vor Rassismus und Repressionen vor allem muslimischer Mitschüler und deren Umfeld. Wie der Londoner "Daily Telegraph" berichtete, strichen etliche Lehrer das Thema Holocaust komplett, weil sie antisemitische Reaktionen der Muslime fürchteten. Andere verzichteten darauf, die Kreuzzüge christlicher Ritterheere ins Heilige Land zu vermitteln - weil die örtlichen Moscheen eine völlig entgegengesetzte Darstellung dieser Vorgänge lehrten. Geschichtslehrer seien "unwillig", "belastete" Abschnitte der Geschichte zu vermitteln, bei denen die Überzeugungen mancher Schüler in der Familie, in ihrer Gemeinschaft oder in ihren Gotteshäusern berührt seien, heißt es in dem vom Londoner Erziehungsministerium finanzierten Report.
Stefan Frank

KONKRET Text 50


KONKRET Text 49


Literatur Konkret Nr. 34